Die Koalition kann sich nicht auf eine Reform der Pflegeversicherung einigen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hält eine weitere Verschiebung für unverantwortlich - und wird darin von dem Pflegeexperten Claus Fussek bestärkt, der sich seit beinahe 30 Jahren für die Rechte und die Würde alter Menschen einsetzt.Herr Fussek, wie möchten Sie im Alter gepflegt werden?Meine Kinder haben mir ein Schild geschenkt: Sei lieb zu Deinen Kindern, denn sie suchen Dir das Pflegeheim aus.Können Sie sich vorstellen in ein Heim zu gehen?Ein klares Nein. Ich kenne übrigens niemanden, der nicht lieber zu Hause bleiben möchte. Und wenn schon in ein Heim, dann wäre es für mich zum Beispiel unvorstellbar mit einem schnarchenden Bayern-Fan ein Doppelzimmer zu teilen. Ich nehme diese Beispiele, damit die Leute wissen, was einen erwartet. Heim heißt, sich bis zum Lebensende ein Zimmer mit wildfremden Menschen teilen zu müssen.Welche Reformen wären nötig, damit Menschen keine Angst mehr vor dem Alter haben müssen?Seit drei Jahren wird die Reform der Pflegeversicherung immer wieder verschoben, ohne dass es öffentlich zur Kenntnis genommen wird. Dabei bräuchten wir dringend eine Systemveränderung. Als erstes müssten Kranken- und Pflegekassen zusammengelegt werden.Was würde das ändern?Prävention und Rehabilitation waren und sind Kernstück der Pflegeversicherung. Mit Hilfe einer guten Krankengymnastik oder Bewegungstherapie kann verhindert werden, dass ein alter Mensch zum Pflegefall wird. Die Krankenkassen aber haben wenig Interesse daran, weil sie hier für Leistungen zahlen, von denen am Ende die Pflegekasse profitiert, weil der alte Mensch nicht gepflegt werden muss. Das zweite Problem ist: Gute Pflege wird bestraft, schlechte belohnt. Ein Beispiel: Eine alte Frau kommt nach einem Sturz in ein Heim, sie hat Pflegestufe 2. Zwei kompetente und engagierte Pflegerinnen machen Übungen mit ihr, motivieren. Die Frau wird selbstständiger, kann sich wieder selbst waschen, alleine essen und zur Toilette gehen. Sie wird zurückgestuft in Pflegestufe 1, das Heim bekommt weniger Geld. Das ist Irrsinn. In der Realität werden Menschen oft in die Betten gepflegt, damit mehr Geld fließt.Wollen Sie das gesamte System auf den Kopf stellen?Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Gute Pflege ist möglich, schon heute. Aber alles steht und fällt mit der Heimleitung, ob sie Rendite machen will oder nicht. "Eines meiner Unternehmensziele ist die Verringerung der Einnahmen", hat Franz-Josef Stoffer, Geschäftsführer von 14 Caritas-Heimen in Köln gesagt. Dem Mann würde ich meine Eltern anvertrauen.Was bedeutet es für Pflegekräfte und Gepflegte, wenn die Reform einmal mehr verschoben wird?Es ist ähnlich wie beim Klimawandel: Wir haben kein Erkenntnisproblem. Die Zahlen und Ursachen sind bekannt, aber es geschieht nichts. Dabei muss man nur die demografische Entwicklung betrachten. Wir wissen auch, dass die häusliche Pflege nur mit Hilfe von schätzungsweise 70 000 sogenannten Illegalen aus Osteuropa aufrecht erhalten wird. Wir kennen den Personalmangel in Pflegeheimen, wir wissen, dass in vielen Heimen unwürdige Zustände herrschen. Aber statt etwas zu tun, leisten wir uns ständig neue Studien und Modelle, die belegen, was wir längst wissen.Warum tut sich nichts?Die Würde des Menschen ist altersabhängig. Die Gesellschaft interessiert sich nicht dafür, was mit den Großeltern oder Eltern geschieht. Zum anderen werden Milliarden mit schlechter Pflege verdient. Es gibt sehr viele Institutionen und Funktionäre, die davon leben, dass sich nichts bewegt. Jeder Dekubitus, ein Druckgeschwür, das durch schlechte Vorsorge entsteht, ist ein Wirtschaftsfaktor und sichert Arbeitsplätze im Krankenhaus. Die Behandlung eines schweren Dekubitus kann bis zu 30 000 Euro kosten. Das ist mehr als eine Pflegekraft im Jahr verdient. Die Behandlung eines Oberschenkelhalsbruchs kostet etwa 10 000 Euro; Hüftprotektoren, die solche Brüche mit verhindern helfen, nur etwa 40 Euro. Das leere Bett im Pflegeheim wird während des Krankenhausaufenthalts zu achtzig Prozent weiter bezahlt und der Patient erhält im Anschluss meist eine höhere Pflegestufe. Das ist neben unterlassener Hilfeleistung und Körperverletzung auch noch Geldverschwendung. Es wäre die selbstverständliche Aufgabe der Krankenkassen hier zu kontrollieren, was mit ihrem Geld geschieht.Die Koalition möchte die ambulante Pflege stärken. Ein guter Weg?Das fordern wir seit Jahren. Doch die Politiker wollen dies kostenneutral gestalten. Das geht nicht. Die ambulanten Dienste müssen wie Pflegekräfte in Heimen in Minuten abrechnen. Zweimal eine Viertelstunde am Tag, das bringt nichts. Das hat mit realen Bedürfnissen nichts zu tun. Man kann nicht sagen: 'Wir gehen nicht mehr auf Toilette, weil das Essen länger gedauert hat.' Ich bin für die Abschaffung der Pflegestufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel muss das Thema Pflege zur Chefsache erklären. Wenn man auf der einen Seite gegen Sterbehilfe ist, muss man auch sagen, wie man die Menschen pflegen will. Wir brauchen eine Ministerin Ursula von der Leyen für alte Menschen, jemanden, der sich absolut parteiisch für alte Menschen einsetzt, so wie es von der Leyen für Kinder tut.Wie viel Geld ist nötig? Reichen sechs Euro monatlich aus, wie sie Bayerns Sozialministerin gefordert hat?Es geht nicht um sechs Euro. Solange es keine Kostentransparenz gibt, solange wir Milliarden an den Folgen schlechter Pflege verschwenden, solange wir teure Medikamente dem Sondermüll übergeben, solange wir die ärztliche Versorgung in Heimen nicht sichergestellt haben und die Menschen immer wieder in Krankenhäuser gekarrt werden, solange begreife ich nicht, warum wir ausschließlich über eine Erhöhung der Beiträge reden. Es ist genug Geld im System - damit meine ich Pflege- und Krankenkasse. Aber es können nicht alle ihre Pfründe behalten.Wer muss etwas abgeben?Pflege darf nicht wie ein Wirtschaftsprodukt vermarktet werden. Börsennotierte Heimträger kann ich nicht durch die Pflegeversicherung subventionieren. Es muss klar sein, wohin die Gelder fließen. Dazu brauchen wir eine wirksame Kontrolle und nicht Besuche der Heimaufsicht oder des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die vier Wochen vorher angemeldet werden müssen.Das Gespräch führte Kerstin Krupp.------------------------------Foto: Claus Fussek, 54, ist Sozialpädagoge und hat in München die "Vereinigung zur Integrationsförderung" als Anlaufstelle für Angehörige und für Pflegepersonal mitgegründet. Über 40 000 Beschwerden über Missstände in Heimen sind seither eingegangen. Fussek ist Mitautor von "Alt und abgeschoben", Herder Verlag.Foto: Wie gut für alte Menschen in Pflegeeinrichtungen gesorgt wird, hängt vor allem von der Leitung der Heime ab.