BERLIN. Die Behörden im Grenzgebiet von Portugal und Spanien kümmerte es wenig, wo der Mann lebte, der in hunderten Fällen Kinder missbraucht haben soll. Seine Aufenthaltsorte dies- und jenseits des Grenzflusses Rio Minho waren bekannt, doch die Polizei der Region ignorierte offenbar den europäischen Haftbefehl, mit dem deutsche Fahnder seit sechs Jahren nach dem Mann suchten.Er heißt Ulrich Schulz, ist 59 Jahre alt, gebürtig aus Hamburg. Besser bekannt war er unter dem Künstlernamen Oliver Shanti, als einer der größten Popstars der Esoterikszene. Der Haftbefehl verzeichnet 116 Missbrauchsfälle, die Polizei in München geht von mehr als 1 000 Fällen aus, elf Opfer wurden als Zeugen gehört.Am Freitag wurde Shanti von Fahndern der Policia Judiciaria im Zentrum der portugiesischen Hauptstadt Lissabon festgenommen, bestätigte die Staatsanwaltschaft München am Montag. Wie die Berliner Zeitung erfuhr, hatte Shanti kurz nach Mittag die Konsularabteilung der Deutschen Botschaft in Lissabon betreten, um einen neuen Reisepass zu beantragen. Der große, extrem übergewichtige Mann soll seit einiger Zeit an Leukämie erkrankt sein. Den Konsularbeamten sagte er, er benötige die Ausweispapiere, um nach Brasilien zu fliegen, wo er sich wegen des Krebsleidens behandeln lassen wollte. Er stellte sich ihnen unter seinem bürgerlichen Namen Ulrich Schulz vor. Als sie im Fahndungsbuch auf den Namen stießen, benachrichtigten sie die Policia Judiciaria und hielten Schulz etwa eine halbe Stunde hin, bis der Fahndungstrupp eintraf. Die Polizisten verhafteten den Deutschen, als er die Botschaft verließ.Von seiner Sekte gedecktMit der Festnahme von Oliver Shanti endet eine Geschichte, die Mitte der siebziger Jahre mit deutschen Hippies und ihrem Trip zur Erleuchtung nach Indien begonnen hatte. In einem zentralindischen Dorf trafen sie auf den Hamburger Schulabbrecher Shanti, der dort kiffte und sich von indischen Jungen bedienen ließ. "Wir haben meditiert, und Oliver Shanti hat uns die Welt erklärt", sagt Thomas Euler, einer der früheren Anhänger, der ihn vor sechs Jahren bei der Polizei anzeigte. Shanti ist indisch und bedeutet Frieden."Oliver ist ein Monster", sagt Euler, der seinen echten Namen nicht nennen will. "Wir waren blind, dass wir nicht gesehen haben, was dort vor sich ging." Shanti habe schon damals Kinder angelockt. Als er ihn einmal danach fragte, habe der selbsternannte Guru geantwortet: "Ich transformiere ihre Liebe auf eine höhere Ebene." Nach fünf Jahren in Indien ging Euler 1981 zurück in den bayerischen Wald und brachte Oliver Shanti mit, der innerhalb kurzer Zeit zwanzig Anhänger um sich scharte, mit ihnen eine Art Sekte begründete und nach München übersiedelte.Mitte der achtziger Jahre richteten sich Shantis Kommunarden ein Tonstudio ein, produzierten Musik für die Esoterikszene und hatten damit gigantischen Erfolg; zuweilen machten sie zwei Millionen Mark Umsatz im Monat. Das Geld floss auf die Konten Shantis, und 1986 kaufte er ein Landgut im Norden Portugals, das er mit hohen Zäunen abschirmen ließ.Während die meisten seiner Jünger weiter in Deutschland arbeiteten, überzeugte Shanti sie, ihm ihre Kinder zur Pflege nach Portugal zu schicken. "Drei Jungen lebten dann ständig bei ihm, die er dort als seine Kinder ausgab und jahrelang vergewaltigte", sagt Euler. "Zehn weitere kamen oft zum Urlaub und wurden dann von ihm sexuell missbraucht." Die Eltern hätten sie ihrem verehrten Guru bedenkenlos anvertraut. Einige Opfer wurden später heroinsüchtig, einer verübte Selbstmord.Fahndung bei "XY ungelöst"Oliver Shanti, der zum Schein eine Anhängerin geheiratet hatte, trat in Portugal als Wohltäter auf, sponserte den Fußballverein und die Feuerwehr, baute dem Polizeichef ein Haus und bezahlte Dorfkindern Operationen. "Damit hat er die Leute gekauft", sagt Thomas Euler. Jungen wie Mädchen waren auf der Finca des Deutschen immer willkommen, "Oliver zeigte ihnen seine Papageien, schenkte ihnen Turnschuhe und nahm sie mit auf sein Zimmer." Euler spricht davon, dass Shanti Kinder zum Gruppensex nötigte, dass er "ganze Schulklassen" verbrauchte. Es ist ein dunkles Geheimnis im Dorf, von dem viele etwas ahnten, aber bis heute niemand spricht.Als Thomas Euler 2001 aussteigen wollte, wurde er zusammengeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt ermittelte die Münchner Polizei schon gegen Shanti, konnte ihn aber trotz intensiver Suche und eines Aufrufs in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ungelöst" nicht fassen, weil er vor jedem Polizeieinsatz in Portugal offenbar gewarnt wurde. Bei Recherchen der Berliner Zeitung im Mai 2007 beiderseits der portugiesisch-spanischen Grenze stellte sich heraus, dass Shanti nicht auf seiner Finca, aber weiter in der Region lebte und in Begleitung von Kindern gesehen wurde. Obwohl der Umsatz seiner Musik eingebrochen war, konnte er weiter gut von den Tantiemen leben. Kürzlich veröffentlichte sogar der Spiegel-Verlag einen Song von ihm auf einer CD-Sammlung mit Weltmusik. Der 150-Kilo-Mann verfügte in Portugal und Spanien offenbar über ein Netz einflussreicher Freunde und Helfer. Die Polizei in Vila Nova de Cervera behauptete, man wisse nichts von einem Haftbefehl. Der Bürgermeister sagte, er könne nicht glauben, dass Shanti ein schlechter Mensch sei. Die Auslieferung nach Deutschland hängt nach Angaben der Münchner Staatsanwaltschaft jetzt davon ab, ob ihm in Portugal Straftaten vorgeworfen werden.------------------------------Foto: Oliver Shanti in den neunziger Jahren. Nach sechs Jahren Fahndung wurde er jetzt festgenommen.