Vor dreißig Jahren, im Februar 1969, verschwand mit dem Radiosender "Vltava" (die tschechische Bezeichnung für die Moldau) eine moskau-hörige Stimme aus dem mitteleuropäischen Äther, die ein halbes Jahr lang mit stalinistischer Argumentation gegen den "Prager Frühling" gehetzt hatte. Die Macher dieser Radiostation bekämpften den Versuch der kommunistischen Reformer um Alexander Dubcek, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen, als verräterisches "imperialistisches Komplott". Dabei hatten sie den Bürgern der damaligen CSSR vorspiegeln wollen, mit "Vltava" meldeten sich besorgte "klassenbewußte" Journalisten aus dem Inneren ihres Landes. In Wahrheit sendete "Vltava" aus Wilsdruff bei Dresden, die Redaktion saß im DDR Rundfunk in der Nalepastraße in Berlin-Schöneweide und bestand fast nur aus DDR-Bürgern.Bei den gewaltsamen Aktionen der sozialistischen "Bruderstaaten" gegen die aufmüpfigen Prager Reformkommunisten im August 1968 hatte man sich mit der SED-Führung darauf verständigt, daß die DDR statt Soldaten eher Publizisten gegen den "Prager Frühling" ins Feld schicken sollte. Das SED-Geschütz feuerte aus der Anonymität, legitimierte das mit "Konspiration im Klassenkampf". Man desinformierte, verleumdete, drohte, betrieb den Sturz Dubceks. Verlogene AuskünfteAuch nach seinem Ende blieb Radio "Vltava" tabu. Fast alles wurde vernichtet, was an den Sender hätte erinnern können. Involvierte schwiegen. Der orthodoxe Kommunist Vasil Bilßk nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" unter Gustav Husßk in Prag die Nr. 2, war eingeweiht. Er log in seinen "Erinnerungen" weiter: "Die Redaktion des Senders ,Vltava war in Dresden Unsere Leute stellten das Redaktionspersonal." In Wahrheit waren für dieses Unternehmen nur drei unbedarfte CSSR-Bürger aufzutreiben gewesen. Der Druck Moskaus und seiner Satelliten auf Prag eskalierte im Juli 1968, als es Dubcek ablehnte, sich bei einem Treffen in Warschau vor ihnen zu rechtfertigen. In der CSSR stand das Volk zur bedrängten Führung. Das SED-Politbüro beschloß, mit Sendungen in die CSSR zu beginnen. Die Reichweite der Dresdner Mittelwelle wurde mit der Frequenz von Radio Berlin International (RBI) vergrößert. Manfred Feist, Leiter der ZK-Auslandsinformation, dirigierte die Redaktion um Hans Herzberg im Auftrag des für Propaganda zuständigen SED-Politbüromitglieds Albert Norden. RBI meldete sich ab 22. Juli morgens und abends eine halbe Stunde in Tschechisch, ab 31. Juli auch in Slowakisch. Laut Sendekonzept war Bonn die Verantwortung für die CSSR-Krise anzulasten, sollten dies "Meldungen über die politische und ideologische Intervention des westdeutschen Imperialismus in der CSSR" verdeutlichen. Am 18. August fiel in Moskau die Entscheidung über die Besetzung der CSSR durch sowjetische und weitere Tuppen des Warschauer Pakts. Erich Honecker, im Politbüro verantwortlich für Sicherheit, befahl gegen Mittag des 20. August dem Chef des DDR-Rundfunkkomitees, Reginald Grimmer: Eine Station für die CSSR hat ab Mitternacht sendebereit zu sein. Der Rundfunk-Chef konnte akzentfrei Tschechisch und Slowakisch Sprechende nicht herbeizaubern. Nur das Personal der Herzberg-Truppe wurde aufgestockt, ab 21. August von 5 bis 24 Uhr und bald auf einer weiteren Frequenz gesendet. Verstörte Tschechen und Slowa-ken hörten am Invasionsmorgen Radio "Vltava", das die Mär von den Bruderarmeen verkündete, die von Patrioten gegen die "Konterrevolution" ins Land gebeten wurden. Aber die CSSR-Sender schwiegen nicht, tauchten ab, einten das Land im passiven Widerstand. Eine Prager ZK-Abteilung informierte Dubceks Führung regelmäßig über das "Vltava"-Programm, das sie als offizielle Stimme der Invasoren betrachtete. Eine "Information" gliederte es in 35 Prozent CSSR-spezifische und 25 Prozent nicht CSSR-spezifische Beiträge, 20 Prozent Auslandsberichte und 10 Prozent Musikeinspielungen. Der Sender schieße sich auf die CSSR-Medien ein und operiere mit ominösen "Briefen von Werktätigen", hieß es. Über den Sender "Vltava" wurde viel gerätselt. Es war bekannt, wo die Sendeanlage stand, nicht aber, wer ihn betrieb. Feist eröffnete SED-Außenpolitiker Hermann Axen spät, wie man log: "Vertretern der CSSR wurde lediglich erklärt, daß es sich bei diesem vom Territorium der DDR aus agierenden Sender um keinen des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR handele." Als Redakteure der Jugendzeitung "Mlady svet" in Berlin recherchierten, wurde man im Funkhaus nervös, Grimmer ließ sich verleugnen."Vltava" lief in der Nalepastraße bei RBI unter "Sonderredaktion", die aus Abkommandierten, Frei-schaffenden und auch Rentnern be-stand. Es handelte sich im Oktober 1968 um 21 politische Mitarbeiter, 24 Übersetzer und Sprecher, 2 Abhörspezialisten, 6 Sekretärinnen, 4 Aufnahmeleiter, 2 Sendefahrer. 45 SED-Genossen erfüllten einen "unbefristeten Parteiauftrag". Die Truppe rekrutierte sich aus dem Funkhaus, dem Außenministerium, Wissenschaftseinrichtungen, Redaktionen, Betrieben, auch aus einer Ostberliner Apotheke. Sie arbeitete in einer Baracke zumeist sieben Tage pro Woche und sollte die Kantine im DDR-Funkhaus meiden. Die meisten Arbeitgeber wußten nicht, wo sich ihre Mitarbeiter befanden.Vergebliche PropagandaDas falsche Spiel von "Vltava" verfing in der CSSR kaum. "Ihre Nachrichten sind so entstellt und unwahr, daß man nur staunen und an ihrem gesunden Menschenverstand zweifeln kann", schrieb ein Student. "Vltava" verriet sich durch nicht perfektes Tschechisch. Alle Versuche scheiterten, Journalisten aus der CSSR zu gewinnen. Selbst Alt-Stalinisten und geschaßte Füh-rungskräfte des Prager Rundfunks schreckten vor einer Kollaboration mit Deutschen zurück. Nur einzel-ne der Prager Ex-Rundfunk-Chef Hoffmann und Ilja Sedivy vom Blatt "Svet socialismu" unterstützten "Vltava" mit Material. Die Ideologie-Sekretäre der Invasionsländer gestanden sich schon im Oktober 1968 den Mißerfolg ihrer Propaganda bei Tschechen und Slowaken ein, lediglich Kurt Hager aus der DDR renommierte noch mit "Vltava". Sowjets, Polen und Ungarn sendeten auch, aber nicht in dem Umfang wie die DDR. Die DDR-Schützenhilfe schadete den KPC-Konservativen zuneh-mend, denn es mangelte ihr an Gespür für die Mentalität von Tschechen und Slowaken. Das theoretische KPC-Organ "Tribuna" forderte Anfang 1969: "Stellt die Sendungen ein!" Bilak fuhr nach Berlin, knüpfte wieder offizielle Beziehungen zur SED und ließ "Vltava" am 12. Februar 1969 abschalten. Die CSSR-Medien jubelten. Die Sowjets hatten inzwischen längst die Taktik geändert. Ende März hebelten sie Alexander Dubcek endgültig politisch aus und bald darauf den Rest der Reformer. Der "Prager Frühling" war Geschichte.