Gute Witze stammen aus traurigen Gegenden: "Die Zeit des Diktators ist gekommen, und Gott schickt den Todesengel in die Hauptstadt, um den Diktator zu holen. Aber wie es eben so läuft: Der Todesengel wird sofort verhaftet und gefoltert. 'Wo ist der Diktator?', fragt Gott verärgert, als der Engel erschöpft in den Himmel zurückkehrt. Der Todesengel erzählt ihm, was passiert ist, woraufhin Gott kreidebleich wird und mit zittriger Stimme fragt: 'Du hast ihm doch nicht meinen Namen verraten?!'"Als Korrespondent für den Nahen Osten, mit Wohnsitz in Kairo, Beirut und Jerusalem, hätte Joris Luyendijk gern eine Witzeecke auf den Auslandsseiten der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant eingerichtet. Wenn er in fünf Jahren je das Gefühl hatte, der Wirklichkeit der sogenannten arabischen Welt auf den Fersen zu sein, dann muss es beim Aufschreiben von Witzen gewesen sein. Aber Journalismus heißt (laut New York Times) "news that's fit to print", druckreife Nachrichten, nicht Witze. Harte, druckreife Fakten aber konnte Luyendijk in den fünf Jahren kaum herausfiltern. Als der 1971 in Amsterdam geborene Luyendijk 1998 als Journalist in den Nahen Osten ging, glaubte er noch: "Journalisten wissen, was in der Welt los ist, die Nachrichten informieren uns darüber und sind dabei möglichst objektiv". Fünf Jahre später kehrt er zurück nach Amsterdam in der Überzeugung, "dass journalistische Arbeit in der arabischen Welt unmöglich ist".Wie er zu dieser Einsicht kam, erzählt er in seinem Buch, das in den Niederlanden Diskussionen auslöste. Luyendijk analysiert nicht, er polemisiert, aber uneitel, offenherzig, leidenschaftlich. Er fasst seine Erfahrungen als ehemals blutiger Anfänger im Korrespondentengeschäft zusammen. Er schildert abstruse Arbeitsbedingungen, erzählt eine Menge Witze und zitiert eigene Artikel im Kontext ihrer Entstehung. Er hält Wahrheit, Objektivität, Demokratie hoch und gibt zu, dass er regelmäßig an den eigenen Ansprüchen scheiterte.Luyendijk studierte Politikwissenschaften und Arabisch in Amsterdam und Kairo, wo er ein Jahr die Lebens- und Gedankenwelt junger Ägypter untersuchte. Durch sein Buch "Een goede man slaat soms zijn vrouw" (auf Deutsch lautet der Titel beschaulich "Die Kinder der Midaq-Gasse") sei man bei de Volkskrant und Radio 1 Journaal auf ihn aufmerksam geworden, und gleichsam über Nacht habe er sich in Kairo als Nachrichtenmann wiedergefunden.Wie aber erfährt man von den Nachrichten, wenn man selbst die Nachrichten ist? Man hält sich an die Agenturmeldungen, die schneller in den Redaktionen daheim sind als etwa im Hotelzimmer in Amman. Und was, wenn man kein Visum für den Irak bekommt, aus dem Saddam Hussein gerade die Waffeninspekteure der UN verwiesen hat? Man holt sich die "vox pops" vom Zimmerservice-Kellner, denn gleich ruft das Radio an und fragt: "Joris, wie ist die Stimmung dort?"Dass er fließend Hocharabisch spricht, ändert nichts daran, dass er "schon jenseits der Stadtgrenze Kairos" die Dialekte kaum versteht. Auf keine Meinung, auf keine Statistik sei in Diktaturen Verlass. Ein Interview mit Hisbollah-Chef Nasrallah ist reines Rollenspiel. Menschenrechtler sind "donor darlings", vom Westen ausgehalten, Oppositionspolitiker wahrscheinlich vom Geheimdienst, sonst könnten sie nicht so "offen" reden. Luyendijk ist ratlos: "Spiel mal Journalist in einem System, wo das gar nicht geht."Seit dem 11. September 2001 war Luyendijk ein gefragter Mann. Dass El Kaida nicht den Westen vernichten wolle, sondern vielmehr die vom Westen unterstützten Machthaber in der arabischen Welt, hätte der Korrespondent gern im "westlichen Nachrichtenfluss" gehört. Er verrät nicht, ob er selbst versucht hat, diese These einzubringen. Stattdessen beschreibt er, wie er mit jedem Jahr und mit jedem Umzug abgebrühter wurde. Zur Zeit der Zweiten Intifada zog Luyendijk von Beirut nach Ostjerusalem. Vom Dach des Hauses aus konnte er - "in der einen Hand einen Gin Tonic, in der anderen Hand das Mobiltelefon" - eine zerbombte Bushaltestelle studieren. Aber wie davon berichten? Jedes Wort im "israelisch-palästinensischen", "jüdisch-arabischen" oder vielleicht gar "zionistisch-muslimischen" Konflikt kann eine Mine sein. Allerorts herrscht ein "asymmetrischer Wortgebrauch", stellt Luyendijk fest: Anschläge sind "blutig", nie aber die Besatzung. Steinewerfende Kinder kommen dort zusammen, wo Kameras sind.In Jerusalem und später zu Beginn des Irakkriegs im Sheraton Kuwait City wird Luyendijk Zeuge des "Medienkriegs", den Israel und die USA - so der Autor - täglich haushoch gewinnen. "Wenn es hochkommt, kriegen vielleicht fünf Prozent der Palästinenser auf Englisch gerade mal ein 'Israel very bad' über die Lippen", während die Israelis PR-Profis seien, Pressemappen zu Untersuchungskommissionen über Armeeverbrechen und "Schwarzbücher" über palästinensische Agitationen inklusive. "Ich blickte selber nicht mehr durch", bekennt Luyendijk entwaffnend. Und: "Auch ich weiß keine Alternative". Dabei zeigt er diese Alternative ja selbst. Sie fängt an bei der kritischen Selbstbefragung der Journalisten.------------------------------Foto: Joris LuyendijkWie im echten Leben. Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges. Aus dem Niederländischen von Anne Middelhoek. Tropen, Berlin 2007. 137 S., 19,80 Euro.