Welcher wilde Gigant hat im Bayerischen Wald bloß Mikado gespielt? Wie umgeknickte Streichhölzer liegen bleiche Baumstämme kreuz und quer übereinander und türmen sich zu trotzigen Barrikaden auf. Herausgerissene Wurzelteller ragen fünf Meter in die Höhe. Wo sie einstmals im Boden verwurzelt waren, gähnen nun klaffende Löcher.Zuerst kamen die Stürme. Und dann die Borkenkäfer. Seit 1995 haben Myriaden dieser fünf Millimeter großen Insekten die Wälder im Nationalpark Bayerischer Wald heimgesucht und einen 3 500 Hektar großen Baumfriedhof hinterlassen: statt nadelgrüner Pracht nur noch winterkahle Holzgerippe. Klimaänderung wird sichtbarDie Folgen der größten Massenvermehrung von Borkenkäfern, die es in Mitteleuropa im 20. Jahrhundert gegeben hat, wirken auf den ersten Blick bedrückend. Doch ein zweiter Blick nährt die Hoffnung. Unter dem kahlen Geäst der toten Bäume drängen überall junge Bergfichten durchs Heidelbeer-Gestrüpp. Pro Hektar sind es fast 2 700 Jungbäume mit mehr als zwanzig Zentimeter Höhe. Das geht aus dem Inventurbericht hervor, den der bayerische Landwirtschaftsminister Josef Miller Ende vergangener Woche vorgestellt hat.Inmitten der jungen Bergfichten wachsen auch wieder Vogelbeer-Bäume, Buchen, Bergahorn und Hirschholunder. Die Laubbäume gelten als Reaktion der Natur auf ein wärmeres Klima. "Die Zahl der Sommertage mit mehr als 25 Grad Celsius hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen", sagt Karl-Friedrich Sinner, der Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald.Warme, trockene Sommer und milde, schneearme Winter in den 90er-Jahren hatten die Massenvermehrung der Borkenkäfer entscheidend begünstigt. Doch die eigentliche Ursache liegt weiter zurück: 1983 fegte ein sommerlicher Gewittersturm durch den Bayerischen Wald und verwüstete weite Teile des Hochlagenwaldes. 80 000 Kubikmeter Holz lagen auf dem Boden verstreut. Im Spätwinter 1990 rissen die Orkane Vivian und Wiebke weitere Schneisen in die Wälder. Frisches Totholz am Boden ist für Borkenkäfer ein gefundenes Fressen. Daher schaffen Waldarbeiter umgestürzte Baumstämme so schnell es geht aus dem Forst. In einem Nationalpark dagegen regieren andere Gesetze. Wenn das Schutzgebiet internationalen Ansprüchen genügen will, sind nach einer Übergangszeit auf drei Viertel der Fläche keinerlei menschliche Eingriffe mehr erlaubt. Der internationale Ruf des Nationalparks Bayerischer Wald basiert auf dieser konsequenten Zurückhaltung - wenn schon Nationalpark, dann richtig. Und so wurde der Borkenkäfer im Schutzgebiet nur dort bekämpft, wo er auf benachbarte Wirtschaftswälder überzugreifen drohte. Ansonsten konnte er das machen, wozu er auf der Welt ist: Fichten fressen.Angelockt vom Duft einer siechen, geschwächten Fichte fallen zwei- bis dreitausend Borkenkäfer über einen einzigen Baum her, bohren sich durch die Rinde in das Bastgewebe und beginnen dort mit ihrem Brutgeschäft. Bis zu sechzigtausend Larven können sich in einer einzigen Fichte entwickeln. Wo so viel Gewürm frisst und verdaut, da bleibt auch was übrig, nämlich Käferkot. "Aufbereitet durch den Darm der Larven wirkt dieses Pflanzenmaterial wie ein Dünger", sagt Karl-Friedrich Sinner. "Es ist reich an Nährelementen wie Kalzium, Kalium und Magnesium und bildet daher ein ideales Pflanzbeet für junge Bäume." In der Tat: Aus diesem fruchtbaren Boden am Fuße der verblichenen Baumgerippe sprießen unzählige junge Fichten in kleinen Gruppen hervor. Die Waldforscher sprechen von "Rottenstrukturen". Selbst Sinner ist verwundert über die Dynamik der Walderneuerung. "Viele dieser Fichten sind zuletzt zwanzig Zentimeter pro Jahr gewachsen." Fichten schießen emporDie Ursachen für das rasche Wachstum sind vielfältig. Die alten Bäume sind keine Konkurrenten mehr im Kampf um Licht und Wasser, sondern bieten nun Schutz gegen viele Widrigkeiten. Im Frühjahr, wenn die Sonne an Kraft gewinnt, ist es das dunklere Totholz, das sich als Erstes aufheizt und somit den Schnee schmelzen lässt. Zunächst am Stammfuß, eben dort, wo die jungen Fichten stehen und wo sie auch geschützt sind vor den heftigen Winden, die immer wieder über die Hochlagen des Bayerischen Waldes brausen.Der Baumnachwuchs, bestehend aus jungen Fichten, Vogelbeeren und Buchen, ist in diesem gigantischen Riesenmikado aus wirr umherliegenden Baumstämmen auch sicher vor seinem größten Feind, dem naschhaften Wild. Denn Rehe und Hirsche trauen sich in solch einen Verhau nicht hinein. Sie könnten daraus nicht schnell genug fliehen vor ihrem größten Feind im Nationalpark, dem Luchs.Wo der Luchs lauert, da wächst der Wald. Und der Borkenkäfer ist weitgehend verschwunden, die Massenvermehrung zusammengebrochen. So, wie es auch 1872 nach mehreren großen Windwürfen geschah, beim vorletzten großen Befall. Damals starben die Fichten in den bayerisch-böhmischen Wäldern auf einer Fläche von sogar 11 600 Hektar. Im Bayerischen Wald selbst waren es "nur" 2 000 Hektar.Aus Angst vor Verödung und Bodenerosion forsteten die Menschen damals fast alle kahlen Flächen eilig wieder auf - meist jedoch mit ungeeignetem Pflanzgut aus den bequemen Niederungen des Donautales. Diese Flachlandfichten sind nicht so gut an die Witterungsextreme der Hochlagen angepasst. Sie haben ein weit vom Stamm abstehendes Astwerk, an dem im Winter dicke Schneepakete kleben bleiben. Unter dieser zentnerschweren Last muss ein Baum irgendwann zusammenbrechen - wenn ihm zuvor nicht bereits der Sturm den Wipfel abgebrochen hat.Bei vielen dieser Fichten ist dies im Laufe der Jahrzehnte drei- oder gar viermal geschehen. "Diese geschwächten Bäume waren zumeist die ersten, die dann in den 90er-Jahren von den Borkenkäfern befallen wurden", sagt Rainer Pöhlmann von der Nationalparkverwaltung. Angestammte Hochlagenfichten dagegen sind weitaus robuster. Ihre Äste liegen viel enger am Stamm an, damit der Schnee besser abgleiten kann.Was schreckte die Käfer ab?Einige dieser walzenförmigen Hochlagenfichten stehen inmitten des Baumfriedhofes. Zwischen den Berggipfeln von Rachel und Lusen zeigt sich das Kaleidoskop eines Naturereignisses: Die silbergrauen Baumgerippe der unzähligen abgestorbenen Fichten, das Schwarzgrün der Tannen in den tieferen Lagen, durchsetzt vom helleren Grün der Buchen und Ahornbäume, und - auch das gibt es noch - das Dunkelgrün älterer Fichten. Einige von ihnen haben das große Fressen unbeschadet überstanden. Zum Teil sind es sogar kleine Inseln mit mehreren Fichten, die der gefräßigen Käferschar trotzen konnten. Warum? Niemand weiß es. Genetische Untersuchungen lassen keinen Unterschied erkennen zwischen abgestorbenen und überlebenden Fichten.Eine Erklärung könnten am ehesten Insektenkundler liefern. Denn nach dem ersten Duftstoff, der die Artgenossen zum großen Fressen in einer Fichte animiert, senden die Borkenkäfer bei massivem Befall eine zweite Duftnote aus, die signalisiert "Hier ist alles besetzt!" Sinner: "Vermutlich ist bei einer Massenvermehrung dieser zweite Duft irgendwann so stark, dass die Borkenkäfer einzelne gesunde Fichten inmitten der Befallsherde schlichtweg nicht mehr finden." Biologisch wäre es auch widersinnig, wenn ein Parasit seinen Wirt gänzlich ausrottet. Die überlebenden Fichten bleiben somit als Samenbäume erhalten. Für einen neuen Wald auf Käferkot.Fotos: RAINER PÖHLMANN (3) Was der Wind vor zwanzig Jahren umwarf, ist soweit vermodert, dass darauf eine üppige Walderneuerung stattfindet. Junge Fichten sprießen auf dem Totholz. Der Borkenkäfer hatte sich darin zwar kurzfristig extrem vermehrt (das Foto unten zeigt Fraßgänge). Der Schädling ist aber fast verschwunden. Jetzt dient der Käferkot den Jungbäumen als Dünger.