Fußballprofis hätten es in Warschau vermutlich einfacher. Die Galerie Luksfera mit der Fotografie-Ausstellung von Georgia Krawiec befindet sich auf dem Gelände der Wodkafabrik Koneser. Der Verfasser steht vor der Schranke und verhandelt mit dem Wachpersonal. "Die Galerie ist geschlossen. Blockieren sie nicht die Einfahrt", blaffen Uniformierte und treten für jemanden im gelben Dress von Borussia Dortmund zu Seite. Lars Ricken steht auf dessen Rücken. Trikotnummer 18. Auch vor diesem Tor ist seine Durchzugskraft beneidenswert."Kunst braucht auch Sicherheit", witzelt später die Galeristin. Ihr Schützling Georgia Krawiec schüttelt nur den Kopf. Die Künstlerin, 33, steht in der ehemaligen Werkhalle vor ihren Bildern. Während der letzten drei Jahre hat sie 64 "Deutsche in Warschau" mit der Lochkamera porträtiert. Wegen der bei dieser Technik nötigen Belichtungslänge mussten BMW-Manager, Kulturfunktionäre, Studenten oder Durchreisende in ihrem Atelier bis zu zehn Minuten bewegungslos ausharren. Auslösender Impuls war ein von ihr belauschtes Gespräch in einer Warschauer Milchbar, das in den historischen Abgrund zwischen Deutschen und Polen weist. "Am Nebentisch unterhielten sich zwei alte Männer. Der eine fragte 'Wieso isst du keinen Spinat? Der ist heute köstlich' Der andere antwortete: 'Spinat esse ich seit 60 Jahren nicht mehr. Das Zeug stand bei uns auf dem Tisch, als die Gestapo meinen Vater abholte.'"Georgia Krawiec wuchs im schlesischen Oppeln auf und zog in den 80er-Jahren mit ihren Eltern in die Bundesrepublik. Sie studierte bei Jürgen Königs an der Universität Siegen Fotografie und kehrte 2002 freischaffend nach Polen zurück. "Es gibt hier diesen negativen Anhauch des Deutschen. Ich habe eine Zwischenbiografie und wollte reagieren", sagt sie in akzentfreiem Deutsch und amüsiert sich. Man hat das Gefühl, dass eine geübte Alleinarbeiterin es genießt, sich mitzuteilen. Die zierliche, ganz in Schwarz gekleidete Künstlerin erzählt, dass sie eigentlich Bildhauerin werden wollte. Beschwörend hebt sie die schmalen Hände "Das hat mich wirklich interessiert. Aber nach einem halben Jahr Gehämmer sah mein Gesteinsbrocken leider aus wie vorher."Der Wechsel ins filigranere Fach ist ihr bekommen. Mit kindlicher Begeisterung präsentiert sie kleine schwarze Kistchen - selbst gebaute Lochkameras. Ihre auf deutsch-polnische Hochkultur eingestellten Modelle reagierten beim Anblick der Klebeband-Kameras oft verwirrt. "Mancher war regelrecht schockiert und fühlte sich veralbert". Aber die Primitivität der Geräte ist kein sinnloser Spleen. Die "Gesellschaft für linsenfreie Fotografie" erläutert auf ihrer Homepage, dass Lochkameras "auch Coladosen, ein Zimmer oder ein Turnschuh sein können, die auf der einen Seite ein kleines Loch und auf der anderen Seite einen fotografischen Film haben. Kein Zoom, kein Objektiv. Kein Auslöser. Die scheinbar unendliche Tiefenschärfe und die ungekrümmte Weitwinkelperspektive sind mit modernster Technik schwer oder gar nicht zu erzeugen." Georgia Krawiec verwendet Lochkameras seit 1994: "Für jedes Projekt baue ich neue Apparate. Mich fasziniert die Einfachheit. Es ist, als könnte man noch einmal bei der Geburt des Mediums dabei sein." Ihre Bilder sind - abgesehen von drei direkt geglückten Aufnahmen - aufwendig nachbearbeitete Montagen. Unter dem Bild stehen der Name des Porträtierten und die Dauer seines Polenaufenthaltes. Auch wenn die Künstlerin betont, dass es "unmöglich ist, jemanden in acht bis zehn Minuten kennen zu lernen", sind nostalgisch düstere Charakterstudien entstanden. Bei "Jürgen H. - 26 Jahre" bläht sich ein heller Unterarm und es sieht aus, als würde er ein zweites Hirn mit sich führen. "Andrea F. - 3 Monate" hat drei Augen und "Steffen M. - 10 Jahre" stützt den Ellenbogen in den eigenen Kopf.Trotz der Verzerrungen wirken Krawiec' Arbeiten keineswegs wie Kommentare zu den Monstrositäten der deutsch-polnischen Geschichte. Dafür sind die Bilder, wie ihre Urheberin, zu hintersinnig. Man hat eher den Eindruck, als sei ein längst verstorbener Fotograf noch einmal durch die Gegenwart geschlendert. Die Künstlerin gesteht: "Es ist absolut unmöglich, minutenlang auf einen Punkt zu starren, wenn noch jemand im Raum ist. Ich musste hinausgehen. Das Ganze ist also auch eine Untersuchung der Fähigkeit von Deutschen, still sitzen zu können."