Der Neonazi Kay Diesner hat einen Berliner Buchhändler schwer verletzt und einen Polizisten erschossen ­ ab heute steht er in Lübeck vor Gericht: Mörderischer Germanenkult

Am Sonntag, dem 23. Februar 1997, endete der Krieg, den Kay Diesner gegen die Linken und den Staat begonnen hatte. Auf dem Rastplatz Rosenburg an der A 24 zwischen Hamburg und Berlin überprüft eine Polizeistreife das Kennzeichen eines silberfarbenen Mazda. Das Nummernschild ist schief angebracht und weist viele Bohrlöcher auf. Die Polizisten wissen nicht, daß der damals 24jährige Fahrer aus Berlin eine schußfeste Weste trägt, ein Schrotgewehr mit 100 Schuß Munition, eine Machete und einen Pitbull-Terrier bei sich im Auto hat.Sie ahnen auch nicht, daß er am 19. Februar in Berlin-Marzahn versucht hat, den Buchhändler Klaus Baltruschat zu erschießen. Baltruschat überlebt das Attentat schwer verletzt und verliert dabei eine Hand. Seine PDS-Buchhandlung ist im gleichen Haus, in dem auch Gregor Gysi sein Wahlkreisbüro hat.Über Funk erfahren die beiden Autobahn-Polizisten, daß das Nummernschild als gestohlen gemeldet worden ist. Sie wollen den Fahrer des Mazda zur Rede stellen, der feuert nach Angaben der Ermittler plötzlich mehrfach aus knapp einem Meter Entfernung. Die Polizisten schießen zurück und treffen Diesner im Oberschenkel. Dann stirbt der 34jährige Polizeiobermeister Stefan Grage, sein 31jähriger Kollege Stefan K. überlebt mit Beinschuß und Splittertreffern im Gesicht. Nach einer Verfolgungsjagd und einer weiteren Schießerei mit der Polizei wird Kay Diesner bei Lauenburg verhaftet.Ab heute steht der Neonazi in Lübeck vor Gericht, angeklagt wegen Mordes und mehrfachen Mordversuchs. Er wird sich, erklärt sein Pflichtverteidiger Thomas Schüller, zur Person, seinem Werdegang und den Schießereien äußern. Diesner will für sich ein Notwehrrecht reklamieren. Ein psychiatrischer Sachverständiger wird ihn während der Verhandlung beobachten, um ein abschließendes Gutachten über den Geisteszustand des Angeklagten abgeben zu können.Während seiner Vernehmung hatte er sich in einer kruden Mischung aus Germanenkult und Werwolf-Mentalität geäußert, daß zunächst eine Geisteskrankheit nicht ausgeschlossen werden konnte. Bislang hat sich das nach Angaben von Oberstaatsanwalt Günter Möller nicht bestätigt, "sonst hätten wir keine Hauptverhandlung, sondern ein Unterbringungsverfahren angesetzt".Sein geistiges Rüstzeug bezog Diesner wohl im Umfeld des Berliner Neonazi-Rockers Arnulf Priem, der mit "Asgard-Bund" und "Wotans Volk" teilweise eingetragene Vereine betrieb, die ihre rassistische Nazi-Ideologie mit dem Himmel der Germanen-Götter überspannten. Bei Priem saß Diesner, als dieser im August 1994 einen "bewaffneten Haufen" um sich scharte, der mit Sprengstoff, Benzinbomben und Schußwaffen eine linke Demonstration vor dem Haus erwartete.Diesner selbst bezeichnete sich in seinen Vernehmungen als Mitglied des "Weißen Arischen Widerstands" (WAW), deutscher Ableger einer US-amerikanischen Absplitterung aus dem Ku-Klux-Clan. Daneben gehörte er zu den 1990 in Ostberlin gegründeten "Sozialrevolutionären Nationalisten" und der "Nationalen Alternative Berlin". Auf Priem, so heißt es, sei er nicht gut zu sprechen, weil sich dieser vor Gericht nicht eindeutig zu seiner Ideologie bekannte.Ob diese Organisationen im direkten Zusammenhang mit Diesners Amoklauf stehen, wird vielleicht die Hauptverhandlung klären. Bislang sind die Erkenntnisse der Ermittler offenbar stark begrenzt. Der WAW, so erklärte die Bundesregierung auf eine Anfrage der PDS im März, "ist den Verfassungsschutzbehörden nicht bekannt", obwohl der Name "in der rechtsextremistischen Szene Berlins wiederholt verwendet" wurde. Oberstaatsanwalt Möller weiß bislang nur, daß Diesner sich "im Bereich des Rechtsradikalismus aufgehalten hat".Der Angriff auf den Buchhändler war jedenfalls die Reaktion auf eine gescheiterte Demonstration der "Jungen Nationaldemokraten" in Berlin-Hellersdorf. Die Jugendorganisation der NPD wollte am 15. Februar gegen Ausländer aufziehen, wurde aber von einem Bündnis aus Gewerkschaftern, PDS, türkischen und jüdischen Organisationen in die Flucht geschlagen. Diesner will die Auseinandersetzungen im Fernsehen gesehen haben und griff wenige Tage später den Buchhändler an. "Schade, daß es heute früh nicht geklappt hat", bedauerte kurz nach dem Attentat ein Anrufer beim PDS-Landesvorstand.Das Lübecker Gericht muß jetzt klären, ob er Amokläufer, Einzeltäter, Psychopath oder einer ist, der das "Werwolf"-Konzept in die Tat umsetzte, das Neonazis ausbrüteten, als Anfang der 90er Jahre ihre Organisationen verboten wurden.