BERLIN, 15. September. So richtig ernst nahmen selbst die linken Antifa-Aktivisten in Bayern den aus Anklam stammenden Martin Wiese bislang nicht. Als "Tanzbär" und "dicker Watschenbaum" verspotteten sie den 27-jährigen Interimschef der rechtsextremen "Kameradschaft Süd - Aktionsbüro Süddeutschland". Seit vergangener Woche aber ist der bullige Neonazi mit dem schlichten Gemüt ein Star in der rechten Szene: Gemeinsam mit neun Gesinnungsgenossen soll er Sprengstoffanschläge gegen jüdische Einrichtungen vorbereitet und missliebige Politiker wie den SPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Franz Maget, für spätere Attentate ausgespäht haben. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft.Über Wieses Aufstieg in der bayerischen rechten Szene ist bislang nur wenig bekannt. Vor drei Jahren war er aus Mecklenburg-Vorpommern, wo er in Pasewalk aufgewachsen ist, nach München gekommen. Dort verdiente sich Wiese mit einem privaten Hausmeisterdienst sein Geld. Offenbar dank bereits vorher existierender Verbindungen wurde er in der Naziszene der Stadt schnell heimisch.Mit ReichskriegsfahneErstmals bekannt wurde sein Name in der Öffentlichkeit nach dem brutalen Überfall rechtsradikaler Schläger auf einen griechischen Staatsbürger in München im Jahre 2001. Die Täter hatten zuvor Wieses Geburtstag gefeiert, als sie auf dem Heimweg den Griechen trafen. Wiese machte sich davon, bevor die Schlägerei einsetzte - so blieb ihm eine Verurteilung erspart. Sein Freund Norman Bordin aber, der den Ausländer halb tot prügelte, musste am 1. März 2002 eine Haftstrafe wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung antreten.Als Bordin ins Gefängnis kam, übernahm Wiese von seinem Freund kommissarisch die Führung der "Kameradschaft Süd". Die Gruppe gilt mit ihren 25 Mitgliedern als größte und gefährlichste der gewalttätigen Neonazi-Organisationen im Freistaat. Nach Überzeugung der bayerischen Verfassungsschützer strebt die Kameradschaft die Kontrolle und Koordination der rechten Aktionen im Gebiet von Oberbayern an. Tatsächlich tat sich die Gruppe auch bereits mit politischen Aktionen hervor. So organisierten Wiese und seine Leute im vergangenen Herbst Demonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung in München. Im vergangenen Mai störte er eine Veranstaltung der Münchner SPD. Wie die tageszeitung berichtete, sei Wiese mit zwei Kumpanen auf der Kundgebung erschienen, habe die Reichskriegsfahne geschwenkt und den SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget verbal attackiert.Kontakt mit Combat 18Damals erschien die Polizei und nahm den rechten Aktivisten fest. Eine neue Akte mussten die Beamten nicht anlegen, denn Wiese ist den bayerischen Behörden bekannt: Gegen ihn wurde schon mehrfach wegen Zeigens von NS-Symbolen sowie wegen Verstoßes gegen das Versammlungs- und das Waffengesetz ermittelt. Die Bundesanwaltschaft interessiert sich aber nicht nur für Wieses lokale Aktionen in München und Oberbayern. Sie verdächtigt den 27-Jährigen, einer terroristischen Vereinigung anzugehören, die möglicherweise Verbindungen zu militanten Neonazis in anderen Bundesländern oder sogar im Ausland unterhält. In diesem Zusammenhang dürften auch Wieses mögliche Kontakte zu den Bombenwerfern der englischen Terrorgruppe Combat 18 eine Rolle spielen. Auf deren Internetseite war Martin Wiese als deutsche Kontaktperson erwähnt.Eine solche Verbindung wäre brisant: Combat 18 gilt als gefährliche, in kleine selbstständig operierende Terrorzellen gegliederte Organisation. Auch in Deutschland soll sie aktiv sein - just zu der Zeit, als Wiese nach München kam, habe die Terrororganisation mithilfe bayerischer Neonazis einen Ableger im Freistaat aufgebaut, heißt es.