Jürgen Röber (42) ist seit fünf Tagen Cheftrainer von Hertha BSC. Als Fußball-Profi absolvierte er zwischen 1974 und 1986 insgesamt 303 Bundesligaspiele für Werder Bremen, Bayern München und Bayer Leverkusen. Dazwischen gab er ein Intermezzo bei den Calgary Boomers in Kanada und bei Nottingham Forest in England. Als Trainer arbeitete Röber bisher bei Rot-Weiß Essen und beim VfB Stuttgart. Michael Jahn sprach mit ihm.Berliner Zeitung: Einige Trainingseinheiten und die beiden Hallenturniere in Zürich und Halle an der Saale liegen hinter Ihnen und ihrer neuen Mannschaft. Welche Eindrücke haben Sie?Jürgen Röber: Wir sind natürlich noch in der Phase des Kennenlernens, so daß ich zu einzelnen Spielern nichts sagen will. Aber gerade bei den beiden Hallenauftritten kann man als gelernter Beobachter die innere Einstellung, ja, den Charakter eines Spielers schon recht gut erkennen. Man sieht, wer sich quälen kann und wer nach schmerzhaften Blessuren sofort ohne zu lamentieren zum Gegenangriff übergeht. Bisher haben sich meine Jungs gut verkauft.Wie haben Sie die Hertha in der Vergangenheit verfolgt?Wenn man in der ersten Liga Trainer ist, liegt die zweite Liga doch weit weg. Aber ich habe mir Zweitligaspiele immer im DSF angesehen. Leider war Hertha zuletzt selten dabei.Haben Sie sich bei Ihrem Vorgänger Karsten Heine über einzelne Spieler informiert?Wir telefonierten nur mal kurz miteinander, und ich traf Heine, als er sich vorige Woche in der Kabine von der Mannschaft verabschiedete.Wer oder was gab den Ausschlag, daß Sie sich kurzfristig auf das Abenteuer Hertha einließen?Ich weiß, daß mit Carl-Heinz Rühl ein Profi als Manager in Berlin das Sagen hat. Und ich habe vor meiner Vertragsunterschrift mit Herren der UFA gesprochen und dabei den Eindruck gewonnen, daß in Berlin endlich einiges bewegt wird und man auch kurzfristig den Erfolg will.Die Fans sind verprellt, zuletzt kamen nur knapp 3 000 zu den Hertha-Spielen ins Olympiastadion. Wie wollen Sie die Anhänger zurückgewinnen?Vor allem mit attraktivem und offensivem Fußball. Die Mannschaft ist jung, und viele Spieler sind noch nicht so robust, können böse Pfiffe von den Rängen nur schlecht verkraften. Wir müssen zuerst Leistungen auf dem Rasen bringen, dann kommen auch die Zuschauer zurück.Stichwort Offensivfußball. Sie holten sich kürzlich Anregungen beim berühmten Johan Cruyff beim FC Barcelona?Ich kenne Johan Cruyff sehr gut, habe eine Woche bei ihm hospitiert, genau beobachtet, wie er mit seinen Spielern arbeitet. Seine Philosphie vom Fußball - technisch gepflegtes Spiel und Offensive - kommt mir persönlich sehr nahe. Er arbeitet im Training fast nur mit dem Ball. Das halte ich auch so. Ein Giovanni Trapattoni hat bei Bayern selbst das Aufwärmen nur mit dem Ball gemacht. Nach meiner Entlassung beim VfB Stuttgart hatte ich viel Zeit, mich umzuschauen. Wie teilweise in der ersten und der zweiten Liga trainiert wird, ist schlimm. Die Technik, das schnelle Mitnehmen des Balles sind das A und 0 für mich. Darauf wird oft zu wenig Wert gelegt.Mit Bernd Storck, auch einem ehemaligen Bundesliga-Profi, haben Sie sich ihren Co-Trainer gleich mitgebracht. Warum?Wir kennen uns als Spieler und saßen gemeinsam in der Sporthochschule in Köln, um unseren Trainer-Schein zu machen. Storck kam von der Schulbank in Köln, wurde gleich meine rechte Hand beim VfB Stuttgart. Er ist ein Mann mit eigener Meinung, eigenen Vorstellungen und kein Co-Trainer, der etwa nur die Leibchen beim Training verteilt und die Hütchen aufstellt. Wir diskutieren viel, passen auch menschlich gut zusammen.Sie waren bisher Trainer in Essen und in Stuttgart. Was blieb von diesen Stationen am deutlichsten haften?In Essen hatten wir sechs Millionen Mark Schulden und oft mehr Trikots als Spieler. Dort habe ich versucht, aus Bolzern Fußballspieler zu machen. Man konnte ja auch im DFB-Pokal sehen, daß sich viele gut entwickelt haben.Und Ihr Erstliga-Debüt als Coach in Stuttgart, das mit Ihrem und dem zeitgleichen Rausschmiß von Manager Dieter Hoeneß endete?Die Stuttgarter Zeit sehe ich sehr plastisch vor mir. Bei meinem ersten Spiel gewannen wir bei Bayern München 3:1. Zuvor war das dem VfB 25 Jahre nicht gelungen. Wir hatten viel Erfolg, später unglaublich viele Verletzte und Querelen. Aber ich bin stolz, den Brasilianer Carlos Dunga für die Weltmeisterschaft vorbereitet und dann das Trio Balakow/Elber/Bobic zum VfB geholt zu haben. Natürlich hatten wir viel Geld zur Verfügung, aber ein Risiko war schon dabei.Wie haben Sie denn Dunga fit gemacht?Dunga war zuerst unnahbar, murrte viel, wollte nicht richtig arbeiten. Ich habe ihm dann konditionell Beine gemacht und in einem langen Gespräch meine Philosphie genau erklärt. Heute sind wir so etwas wie Freunde.Beschleicht Sie Wehmut, wenn Sie heute auf Stuttgart schauen?Ein bißchen schon. Als Trainer war für mich mein Rausschmiß eine mittlere Katastrophe. Ich hätte sehr gern noch gerade mit Balakow und den anderen zusammengearbeitet und etwas erreicht.Jetzt sind Sie in Berlin. Welche Ziele haben Sie konkret?Wir wollen in dieser Saison guten Fußball bieten, die Fans anlocken und soweit wie möglich nach vorn kommen. Zeitgleich müssen wir die Voraussetzungen schaffen, um in der Saison 1996/97 aufsteigen zu können. Da muß sich natürlich im Verein und im Umfeld noch sehr viel tun. Ich vergleiche die Situation in Berlin gern ein wenig mit der in Essen. Auch dort gibt es mit Rot-Weiß einen Traditionsverein, ein Riesenpotential an Anhängern und potente Firmen. Aber die interessieren sich natürlich nur für den Fußball, wenn die Leistung der Mannschaft stimmt und attraktiver Fußball geboten wird. Und genau das wollen wir erreichen.Sie sind als Hobby-Golfer mit Handicup 15 bekannt. Glauben Sie, in Berlin noch Zeit für diese Beschäftigung zu finden?Golf habe ich während meiner Zeit in Kanada und in den USA gelernt. Auch in Nottingham gab es unglaublich viele Golfanlagen. Ich kann bei diesem Spiel sehr gut regenerieren. Aber, auch in Stuttgart kam ich vielleicht nur vier- oder fünfmal dazu, in aller Ruhe zu golfen. In Berlin wird das kaum anders sein. +++