Jan-Hendrik Olbertz, der neu gewählte Präsident der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin, ist in Bedrängnis geraten. Auf einer Tagung des Forschungsverbundes SED-Staat präsentierte jetzt ein Forscher Olbertz' Promotions- und Habilitationsschrift von 1989 (siehe Berliner Zeitung vom 25. Mai). Die Arbeiten seien reine marxistisch-leninistische Propaganda und stützten die SED-Herrschaft, lautete das Urteil. Wir sprachen mit Olbertz, der zur Zeit noch Kultusminister in Sachsen-Anhalt ist, über die Vorwürfe.Waren Sie sehr überrascht, auf diese Weise mit Ihren alten Schriften von 1989 konfrontiert zu werden?Ja, denn diese Arbeiten lagen nie im Verborgenen - ich habe sie stets mit vollem Titel angegeben, man kann seit Ewigkeiten bei Wikipedia darauf stoßen. Ich habe sie wiederholt öffentlich erwähnt und keineswegs unkritisch. Sie lagen nach der Wende der Personalkommission ebenso wie später der Berufungskommission vor.Warum dann gerade jetzt diese angebliche Neu-Entdeckung?Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Vielleicht hängt das mit meinem bevorstehenden Wechsel nach Berlin zusammen. Unglücklich ist auf jeden Fall, dass die Geschichte ihre Bühne in der Freien Universität hatte, die ja auch in einem Wettbewerb mit der HU steht.Sie promovierten in der Pädagogik über moralische Erziehung an der Hochschule. Worum ging es genau?Es ging um Fragen einer Verbesserung des Studiums, nach Maßgabe der DDR-Universität und ihres - vom sozialistischen Staat und der SED verordneten - Selbstverständnisses. In der Diktatur war dieses Selbstverständnis alternativlos. Ich wollte damit tatsächlich Freiräume für meine Arbeit gewinnen - in einer ansonsten geschlossenen Gesellschaft. Mit der Habilitation in der Tasche, dachte ich, würde es schwieriger werden, mich angesichts des fehlenden Parteibuchs einfach in irgendeiner Ecke abzustellen.Warum haben Sie ausgerechnet ein Thema gewählt, das Ihnen so viel "ideologischen Blödsinn" abverlangte, wie der Theologe Richard Schröder Ihnen vorwirft?Ich fand die Themen "studentische Selbsttätigkeit" und "akademisches Ethos" interessant und allemal harmloser als etwa kommunistische Erziehung oder gar Wehrerziehung. Außerdem haben mich Fragen der Wissenschaftsethik auch historisch und vergleichend interessiert. Ich kam 1987 in der DDR das erste Mal an die Berichte des Club of Rome oder an Hans Jonas' "Prinzip Verantwortung" heran, und war einfach neugierig darauf. Natürlich galten diese Schriften als "bürgerlich". So habe ich sie auch bezeichnet, um die Lektüre rechtfertigen zu können.Fühlten Sie keinen Widerspruch zwischen den SED-Floskeln und der Wirklichkeit? Immerhin war die DDR im Niedergang, der Reformdruck war groß, die Ideen von Glasnost und Perestroika hatten längst auf viele übergegriffen.Natürlich spürte ich diesen Widerspruch, ich habe mich damit oft herumgequält. Er gehörte über Jahrzehnte zum DDR-Alltag. Aber als die Arbeit entstand, war von einer Aufbruchsstimmung - zumal in meinem Fach - noch kaum etwas zu merken. Wer diese Dissertation genau liest, wird trotzdem sehen, das ich in vielen Formulierungen und Gedankengängen - jenseits der albernen "real-sozialistischen" Zitate - deutlich weiter gehe als manch Anderer in dieser Zeit. Und mit Absicht habe ich in den Titeln der Arbeiten die Attribute "sozialistisch" oder "kommunistisch" ausgespart, auch den geforderten Abschnitt über die Wehrerziehung bewusst nicht geschrieben, was damals mehrfach beanstandet wurde.Haben Sie überhaupt nicht an die Ideologie geglaubt?Nein, wirklich nicht, und das können Sie mir zum Vorwurf machen. In gewisser Weise wollte ich es hinter mich bringen, und die Themen selbst fand ich interessant. In der von der übrigen Welt abgeriegelten DDR anders darüber zu schreiben, wäre nicht möglich gewesen. Sicher hätte ich es insgesamt bleiben lassen, ein anderes Fach wählen können. Etwa Theologie. Dann würde ich jetzt wie Herr Schröder urteilen.Sie sagten, Sie hätten der SED widerstanden. Wie meinen Sie das?Dieser Partei trotz enormem Drucks nicht beigetreten zu sein. Dieser Erwartung zu widerstehen, zumal in meinem ideologienahen Fach, war nicht so einfach, wie man sich das heute vielleicht vorstellt, vor allem, wenn man im Westen aufgewachsen ist.Welchen Druck erfuhren Sie?Zum Beispiel habe ich mich einmal auf eine Hochschuldozentur in meiner Heimatstadt Rostock beworben. Dort wurde mir unverblümt erklärt, ohne SED-Parteibuch könne ich das vergessen. In der DDR wäre ich sicher nie auf eine Professur in meinem Fach, der Pädagogik, berufen worden. Auch damit hatte ich mich abgefunden - ich wollte nur nicht, dass es mangels Habilitation an mir selbst gelegen hätte.Sie sagten einmal, die Stasi habe über Sie berichtet. Worum ging es?Diese Geschichten reichen vom Versuch, eine Reisegenehmigung zu einem Freund nach Jugoslawien zu erhalten - wobei ich mich "uneinsichtig" gezeigt hätte -, über unerlaubte Westkontakte bis hin zu Berichten über mein Privatleben von aufmerksamen Nachbarn. Ich habe das nach der Wende gelesen und war erschüttert von der Mischung aus Anmaßung, Akribie und Banalität.Wie wollen Sie als HU-Präsident mit den Vorwürfen gegen Sie umgehen? Wo sehen Sie eine moralische Instanz, vor der Sie sich verantworten müssten?Jedenfalls bin ich nicht bereit, mich jeder selbsternannten moralischen Instanz gegenüber zu rechtfertigen, schon gar nicht auf der Basis schneller und selbstgerechter Urteile. Es gibt Vorwürfe, die ich mir selber mache - vor allem im Hinblick auf die Frage, wie weit Zugeständnisse, selbst wenn es nur verbale sind, gehen dürfen. Andererseits war meine DDR-kritische Haltung allgemein bekannt, ohne dass ich mich je als Oppositioneller stilisiert hätte. Jedenfalls habe ich unmittelbar nach der Wiedervereinigung vielfach neue Verantwortung übernommen, vom ersten frei gewählten Direktor des Instituts für Pädagogik in Halle über das Amt des Dekans bis zum Direktor der Franckeschen Stiftungen. Mit einem gewendeten Kommunisten und Unterstützer des DDR-Regimes wäre das kaum so gekommen.Das Gespräch führte Torsten Harmsen.------------------------------Jan-Hendrik OlbertzFoto: Geboren 1954 in Berlin, wuchs Jan-Hendrik Olbertz in Rostock auf, studierte Pädagogik. Seit 1992 Professor in Halle, stieg er bis zum Kultusminister von Sachsen-Anhalt auf. Im April wählte ihn die Humboldt-Universität zum neuen Präsidenten. Im Herbst löst er Christoph Markschies ab.------------------------------Foto: Am 18. Oktober zieht Olbertz als neuer Hausherr in die Humboldt-Uni.