Das ehemalige Stasi-Gefängnis, die heutige Gedenkstätte Hohenschönhausen, soll ein Erinnerungsort von nationaler Bedeutung werden. Der neue Leiter der Gedenkstätte, der Historiker und bisherige Mitarbeiter der Gauck-Behörde Dr. Hubertus Knabe, 41, will die Aufarbeitung des Nationalsozialismus als Vorbild für die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur nehmen. Am heutigen Tag tritt Knabe sein Amt an.Die Stasi-Opfer haben in der Vergangenheit bei einer Vorgängerin bemängelt, dass sie aus dem Westen kam. Sie stammen auch aus den alten Bundesländern. Was sagen Sie den Opfern?Ich kann diese Kritik sehr gut verstehen und habe mich deshalb in keiner Weise gedrängt nach dieser Aufgabe. Im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der Wissenschaft bin ich jedoch selbst seit meinem 19. Lebensjahr von der Stasi operativ bearbeitet worden, was natürlich nicht vergleichbar ist mit Haft oder anderen furchtbaren Erfahrungen, die Opfer in der DDR gemacht haben. Aber, und das ist mir sehr wichtig, ich habe das Vertrauen der Opferverbände.Wie sieht Ihr Konzept für die Gedenkstätte aus?Mit Hohenschönhausen haben wir einen Verfolgungsort der letzten Diktatur fast unversehrt überliefert, dem eine wirklich nationale Bedeutung zukommt. Das ist, wenn man das überhaupt vergleichen kann, das Dachau des Kommunismus. Dachau ist jedoch abgerissen und in den 60ern wieder aufgebaut worden. Hohenschönhausen ist so überliefert, wie es geräumt wurde. Solche authentischen Orte müssen wir erhalten, damit sich zukünftige Generationen ein Bild von der Geschichte machen können.Das Dachau des Kommunismus? Ist das nicht ein gefährlicher Vergleich?Ich denke, dass wir die beiden großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Zukunft sehr viel enger zusammendenken werden, als wir das noch gewohnt sind. In 50 Jahren wird man beide Systeme ähnlich fassungslos betrachten. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist insofern ein Vorbild, als es hier gelungen ist, den Unrechtscharakter des Systems ins Bewusstsein großer Bevölkerungsschichten zu tragen. Zum Zweiten gibt es auch gemeinsame Quellen und viele Parallelen bei diesen Massendiktaturen. Der industrialisierten Massengesellschaft waren die demokratischen Strukturen fremd, so dass sie zu totalitären Gesellschaftsentwürfen wie dem Nationalsozialismus oder dem SED-Sozialismus neigte.Ist die Gedenkstätte in erster Linie für die Opfer?Einerseits ja. Andererseits müssen wir ihre Erfahrungen weitergeben, damit auch andere daraus lernen können. Wir haben es hier nicht mit dem Hobby einiger weniger Traumatisierter zu tun. Wenn ihr Leid irgendeinen Sinn haben kann, dann den, die nachwachsenden Generationen gegen etwaige Wiederholungsversuche zu immunisieren.Wie wollen Sie das umsetzen?Ich glaube, man muss diese unglaublichen Erfahrungen der Verfolgung stärker als bisher in andere Milieus tragen. Wieso kann Claus Peymann in diesen schrecklichen Mauern nicht einmal eine Inszenierung machen? Auch auf die Bedürfnisse der Jugendlichen müssen wir uns stärker einstellen, durch eine moderne Ausstellungsdidaktik mit touch-srcreen-Bildschirmen, Computern und technischen Installationen. Als Erstes werden wir eine ständige Ausstellung aufbauen, die es bislang in Hohenschönhausen nicht gibt. Wir müssen das Gebäude zum Sprechen bringen, was am besten anhand von Einzelschicksalen geht. Man könnte sich sogar mehrtägige Geschichtswerkstätten vorstellen, für die ein Teil des Gebäudes zu Übernachtungszwecken umgebaut werden müsste.Laufen Sie nicht Gefahr, dass die Gedenkstätte als Touristenort trivialisiert wird? Erst zum Checkpoint Charlie, dann zur Mauer und dann noch schnell in den Stasi-Knast?Diese Gefahr besteht. Aber die Alternative, über die Vergangenheit zu schweigen, ist noch viel weniger akzeptabel. Es geht um einen Dreiklang: Erstens soll das Areal eine Stätte des Erinnerns sein. Auch die nächsten Generationen sollen sich ein Bild von dem Schrecken der Diktatur machen können. Zweitens ist es eine Stätte des Gedenkens, das heißt, wir müssen Rücksicht nehmen auf die Gefühle der Opfer. Viele haben dort schreckliche Qualen erlitten. Drittens ist es eine Stätte der Forschung, die nach wissenschaftlichen Standards die Geschichte dieses Ortes rekonstruiert. Wir wissen nicht einmal, wie viele Menschen dort überhaupt eingesperrt waren.Das Gespräch führten Gilbert Schomaker und Jens Stiller.