Doofpot" nennen Holländer jene eskapistische Eigenschaft, jedem noch so kleinen Konflikt aus dem Weg zu gehen, indem man ihn schlichtweg verschweigt. Doch das Schweigen hat ein Ende. Seit im Vorjahr der Regisseur Theo van Gogh ermordet wurde, gehört zu den beliebtesten Argumenten in der Debatte über die multikulturelle Gesellschaft die Formel: "Das wird man ja mal sagen dürfen." Als die Publizistin Ayaan Hirsi Ali nun ankündigte, sie wolle die Arbeit an dem von ihr gemeinsam mit van Gogh produzierten islamkritischen Film "Submission" fortsetzen, war das Spektrum der Reaktionen daher kaum verwunderlich. Es gab Gegner und Befürworter, schließlich beendete der ehemalige EU-Kommissar Frits Bolkenstein die kurze Debatte mit den Worten: Das werde Hirsi Ali ja wohl noch sagen dürfen.Der holländische Autor Geert Mak hat jetzt in seinem bemerkenswerten Essay "Der Mord an Theo van Gogh" viele dieser angeblichen Sagen-Dürfen-Argumente beschrieben. Es sind Bruchstücke einer öffentlichen Hysterie, die nach dem Attentat in den Niederlanden ausbrach. Vize-Premier Zalm etwa sah das "Land im Kriegszustand". Und Hirsi Ali forderte einen "liberalen Jihad"."Geschichte einer moralischen Panik" hat Mak seinen Aufsatz daher im Untertitel genannt, der weniger von der Zukunft der multikulturellen Gesellschaft handelt, als vielmehr von der Krise des niederländischen Selbstverständnisses und vor allem: vom holländischen Versagen nach dem Van-Gogh-Mord.Dies ist vor allem ein Versagen von Medien und Politik. "Meinung trat an die Stelle von Fakten", schreibt Mak. So wurde im Fernsehen von "Menschen mit muslimischen Aussehen" gefaselt und manche Zuschauer durften gar gleich eine "gute Diktatur" fordern.Von einem "Klima der Angst" spricht Mak. Und auch Hirsi Alis "Submission"-Drehbuch nimmt er von seiner Kritik der Generalisierung nicht aus. "Durch die Kopplung von Exzessen und heiligen Texten wird suggeriert, alle Anhänger einer bestimmten Religion dürften oder müssen sich so verhalten."Mak ist als Geschichtenerzähler bekannt. Und so verwundert es nicht, dass er Anleihen in der Historie nimmt. Zunächst, indem er den Mythos von der holländischen Toleranz als bloßen Pragmatismus einer Handelsnation entlarvt. Ferner, indem er an die holländische Tradition des Einpolderns erinnert, die nicht nur dem Meer Land abtrotzte, sondern auch auch in in anderer Hinsicht integrierend wirkte. Mak schildert, wie im 19. Jahrhundert - entgegen allen Gesetzen - die Schulen jüdischer Einwanderer gefördert wurden, unter der Bedingung, dass nicht nur Jiddisch, sondern auch Holländisch gelehrt wurde.Dennoch warnt Mak vor zu viel kuscheliger Harmonie. Das Fazit seiner Analyse lautet: "Wir sind verurteilt zur Verwundbarkeit."------------------------------Geert Mak: Der Mord an Theo van Gogh. Geschichte einer moralischen Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005. 112 S., 8 Euro