Ernesto Cardenal, in den achtziger Jahren nikaraguanischer Kulturminister, hat sich ebenso als Lyriker wie als Befreiungstheologe einen Namen gemacht. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 70. Geburtstag. Mit Cardenal sprachen Hinnerk Berlekamp und Jens Holst.Berliner Zeitung: Ihr Leben ist von drei Berufen bzw. Berufungen geprägt: Dichter, Priester und Revolutionär. Wie hat sich das eine mit dem anderen vertragen? Ernesto Cardenal: Ich bin weder als Geistlicher noch als Revolutionär zur Welt gekommen - als Dichter schon! Als ich 31 Jahre zählte, erlebte ich meine religiöse Bekehrung, und wiederum viele Jahre später hatte ich meine Bekehrung zur Revolution. Trotzdem hörte ich natürlich nicht auf, Poet zu sein. Traten nicht aber in der Zeit, als Sie Minister waren, der Poet und der Priester ein Stück zurück, damit der Revolutionär sich treu bleiben konnte? Was das Dichten betrifft, mag es für die ersten Jahre stimmen. Später richtete ich mich auch als Minister so ein, daß ein bißchen Zeit zum Schreiben übrigblieb. Man hat mir übrigens nicht verboten, Priester zu sein. Man hat mir nur untersagt zu taufen, Messen zu lesen, Ehen zu schließen. Mein Priestertum habe ich ausgefüllt als Dichter und als Revolutionär was Papst Johannes Paul II. bekanntlich überhaupt nicht gefiel, weshalb er Sie 1983 in Managua öffentlich abkanzelte. Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Vatikan? Ich habe überhaupt kein Verhältnis zum Vatikan. Ich habe ein Verhältnis zu Christus, meine Treue gilt Christus und dem Evangelium. Wir nikaraguanischen Priester, die wir in Regierungsämtern die Revolution unterstützt haben, fühlten, daß die Revolution Nächstenliebe bedeutet. Wir haben also nichts getan, als unsere Treue zum Evangelium unter Beweis zu stellen. Der Pontifex argumentiert anders: Priester sollten sich um die Gläubigen kümmern, nicht um die Politik. Priester in Regierungsämtern sind doch keine Neuigkeit in der katholischen Kirche, es hat sie zu allen Zeiten gegeben. Hier in Deutschland haben Bischöfe über Städte oder gar ganze Regionen geherrscht. Die unerhörte Neuigkeit in Nikaragua bestand darin, daß zum ersten Mal in der Geschichte Christen und Priester eine Revolution unterstützten. Doch der Papst ist einfach ein Feind jeder Revolution. Sehen Sie sich noch als Katholik? Ich bin Katholik, und ich bin Priester. Das heißt aber doch, den Papst als oberste Autorität zu akzeptieren. Ja, solange es um Glaubensdinge geht. In allem übrigen ist er für einen Christen auch nicht unfehlbar. Was bedeutete für Sie die 1990er Wahlniederlage der Sandinisten? Eine große Errungenschaft unserer Revolution. Die zweitgrößte Errungenschaft überhaupt, gleich nach dem Sturz der Somoza-Diktatur: Wir haben eine demokratische Revolution gemacht, die nicht einer einzigen Partei gehörte und die die Fähigkeit zur Niederlage besaß.Zum gleichen Zeitpunkt, als die Sandinisten die Macht abgeben müssen, bricht im Osten Europas der Realsozialismus zusammen. Hat Sie das überrascht? Überrascht ja, aber nicht allzu tief beeindruckt, denn ein Modell für uns war dieser europäische Sozialismus ja nie. Im Grunde genommen ist hier ja auch nicht der Sozialismus gescheitert, sondern ein stalinistisches Sozialismusmodell, das Marx' Werk verfälschte. Für Sie gelten weiterhin die kommunistischen Ideale? Den Kommunismus haben doch schon die ersten Christen erlebt. Bei ihnen gab es weder Reiche noch Arme, wer reich war, gab all seine Habe den anderen, alles gehörte allen, berichten die Apostel im Neuen Testament. Es heißt auch, daß jeder nach seinen Bedürfnissen erhielt - die gleiche Definition, die Marx von der perfekten, kommunistischen Gesellschaft gibt, die er für die Zukunft ankündigt: Eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Möglichkeiten gibt und entsprechend seinen Bedürfnissen erhält.Dennoch zeigt die Geschichte den Anhängern Marxscher Ideale derzeit eher die kalte Schulter. Für welche Sünden müssen die Linken jetzt büßen?Ich weiß nicht, ob es Sünden der Linken sind. Gottes Ratschluß ist mysteriös, nicht immer geht es um die Bestrafung von Sünden. Doch wir Christen haben die Erfahrung gemacht, daß wir scheitern können, sterben können, aber uns bleibt die Hoffnung auf die Auferstehung. +++