Der O-Bus - in Deutschland fast ausgestorben - gehört in Eberswalde seit 65 Jahren zum Stadtbild: Der Bus an der Strippe

EBERSWALDE. Andreas Zietmann hat eigentlich Maurer gelernt. Aber als ihn 1984 die Gesundheit zwang, einen anderer Beruf zu ergreifen, da heuerte er beim VEB Kraftverkehr Eberswalde an. Und er blieb dort bis heute - als O-Bus-Fahrer. Zietmann ist somit einer der ältesten Lenker der "Strippenbusse" in der Barnimer Kreisstadt. Seit nunmehr 65 Jahren fahren in Eberswalde O-Busse. Etwa 21 Stunden am Tag sind sie unterwegs. Damit betreibt die Stadt das älteste O-Bus-Netz Deutschlands. Und nur in den westdeutschen Städten Esslingen und Solingen fahren überhaupt noch derartige Fahrzeuge im Nahverkehr. Am Sonnabend wird in Eberswalde mit einigen Sonderfahrten Geburtstag gefeiert."Ich bin seit dem 12. März 1984 auf dem O-Bus", sagt Zietmann. Er sei damals der jüngste Fahrer im Unternehmen gewesen, erzählt der 42-Jährige. O-Busse, so schwärmt Zietmann, führen viel leiser als normale, mit Diesel betriebene Fahrzeuge. Es gebe keine stinkenden Abgase, die Busse bewegten sich vibrationsfrei und ermöglichten ein ruckloses Anfahren und Bremsen. "Es ist sehr angenehm, mit diesen Bussen zu fahren", sagt Zietmann. Trotzdem sei es heute viel stressiger, O-Bus-Fahrer zu sein. "Zu DDR-Zeiten waren wir mit unseren Bussen manchmal nachts ganz alleine auf den Straßen", sagt Zietmann. Heute seien die Straßen voll. "Aber immerhin kann ich selbst mit einem O-Bus bis zu vier Meter weit ausweichen." Das sei schon sehr gut, wenn man bei einem Unfall ausweichen muss.Fragt man den Busfahrer, ob ihm irgend etwas in all den Jahren besonders im Gedächtnis geblieben sind, dann nickt Zietmann. "Klar gibt es solche Erinnerungen." So habe er die vielen Leute aus der Brandenburgischen Vorstadt 1989 am Tag nach der Maueröffnung in Berlin gar nicht alle in seinem Bus mitbekommen. "Sie wollten alle zum Marktplatz, zum Volkspolizeikreisamt, um sich einen Stempel für die Ausreise zu holen", erzählt Zietmann. "Man, war das ein Andrang."Vier Millionen FahrgästeVier Millionen Fahrgäste sind jährlich in den O-Bussen der zwei Linien 681 und 682 in Eberswalde unterwegs. Wie alles begann, darüber kann Frank Wruck, Geschäftsführer der Barnimer Busgesellschaft (BBG) erzählen. "1940 wurde geschaut, wie man Treibstoff sparen kann, und da ist man eben auf den O-Bus gekommen", sagt er. Mitte der 60er-Jahre habe es der O-Bus in ganz Deutschland nicht leicht gehabt. "Öl war sehr preiswert, und damit wurde in vielen Städten der Diesel-Bus eingeführt", sagt Wruck.Er erzählt, dass der O-Bus nicht kostenintensiver als ein normaler Diesel-Bus sei. "Er ist schon teurer bei der Anschaffung. Aber dafür hält so ein auch O-Bus länger, weil der Motor nicht so einen hohen mechanischen Verschleiß hat", sagt Wruck. Im Durchschnitt 18 Jahre werde ein solches Fahrzeug alt. "Ungefähr eine Million Kilometer ist der O-Bus dann gefahren", sagt der BBG-Geschäftsführer.Zwei Mal mussten die O-Busse seit ihrer Einführung in Eberswalde pausieren. "In der Nacht zum 26. April 1945 wurde die Stadt bombardiert", berichtet Mattis Schindler vom Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin e. V. Dabei sei fast der gesamte Wagenpark und ein großer Teil der Fahrleitung zerstört worden. Erst Mitte August 1945 rollten die Fahrzeuge wieder. 1949 blieben die Busse fast drei Monate im Depot, erinnert sich BBG-Geschäftsführer Wruck. Der Grund: Damals gab es so gut wie keine Reifen.1981 wurde auch in Eberswalde die Stilllegung der O-Bus-Strecke geplant, weil immer mehr Dieselfahrzeuge in Betrieb genommen wurden und das "Strippenfahrzeug" unattraktiv zu werden schien. "Doch die weltweite Ölkrise hat zu einem Umdenken geführt", sagt Mattis Schindler vom Denkmalpflege-Verein in Berlin. Die alten Fahrzeuge in Eberswalde seien aufgearbeitet und ab 1983 durch Busse aus der CSSR und Ungarn ersetzt worden. Das Streckennetz sei bis 1990 sogar ausgebaut worden. Die 15 O-Busse, die derzeit durch die Kreisstadt fahren, wurden 1993 und 1994 gekauft.Am Sonnabend werden nach Angaben des Berliner Denkmalpflege-Vereins drei historische O-Busse durch Eberswalde fahren. Einer davon sei bis 1965 in Berlin-Steglitz unterwegs gewesen, sagt Mattis Schindler. Berlin hatte eine lange O-Bus-Tradition. Das erste von Werner von Siemens gebaute Fahrzeug kreuzte zu Testzwecken bereits 1882 den Kurfürstendamm in Halensee. Die letzte Linie wurde 1973 in Ost-Berlin eingestellt.------------------------------Heute SonderfahrtTrolley- oder O-Bus: Der Begriff Oberleitungsbus wird nur in Deutschland und Österreich verwendet. In anderen Ländern ist die Bezeichnung Trolleybus üblich. Als Trolley (engl.: Laufkatze) wurde ein kleiner Wagen bezeichnet, der bei den ersten Fahrzeugen dieser Art an der Oberleitung hinterhergezogen wurde. Erst später erfolgte die Stromabnahme über Stangen.Erstfahrt: Am 3. November 1940 fuhr in Eberswalde der erste O-Bus. Man wollte Treibstoff sparen. Zuvor verkehrten Straßenbahnen.Heute: Heute fahren in Eberswalde 15 O-Busse auf zwei Linien auf einer Streckenlänge von insgesamt 30 Kilometern. Sie befördern laut Barnimer Busgesellschaft (BBG) rund vier Millionen Fahrgäste im Jahr.Traditionsfahrt: Am Sonnabend, den 12. November, veranstalten die BBG und der Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin in Eberswalde von 9.15 Uhr bis 17 Uhr Traditionsfahrten mit alten O-Bussen. Die Fahrten beginnen am Betriebshof Nordend, erreichbar mit der O-Bus-Linie 861.Verbindung: Von Berlin aus fahren stündlich Züge nach Eberswalde. Zum Beispiel 9.02 Uhr vom Bahnhof Zoo, über Friedrichstraße (9.09 Uhr), Alexanderplatz (9.12 Uhr) und Ostbahnhof (9.25 Uhr). Der Zug trifft 10.07 Uhr in Eberswalde ein.Weitere Hinweise im Internet: www.obus-eberswalde.de------------------------------Fotos (2) : Die Buslinie 862 in Eberswalde ist eine von zwei Linien, auf denen in der Stadt seit nunmehr 65 Jahren Oberleitungsbusse verkehren.Frank Wruck ist Geschäftsführer der Barnimer Busgesellschaft. Das Unternehmen betreibt 15 O-Busse.