Lokalgeschichte hat etwas Behagliches. Sie bündelt die große Weltgeschichte in einem einzigen Punkt. In Müggelheim etwa, einem Ortsteil von Treptow-Köpenick, steht hinter der Kirche ein Denkmal für "Johann Jacob Baeyer (1794-1885), den Begründer der Erdvermessung". Wer mit Peter Belitz spricht, dem Chef des Heimatvereins, erfährt, dass Johann Jacobs geadelter Sohn, Adolf von Baeyer, den Chemie-Nobelpreis erhielt. Und dass die ersten Siedler auf dem Köpenicker Werder einst aus der Pfalz nach Preußen kamen. 1747 siedelte König Friedrich II. dort 20 pfälzische Familien an. Deshalb erinnern viele Straßen dort bis heute an Orte in der Pfalz.So wie Darstein, ein Dorf unweit von Pirmasens. Klein ducken sich die Häuser in den Herbstnebel im Darsteiner Weg in Müggelheim. Wer die Anwohner nach dem Straßennamen fragt, dem wird entgegnet: "Muss was mit der Pfalz zu tun haben." Das stimmt, stimmt aber irgendwie auch wieder nicht. Die 106 Wähler von Darstein nämlich votierten bei der Reichstagswahl 1930 geschlossen für die NSDAP. Zu 100 Prozent für Hitler - als erste Gemeinde deutschlandweit. Deshalb wurde das komplette Dorf 1936 zum NSDAP-Ehrenmitglied ernannt und in Berlin mit einer Straße geehrt. Aus Postlandweg wurde Darsteiner Weg. Dabei ist es bis heute geblieben. "Puh", sagt Peter Belitz, "das höre ich jetzt zum ersten Mal". Und Marianne Schäfer, die im Darsteiner Weg wohnt, entfährt nur ein: "Ach, du Schande."Geschichte ist eben sperrig. Die große und die kleine. Der Historiker Theo Schwarzmüller hat sie nun nachgezeichnet. "Hauenstein gegen Hitler", heißt sein Beitrag zur historischen Wahlforschung. Die Orte Hauenstein und Darstein trennt nur ein Berg - und die Konfession. Das katholische Hauenstein entwickelte sich nach 1933 zu einer Bastion gegen Hitler, das evangelische Darstein zum braunen Hort. Schwarzmüller, Dozent an der Uni Mannheim, hat diese Entwicklung sozialgeschichtlich aufgearbeitet. Sein Buch wird am Freitag in Hauenstein vorgestellt von einem anderen Großen der Geschichte: Helmut Kohl.Müggelheim aber hat ein Problem. Das ist 200 Meter lang und heißt Darsteiner Weg. "Wenn das so ist, dann müsste man über eine Umbenennung nachdenken", sagt ein Anwohner. Ein anderer sieht es eher pragmatisch. "Das kostet doch nur wieder", sagt er und ergänzt. "Ich war schon nach der Wende gegen all die Umbenennungen."Es ist eben nicht immer einfach mit der Geschichte. Schwarzmüller weiß das. Er hat über die NS-Nähe des Preußenmarschalls August von Mackensen promoviert. Auch damals gab's Streit um Straßennamen. Berlin übrigens entschied sich 1998 für die Umbenennung in Else-Lasker-Schüler-Straße.------------------------------Grafik: Das Wappen des pfälzischen Ortes Darstein