SCHÖNEBERG Seit 76 Jahren gehört der Ortsteil Friedenau zu Schöneberg. Dennoch bestehen die meisten seiner Bewohner darauf, Friedenauer zu sein. Vor 125 Jahren, am 9. Juli 1871, wurde mit dem Erwerb von Grund und Boden der erste Schritt für die Errichtung einer Mittelstands-Wohnhauskolonie - das heutige Friedenau - getan.Die Postleitzahl "1 000 Berlin 41" machte den Friedenauern lange Zeit zu schaffen: Berlin 41 nämlich galt sowohl für Teile des Bezirks Steglitz als auch für Friedenau. "Jahrelang ging meine Post nach Steglitz", beschwert sich die 82jährige Renate Herzog noch heute.Begonnen hat die 125jährige Geschichte von Friedenau am 9. Juli 1871: Der unter Leitung des Volkswirts und Schriftstellers David Born gegründete "Landerwerb- und Bauverein auf Aktien" erwarb im Süd-Osten der Berlin-Potsdamer Landstraße (heute Rheinstraße) elf Hektar Brachland. Auf dem Gebiet entstanden zunächst 95 Parzellen, der Ankauf weiteren Geländes war bereits im Oktober 1871 beschlossene Sache. Drei Jahre später hatte Friedenau schon 1 145 Einwohner und wurde zur selbständigen Landgemeinde erhoben.Benannt wurde Friedenau übrigens nach dem Frankfurter Frieden, der 1871 das Ende des deutsch-französischen Krieges besiegelte. Es waren vor allem gutbetuchte Angestellte aus Berlin und Künstler, die hier ihr Zuhause fanden. Zu den berühmten Friedenauern gehörte neben Max Bruch, Kurt Tucholsky, Karl Kautsky und Günter Grass auch Theodor Heuss, der erste Präsident der Bundesrepublik.Noch heute ist die ursprüngliche Form des im Westen von Schöneberg gelegenen Friedenaus auf dem Stadtplan deutlich zu erkennen: Die Bundesallee (früher Kaiserstraße) mit den beiden langgestreckten Plätzen (Bundes- und Walter-Schreiber-Platz) bildet die Mittelachse der U-förmig angeordneten Stubenrauch- und Handjerystraße. Fast symmetrisch verlaufen auch die anderen Straßen. Mit den Villen, die zu Beginn in Friedenau errichtet wurden, entstanden auch die noch heute typischen Vorgärten: Bis zu sechs Meter breit waren die "Puffer", die damals Straße und Häuser voneinander trennen sollten. Viele allerdings wurden später ein Opfer der notwendigen Verbreiterung von Straßen. Als sich zum Ende des 19. Jahrhunderts herausstellte, daß mit Villen auf Dauer nicht so viel Geld zu verdienen war, wurden die ersten Mietshäuser errichtet und einige der Villen abgerissen. Erst seit den 70er Jahren unseres Jahrhunderts besteht eine Erhaltungssatzung, um die Bauwerke aus den Anfängen zu sichern.Obwohl sich 1913 die Entstehung Groß-Berlins schon abzeichnete, wurde mit dem Bau des Friedenauer Rathauses begonnen. Mit einem gewissen Risiko, denn ein kleiner Teil des Gebäudes befand sich auf Schöneberger Gebiet. "Hätten die Schöneberger damals Probleme gemacht, wäre der Teil des Rathauses einfach weggelassen worden", berichtet Michael Barthel, ehemaliger Bürgermeister von Schöneberg und selbst Friedenauer. Ihm wurde während seiner Amtszeit als Jugend- und Sportstadtrat in den 80er Jahren ein Spitzname verpaßt: Bürgermeister von Friedenau.Das Jahr 1920 schließlich besiegelte das Ende eines selbständigen Friedenau: Mit dem Entstehen Groß-Berlins wurde es gemeinsam mit Schöneberg zum elften Berliner Verwaltungsbezirk erklärt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Friedenau noch einmal für kurze Zeit selbständig: Mit dem Einmarsch der Sowjetarmee am 5. Mai 1945 wurde ein kommunistischer Bürgermeister eingesetzt. Jedoch schon sechs Wochen später vereinigten die Amerikaner den Ortsteil wieder mit Schöneberg. Für seine Einwohner - ob jung oder alt - ist Friedenau noch immer etwas Selbständiges: "Ich würde nie sagen, ich wohne in Schöneberg", gibt Elke Burkhard zu. Ihrer Ansicht nach beginnt Schöneberg "hinter dem Innsbrucker Platz. Ohne Bäume, mit viel Verkehr". Friedenau hingegen sei eine Idylle. Auch die Menschen seien hier anders als anderswo.Das Problem mit den Postleitzahlen hat sich inzwischen erledigt: Seit drei Jahren steht statt "1 000 Berlin 41" eben 12 161 oder 12 159 als Adresse auf den Briefen. Nur hin und wieder noch "1000 Berlin 41". Aus alter Gewohnheit eben. +++