KAPRUN, 19. Juli. Am Anfang war die weiche Leiste des Michael Preetz. Sie zwickte gewaltig und verursachte manches Mal einen stechenden Schmerz, der den Angreifer des Fußball-Erstligisten Hertha BSC sogar in Glücksmomenten nie ganz verließ, so beim vielfachen Torjubel in der vergangenen Saison. "Kein Thema mehr", sagt Thomas Sennewald, "Michael Preetz ist absolut beschwerdefrei. Er soll in diesen Tagen in Mexiko für die Nationalmannschaft die Tore schießen." Sennewald ist 34 Jahre alt und hat sich dem komplizierten Feld der Osteopathie verschrieben. Er gilt als ein Mann mit heilenden Händen.Seit dem 1. Juli gehört Sennewald offiziell zum medizinischen Stab des Bundesligisten, im österreichischen Kaprun nahe Zell am See erlebt er derzeit sein erstes Trainingslager mit den Hertha-Profis. Gerade in der gegenwärtigen Phase extremer Belastung Trainer Jürgen Röber verordnet intensivste Bewegung unterhalb des 3 203 Meter hohen schneebedeckten Kitzsteinhorns suchen die Kicker den Kontakt zu Thomas Sennewald, dessen etwas geheimnisumwitterte Methoden die konventionelle Behandlung ergänzen sollen. Zuerst vertraute nur Michael Preetz den sensiblen Händen Sennewalds, jetzt sind es alle Spieler.Zirkulation der KörperflüssigkeitSennewald erklärt sein Behandlungssystem so: Er sieht eine Ursache für physische Beschwerden in gestörter Zirkulation der Körperflüssigkeiten. Seine Instrumente auf der Suche nach Störungen seien in erster Linie seine Hände, mit denen er tastet, tastet, tastet. Sennewald meint, allzu häufig würden nur die Folgen von Krankheiten und Verletzungen bekämpft, dabei müsse man zuerst die Ursachen erkennen. Als Preetz mit Schmerzen zu ihm kam und eine Leistenoperation nicht mehr vermeidbar zu sein schien, erkannte Sennewald, daß beim 31 Jahre alten Schützenkönig der Liga der "Schwerpunkt Niere-Darm" nicht in Ordnung war, wie Sennewald sagt: "Die Mobilität des Organs stimmte nicht." In insgesamt 14 Behandlungen gelang es ihm, Preetz völlig beschwerdefrei zu bekommen ohne eine Operation, die eine wochenlange Pause nach sich gezogen hätte.Sennewald, der Sozialpädagogik studieren wollte und Physiotherapeut wurde, erweitert seine Kenntnisse an einer Akademie im belgischen Gent. Dort arbeiten Europas Spitzenleute einer "jungen Wissenschaft mit großer Zukunft", wie er hundertprozentig glaubt. "In zwei Jahren möchte ich mein Diplom machen", sagt Sennewald, "in Berlin gibt es derzeit nur drei Osteopathen, die bereits fertig sind." Die Damen der deutschen Hockey-Nationalmannschaft schwärmen von Sennewalds Methoden, jetzt vertrauen sich ihm die Herthaner an. Sennewald sagt, er wolle nicht als mystischer Guru gelten, er sieht sich als Teil der medizinischen Abteilung des Hauptstadtklubs unter Leitung von Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher. Dennoch sprechen die Spieler beharrlich vom kleinen Wunder, sobald die Rede auf die verschwundenen Schmerzen des Michael Preetz kommt.Geheimnisvoll für die KonkurrenzSolchen Erfolg versprechen sich jetzt alle, die sich mit Beschwerden plagen. In Österreich ist das derzeit ein halbes Dutzend Profis. Vielleicht wird Thomas Sennewald bald so etwas wie der zwölfte Mann im Team. Geheimnisumwittert kann er aus Sicht der Spieler dabei ruhig bleiben: für die Konkurrenz.