Seit Oktober 1989 trägt Frank-Joachim Herrmann keinen Schlips mehr. Äußeres Zeichen dafür, daß er den "Zwang des Protokolls" abgelegt habe. Doch Diplomat ist der heute 65jährige geblieben. 21 Jahre lang war Frank-Joachim Herrmann der Mann an Honneckers Seite, sein persönlicher Mitarbeiter, Leiter der Kanzlei des Staatsratsvorsitzenden und dessen Redenschreiber. Zuletzt erklomm er den Rang eines Staatssekretärs und wurde Mitglied des Zentralkommitees der SED. Auf fast allen Protokollbildern mit dem Generalsekretär stand er im Hintergrund, dem mächtigsten Mann der DDR jederzeit zu Diensten.Am Donnerstag abend stellte Frank-Joachim Herrmann in Berlin seine Erinnerungen vor. Der Chefredakteur des Neuen Deutschlands, Rainer Oschmann, und seine Stellvertreterin, Brigitte Zimmermann, haben ihn befragt. Aus 24 Stunden Tonbandprotokollen ist ein Buch geworden, das jetzt unter dem Titel "Der Sekretär des Generalsekretärs" in der Edition Ost erschienen ist - jenem Ostberliner Verlag, der in seiner "roten Reihe" seit zwei Jahren mit großem Erfolg die mehr oder meist weniger selbstkritischen Rechtfertigungsschriften einstiger DDR-Größen (und solcher, die sich dafür hielten) veröffentlicht.Allen Besuchern, die auf neueste Enthüllungen aus den Hinterzimmern der SED warteten, erteilte Herrmann gleich zu Beginn der Buchvorstellung in umständlichen Worten eine Absage. "Es konnte nicht meine Absicht sein, durch überzogene Darstellungen mir selber ein Alibi zu verschaffen." Frank-Joachim Herrmann will auch sechs Jahre nach dem Ende der DDR nicht dem Mann "untreu" werden, dem er immer loyal gedient hat.Lange hat Frank-Joachim Herrmann geschwiegen, jetzt erweckt er den Eindruck, als müsse er sich alles von der Seele reden. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, aber es muß die verinnerlichte Kunst aller Diplomaten sein, mit vielen Worten kaum etwas zu sagen, höchstens einmal etwas anzudeuten. So erfährt man wenig, vor allem nichts Neues über Erich Honecker, aber viel über das kalte Verhältnis zweier Männer im Machtzentrum des SED-Regimes. Kein persönliches Gespräch, so erinnert sich Herrmann, hätten die beiden in 21 Jahren miteinander geführt, "keinen einzigen gründlicheren Gedankenabtausch über Problemlagen, über Familiäres schon gar nicht". Selbst über das Wetter habe man sich nicht unterhalten können.Dann liefert der Sekretär schließlich doch eine kleine Episode darüber, wie der Generalsekretär "Autorität und Rechthaberei" demonstriert habe. "Was ist denn das", so habe Honecker ihn einmal im Schloß Niederschönhausen zu einem dort hängenden Bild befragt. Völlig korrekt und mit dem gebotenen Respekt habe er geantwortet: "Das ist die Nikolaikirche in Potsdam, ein Schinkelbau." Doch Honecker habe sich kopfschüttelnd mit einem "Nein" auf den Lippen abgewendet. Als funktionierendes Rädchen in der Machtmaschine SED nahm er solche Demütigungen hin. Kritik habe er für sich behalten. "Aber", so betont Herrmann, "es ging nie so weit, daß ich daran gedacht hätte, meine Aufgabe zu verlassen." Nur einmal schließlich hat Frank-Joachim Herrmann die Hand gegen seinen Chef erhoben, am 18. Oktober 1989 im Zentralkomitee der SED. Der Rücktritt von Erich Honecker bedeutete für ihn dann das Ende. Bis heute schweigt er über vieles, seine Aufgabe hat ihn, so scheint es, bis heute nicht losgelassen, auch ohne Schlips.Frank-Joachim Herrmann, Der General des Generalsekretärs, Edition Ost, Berlin 1996. +++