BERLIN, im April. Es war im Frühjahr 1982. Wolfgang Harich war erst wenige Monaten zuvor von einem zweijährigen Aufenthalt in Österreich und Westdeutschland in die DDR zurückgekehrt, da stürzte er eines Tages angsterfüllt in seine Ostberliner Wohnung. Auf der Straße liege ein Strick, berichtete er seiner Frau. Diesen Strick habe die Staatssicherheit dort hingelegt, um ihm zu bedeuten, er solle sich aufhängen. Den Einwand seiner Frau, sie habe den Strick auch gesehen, er liege schon seit zwei Wochen da, nahm er nicht wahr. Wolfgang Harich, Philosoph, Kommunist und SED-Kritiker, war der festen Überzeugung, die Staatssicherheit wolle ihn in den Selbstmord treiben.Harich hatte allen Grund, Angst vor dem Geheimdienst der DDR zu haben. Im Jahr 1956 war der damalige Philosophie-Dozent und Verlagslektor wegen seiner Schriften, in denen er eine Entstalinisierung der SED forderte, von der Staatssicherheit festgenommen worden, die ihm zudem die "Bildung einer konterrevolutionären Gruppe" vorwarf. Ein Jahr später wurde er in einem politischen Schauprozess zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Acht Jahre davon saß Harich in Bautzen ab, die längste Zeit in Einzelhaft. Nach seiner Entlassung 1964 konnte er zwar wieder arbeiten - als freier Mitarbeiter des Akademie-Verlages betreute er eine Gesamtausgabe der Schriften Ludwig Feuerbachs; eine Dozententätigkeit an der Humboldt-Universität, wie er sie Anfang der fünfziger Jahre ausübte, ließ die SED-Führung aber nicht mehr zu. Mit Dutzenden von Inoffiziellen Mitarbeitern wachte das Ministerium Erich Mielkes fortan darüber, dass der unbequeme Philosoph dem Regime nicht noch einmal in die Quere kam.Nach dem Untergang der DDR geriet Wolfgang Harich jedoch plötzlich ins Zwielicht: Ein 1994 in der Gauck-Behörde entdeckter Bericht über ein Gespräch, das Harich 1978 mit einem MfS-Offizier geführt hatte, nährte den Verdacht, der Philosoph könnte nicht nur Opfer der SED und der Staatssicherheit, sondern auch einer ihrer Diener gewesen sein. 1997 ermittelte gar das österreichische Innenministerium kurzzeitig wegen des Verdachts, Harich habe während seines Aufenthaltes in Wien in den Jahren 1979 und 1980 zwei prominente österreichische Sozialdemokraten als Spione für die Staatssicherheit geworben. Harich, der Dissident, ein Zuträger und Agentenwerber Mielkes?In den jetzt von der Gauck-Behörde erstmals zugänglich gemachten umfangreichen Akten der Staatssicherheit über Harich findet sich kein Hinweis darauf, dass er tatsächlich dem MfS als Inoffizieller Mitarbeiter gedient hat. Zeit seines Lebens in der DDR war er von Spitzeln des Ministeriums und auskunftsfreudigen Funktionären der SED umgeben. Selbst in den wenigen Monaten, die er in Wien verbrachte, kümmerte sich Markus Wolfs Hauptverwaltung A (HVA) um ihn: "Eine regelmäßige Berichterstattung ist gesichert", schrieb Wolfs Stellvertreter, Generalmajor Jänicke, am 25. Oktober 1979. Und der General fügte hinzu: "Es bestehen Möglichkeiten der Einflussnahme über inoffizielle Verbindungen. " Mit anderen Worten: Harich brauchte in Wien gar keine Spione für die Stasi zu werben. Die waren schon längst da. Und sie waren auf ihn angesetzt.Doch wie bei vielen anderen Intellektuellen der DDR, die Schwierigkeiten mit dem Regime hatten und als Dissidenten galten, lässt sich auch das Verhältnis Harichs zur Staatssicherheit nicht in ein schlichtes Täter-Opfer-Bild pressen. Die über Harich bis 1982 angelegten Akten - aus der Zeit danach sind im Archiv der Gauck-Behörde nur noch einzelne, wenig aussagekräftige Blätter erhalten - dokumentieren vielmehr ein seltsames Vertrauensverhältnis Harichs zum Ministerium Mielkes. Mehrfach fanden demnach seit den siebziger Jahren "auf seinen Wunsch hin", wie es in den Berichten heißt, Gespräche Harichs mit Vertretern der Staatssicherheit statt. Darin offenbarte er seine politischen Überlegungen, berichtete von Treffen mit westlichen Politikern und Publizisten und bat um Unterstützung für seine eigene wissenschaftliche Arbeit. Um die Jahreswende 1978/79 übergab er bei einem dieser Treffen dem Gesprächspartner vom MfS ein Buch mit der Bitte, es an Minister Mielke weiterzuleiten. Bei ihrem nächsten Treffen am 25. Januar 1979 notierte der Stasi-Offizier: "Auf die an Harich vom Genossen Minister übermittelten Grüße unter Bezugnahme auf das von Harich verfasste und mit persönlicher Widmung an den Genossen Minister übergebene Buch ,Jean Paul reagierte er erfreut und betonte, dass ihm das eine große Ehre sei. " 1994, ein Jahr vor seinem Tod, hatte Wolfgang Harich in einem Gespräch mit der Zeitung "Neues Deutschland" eingeräumt, seit 1972 bis zu seinem Weggang in den Westen 1979 häufige Gespräche mit zwei "Instrukteuren" des Zentralkomitees der SED geführt zu haben. Dass diese beiden Herren "Neumann" und "Lohse" Stasi-Offiziere gewesen seien, habe er erst lange nach der Wende erfahren, beteuerte Harich. Er sei stets davon ausgegangen, für das MfS tabu gewesen zu sein. Das sei ihm jedenfalls 1965 von Funktionären aus der Kaderabteilung des ZK mitgeteilt worden.Vielleicht war es Harichs Sorge, in diesem Punkt der Unaufrichtigkeit überführt zu werden, die ihn dazu trieb, ab 1994 mit allen juristischen Mitteln die Herausgabe seiner Staatssicherheits-Akten an Journalisten und Historiker zu verhindern. In harschen Schreiben drohte er der Gauck-Behörde mit Gerichtsverfahren. Auch nach Harichs Tod am 15. März 1995 ging der Streit weiter. Nun war es die Witwe, die entscheiden wollte, welche Aktenteile über Harich der Forschung und den Medien zugänglich gemacht werden dürfen. Erst Ende vergangenen Jahres rang sich die Behörde zu der Entscheidung durch, die Dokumente bis auf wenige Ausnahmen - etwa die Kopien seiner Tagebücher - freizugeben. Und erst seit kurzem sind die Akten nun zugänglich für Journalisten und Historiker.Die von Harich betriebene Blockade seiner Akten hat dazu geführt, dass man ihn nicht mehr zu den Motiven seiner verborgenen Verbindung zum Ministerium für Staatssicherheit befragen konnte. So lädt manches aus den Akten nun zu Spekulationen ein - etwa der Umstand, dass sich Harich 1980 dem Ministerium als Westspion andienen wollte.Schon ein Jahr zuvor, im Januar 1979, hatte der damals 55 Jahre alte Harich die Staatssicherheit zur Unterstützung seines Ausreisewunsches nach Österreich gewinnen können. Nach Wien zog es ihn wegen einer Frau, in die er sich verliebt hatte. Er hoffte aber auch, dort seine ökologischen Theorien umsetzen zu können, die er in der DDR entwickelt hatte und die in der SED-Führung auf heftige Ablehnung gestoßen waren.Einen offiziellen Ausreiseantrag wollte Harich aber vermeiden, um sich eine mögliche Rückkehr in die DDR nicht zu verbauen. Mit dem ostdeutschen Staat hatte er trotz seiner schlimmen Erfahrungen nie gebrochen. Harich spekulierte daher auf eine so genannte Invalidisierung wegen seiner Herzerkrankung. Als Invalidenrentner hätte er stets von Ost nach West und zurück reisen können.Doch die "Berentung" verzögerte sich. Also wandte sich Harich im Januar 1979 an seine Ansprechpartner beim MfS. Mit deren Hilfe ging dann alles sehr schnell: Zwei Monate später schon wurde Harich "invalidisiert" und erhielt ein auf zwei Jahre befristetes Ausreisevisum. Selbst den Doktortitel, der ihm im Urteil von 1957 aberkannt worden war, durfte er nun wieder führen.Einen weiteren Monat später zog Harich zunächst nach Wien, später nach Starnberg und Osnabrück. Ost-Berlin hatte keinen Grund, sich über ihn zu ärgern: In Interviews mit westlichen Zeitungen betonte Harich stets, dass seine Ausreise nicht als politischer Bruch mit der DDR verstanden werden dürfe, mit der er sich eng verbunden fühle.Vielleicht war es diese Haltung, die Harich im Westen nicht den von ihm erhofften Anschluss an die politischen Parteien und Bewegungen finden ließ. Aber auch mit seinen radikalen ökologischen Thesen verschreckte er viele Grüne und Sozialdemokraten. Wolfgang Harich musste bald erkennen, dass er auch im Westen politisch gescheitert war. Seine erste Frau erinnert sich in Siegfried Prokops Harich-Biografie: "Für die westdeutsche Linke war dieser Mann einfach nicht gemacht. Er kam nicht zurecht. Als Wissenschaftler ausgestoßen aus seiner Heimat Berlin und im Westen nicht anerkannt, das war schon fast zu viel für ihn. " Im Oktober 1980 war Harich wieder einmal auf Besuch in Ost-Berlin. Am 16. Oktober, einen Tag vor der Rückfahrt in den Westen, traf er sich mit Oberstleutnant Müller von der Mung XX. Das Gespräch kam - wie es im Bericht über dieses Treffen heißt - auf "wiederholte telefonische Bitte" Harichs zu Stande."Harich bot in diesem Gespräch an, als Aufklärer für das MfS im westlichen Ausland tätig zu sein", notierte Oberstleutnant Müller. "Günstige Möglichkeiten würden seiner Meinung nach durch eine Vielzahl von Bekannten im westlichen Ausland bestehen, die er entsprechend den Vorgaben des MfS abschöpfen bzw. politisch beeinflussen könnte. " Harich - der sein Spionage-Angebot auf Wunsch des Stasi-Offiziers sogar auf Tonband sprach - sagte nach dem überlieferten Tonbandprotokoll, er glaube "eine Möglichkeit zu erblicken. , dem sozialistischen Lager noch einen erheblichen Dienst leisten zu können". So habe er in München eine Familie kennen gelernt, deren Tochter mit einem Beamten des amerikanischen Außenministeriums verheiratet sei. Zu der Tochter und ihrem Mann könne er einen Kontakt aufbauen, um "zumindest eine Überzeugungsarbeit zu leisten, . die im amerikanischen Außenministerium gewonnenen Erkenntnisse der Sowjetunion oder der DDR zugänglich (zu) machen". Als "Deckmantel" für seine künftige Tätigkeit als Spion der DDR schlug er die den Grünen nahe stehende "Ernst-Friedrich-Schuhmacher-Gesellschaft für politische Ökologie" in München vor, in deren Kuratorium er gewählt worden sei und der Publizisten und Politiker von den Grünen und der SPD angehörten.Doch die Staatssicherheit lehnte das Angebot kommentarlos ab. Ende 1981 kehrte Harich still und leise in die DDR zurück. Für Mielke und Honecker war der einstige Dissident kein Gegner mehr, den sie zu fürchten hatten. Mit seinem Öko-Fundamentalismus war er im Westen ein Außenseiter geblieben, die Medien dort nahmen ihn nicht ernst. Und selbst, wenn sich Harich wieder mal als Kritiker der SED gebärden sollte, drohte keine Gefahr mehr: Das Tonband mit dem Angebot zur Mitarbeit bei der Staatssicherheit war künftig Druckmittel genug, Harich zur Räson zu rufen."Es bestehen Möglichkeiten der Einflussnahme über inoffizielle Verbindungen. " Generalmajor Jänicke "Harich bot in diesem Gespräch an, als Aufklärer für das MfS im westlichen Ausland tätig zu sein. " Oberstleutnant Müller. Foto: Wolfgang Harich (1923-1995) saß in der DDR sieben Jahre in Einzelhaft. Nach der Wende versuchte er, mit allen juristischen Mitteln die Herausgabe seiner Staatssicherheits-Akten an Journalisten und Historiker zu verhindern.