Als der Atomphysiker Robert Wilson die Führung des Fermi-Labors abgab, drohte er seinem Nachfolger Leon Lederman: "Ich werde Sie bis an Ihr Lebensende verfolgen, wenn Sie hier die Architektur versauen." Lederman beherzigte die Warnung. Das gesamte Atomforschungszentrum, sagt Lederman heute, sei vom Geist Wilsons durchdrungen von den charakteristischen Doppeltürmen, die Wilson nach dem Vorbild einer französischen Kathedrale entwarf, bis hin zu der Herde Bisons, die er auf das Laborgelände geholt hatte.Bekannt wurde Robert Wilson, der jetzt mit 85 Jahren starb, als einer der jüngsten leitenden Mitarbeiter des Manhattan-Projekts: In den vierziger Jahren war er an der Entwicklung der amerikanischen Atombombe beteiligt. Am 4. März 1914 wurde Robert Rathbun Wilson in Frontier im Bundesstaat Wyoming geboren. Als er acht Jahre alt war, trennten sich seine Eltern; Robert wuchs bei seiner Großmutter in der Nähe von Chicago auf. 1932 nahm er in Berkeley an der University of California ein Studium der Elektrotechnik auf. Im selben Jahr beantragte Albert Einstein beim amerikanischen Generalkonsulat in Deutschland ein Visum für Amerika. Sieben Jahre später, am 2. August 1939, schrieb Einstein zusammen mit dem Physiker Leo Szilard einen Brief an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in dem die Wissenschaftler davor warnten, dass die Deutschen eine Atombombe entwickeln könnten. Roosevelt rief daraufhin das streng geheime Manhattan-Projekt ins Leben. Zahlreiche berühmte Physiker, unter ihnen einige Nobelpreisträger, wurden dafür rekrutiert; zum Beispiel Enrico Fermi, Holly Compton, Richard Feynman und Ernest Lawrence. Unterdessen hatte Robert Wilson sein Studium beendet und arbeitete als Physik-Dozent in Princeton; dort, wo auch der Emigrant Einstein lebte. Wilson entwickelte zwischen 1941 und 1943 das Isotron, ein Gerät zur Trennung von Uran-Isotopen. Die Isotopen-Trennung war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Atombombe. Zwar hatte man für die Entwicklung der Bombe eine andere Methode der Isotopen-Trennung von Ernest Lawrence entwickelt herangezogen, aber auch Wilson wurde zum Manhattan-Projekt "eingeladen". Er stieß zur Los-Alamos-Gruppe um Robert Oppenheimer und Enrico Fermi. Der junge Physiker wurde mit der Arbeit am Teilchenbeschleuniger und den Messungen der Strahlung beim ersten Atombombentest am 16. Juli 1945 betraut. Richard Feynman erinnert sich in seiner Autobiografie ("Surely You re Joking, Mr. Feynman") an die Feiern nach dem Test: Inmitten all der Feiernden sei ein Mann gesessen und habe geweint Bob Wilson. Auf die Frage, wieso er weine, habe Wilson geantwortet: "Wir haben etwas Schreckliches geschaffen."Wilson ahnte, wie auch etliche andere der Beteiligten, dass nunmehr ein Wettrüsten einsetzen würde. In den Folgejahren engagierte er sich für Rüstungskontrollen und die friedliche Nutzung der Kernenergie. Er arbeitete als Professor für Atomphysik an der Cornell-University. 1967 wurde er Gründungsdirektor des Instituts für Hochenergiephysik ("Fermilab"), das er bis 1978 leitete. Er entwarf die Architektur des Hauptgebäudes und schuf zahlreiche Skulpturen, die heute den Campus zieren. Die Grünflächen wurden nach seinen Plänen als Prärielandschaft rekultiviert. Wilson entwickelte am Fermilab sehr leistungsfähige Teilchenbeschleuniger. In seine Ägide fiel die Entdeckung eines wichtigen Elementarteilchens, des "Bottom Quarks". Seine Rolle in der Wissenschaft, vor allem aber im Manhattan-Projekt, beschrieb sein damaliger Kollege Victor Weisskopf so: "Bob war unser Gewissen."Robert Wilson starb in der Nacht zum 17. Januar in einem Altersheim in Ithaca (US-Bundesstaat New York) an einer Lungenentzündung. Er hinterlässt seine Frau Jane Scheyer, mit der er 59 Jahre verheiratet war, sowie drei Söhne und vier Enkelkinder.