Der Pianist Andras Schiff hat mit der aktuellen Fortsetzung seines Beethoven-Zyklus mit den opera 26 bis 28 am Freitag im Kammermusiksaal etwas bewirkt. In der Pause hörte man die Zuhörer tatsächlich hier und da über seine Interpretation der cis-Moll-Sonate op. 27/2 sprechen, ablehnend die einen, interessiert die anderen.Was ist geschehen? Das Werk ist unausrottbar als "Mondschein"-Sonate bekannt, und sein erster Satz ist der bekannteste Satz aller Beethoven-Sonaten. Jeder Interpret dieses Stücks stößt auf einigermaßen betonierte Hörerwartungen.Mit durchgedrücktem PedalSchiff machte zwei ungewohnte Dinge: Er bezog die Tempovorschrift "Adagio sostenuto" nicht auf die Viertel, sondern, wie es die Taktvorzeichnung alla breve nahelegt, auf die Halben, schlug damit ein deutlich schnelleres Tempo an als gewohnt. Außerdem spielte er den gesamten ersten Satz mit durchgehend gedrückten Pedal, die italienischen Vorschrift "dieses ganze Stück" "ohne Dämpfer" zu spielen wörtlich nehmend. Im Ergebnis liefen alle Akkorde ineinander, dank des relativ schnellen Tempos waren es zeitweise mehr als zwei.Dagegen ist allerhand einzuwenden. Erstens: Aus Beethovens Pedalvorschrift folgt keinesfalls zwingend, dass die Harmoniewechsel nicht durch kurzes Aufheben des Pedals abgesetzt werden sollen, denn Beethoven fordert auch, dass das Stück "delicatissimamente" zu klingen habe, also auf das Feinste ausgehört - davon konnte bei Schiff die Rede nicht sein. Zweitens: Selbst wenn Beethoven sich eine Pedalbehandlung à la Schiff vorgestellt haben sollte, hätte sie am Klavier um 1800 doch wesentlich kürzere Nachhallzeiten produziert aufgrund der tonschwächeren und in einen kleineren Resonanzraum gespannten Saiten. Drittens: Beethovens Harmonik ist ein impressionistisches Ineinanderlaufen wesensfremd. Die Akkorde sind nicht gleichwertig und ihre Folge nicht zufällig, sondern in ihrem Nacheinander hierarchisch geordnet.Den Effekt der Auflösung dieser Folge hat Beethoven einmal in Noten aufgeschrieben: In der Coda des ersten Satzes der "Les Adieux"-Sonate, in dem die Hornrufe und mit ihnen Tonika und Dominante ineinander verschwimmen. Wie hier die Gerichtetheit der tonalen Harmonik aufgehoben wird, ist unerhört - unwahrscheinlich, dass Beethoven, hätte er ähnliches hier und überdies zwölf Jahre früher im Sinn gehabt, es nicht komponiert hätte, sondern einfach durch eine Pedalanweisung hätte geschehen lassen.Schiffs extreme Maßnahme brachte das Publikum auch deswegen durcheinander, weil sie so ganz abseits seines tendenziell musterschülerhaften, überraschungsfreien Klavierspiels liegt. Mit seiner zyklischen Programmatik, seinem weitgehenden Verzicht auf explizit virtuose Musik zugunsten der Sonate von Haydn bis Schubert, liegt Schiff auf einer Linie mit Pianisten wie Artur Schnabel oder Alfred Brendel. Während die sich aufgrund ihrer Generations- und Traditionszugehörigkeit noch einen zwanglosen Umgang mit dem Repertoire erlauben durften, sieht sich der 1953 in Ungarn geborene Schiff von Philologie und Aufführungspraxis in die Pflicht genommen.An der Tradition zerschellenVon diesen trockenen Musen begleitet wähnte sich schon mancher in der Lage, die Aufführungstraditionen ignorieren zu können, wie sie nun gerade bei Beethoven, dem am kontinuierlichsten gespielten Komponisten der Musikgeschichte, zu den Werken dazugehören und reflektiert werden wollen. An dieser Tradition kann man zerschellen, wohl wahr, aber sie ignorierend landet man ebenfalls im Abseits - und das keineswegs heroisch, sondern eher albern.Schiffs Versuch, die "Mondschein"-Sonate auf diese Weise von ihren "Legenden" zu befreien, wie er es im Gespräch mit Martin Meyer (mittlerweile gar als Buch zum Zyklus erhältlich) als Ziel formulierte, scheitert nicht zuletzt an manuellen und musikalischen Defiziten: Dem Ton mangelt es an Tragfähigkeit, an Farben, dem Vortrag an Schärfe der Charakteristik sowie an struktureller Einsicht über die immerhin oft klare Darstellung des Stimmengeflechts hinaus. Aus der "Mondschein"-Sonate wird da eine "Bodennebel"-Sonate.------------------------------Foto: Sieht so ein Legendenverscheucher aus? Der Pianist Andras Schiff