Am 7. September des vorigen Jahres wäre der Komponist Philip Herschkowitz hundert Jahre alt geworden. Kaum jemand hat von seinem Tod Notiz genommen; wie soll man sich auch für einen Komponisten interessieren, dessen Musik keiner kennt? Nur der Schweizer Pianist Tomas Bächli veröffentlichte einen kurzen Gedenktext in der "Süddeutschen Zeitung", in dem es hieß: "Die Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Gerade das Schicksal von Herschkowitz' Werk zeigt, dass unsere Wahrnehmung, trotz aller Betriebsamkeit des gegenwärtigen Musiklebens, ihre blinden Flecken hat. Es gibt noch etwas zu entdecken." Am Montag hat Bächli nun selbst im Ballhaus Naunynstraße seine Entdeckungen präsentiert: Lieder und Klavierstücke von Herschkowitz, dazu die Bagatellen op. 119 von Beethoven, einem der Komponisten, auf die sich Herschkowitz berufen hat.Denn Herschkowitz, geboren in Iasi in Rumänien, fühlte sich zeitlebens der österreichisch-deutschen Tradition verpflichtet. Dafür ging er in die Wiener Schule, als Schüler von Alban Berg und Anton Webern; als einer der ersten Komponisten, die gleich von Anfang ihrer Karriere an Schönbergs "Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" für sich adaptierten. Herschkowitz, jüdischer Herkunft, floh 1939 vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Bukarest, wo er aus Sicherheitsgründen die sowjetische Staatsbürgerschaft annahm, von dort nach Czernowitz, von dort nach Taschkent, wo sich viele russische Musiker während des Weltkriegs aufhielten; 1946 gelangte er nach Moskau. Als er einen Ausreiseantrag stellte, um nach Wien zurückzukehren, wurde er aus dem Komponistenverband ausgeschlossen. Seine Stücke wurden nicht aufgeführt, er arbeitete als Orchestrator von Filmmusik, erst 1987 kehrte er auf Einladung der Alban-Berg-Stiftung nach Wien zurück und starb dort zwei Jahre später.Bis heute sind Herschkowitz' Kompositionen unveröffentlicht und teilweise unauffindbar; ein 1932 entstandenes Lied nach Heine, "Wie des Mondes Abbild zittert", fand der Komponist und Herschkowitz-Forscher Klaus Linder zwischen den Seiten einer Violinschule aus dem Nachlass Alban Bergs. Es stand am Anfang des Konzerts und dankenswerterweise führten die Sopranistin Eva Nievergelt und Bächli diese Lieder am Ende des Abends noch einmal auf.Mittlerweile hatte sich das Ohr für die Eigentümlichkeiten der Stücke geschärft: Steht die Heine-Vertonung noch im Bann eines etwas exaltierten Expressionismus mit üppig wogendem Klavierpart, so sind die späteren Lieder stärker der Ökonomie Weberns verpflichtet. Kleine Gesten haben hier starke Wirkung: wenn das sich in drei Anläufen entfaltende Vorspiel zu "Der uns die Stunden zählte" zu der dreiteiligen Mittelstrophe wiederum erklingt: "Nicht kühler wird's, nicht nächtiger, nicht feuchter"; oder wenn die musikalische Phrase auf das wunderbare Wort "Übersternte" aus dem Lied "Leuchten" ein verhaltenes, aber genaues Echo im Klavier findet. Charakterstücke, deutlich aus einem Bewegungstypus entwickelt, sind die Klaviersachen; fast schumannisch in seinem mutwilligen Gegeneinander der Hände die "Frühlingsblumen" für Klavier von 1947 - als die Schrecken der Nazi-Verfolgung durch Stalins antisemitische Säuberungen verdrängt wurden.Warum kann man das - und Herschkowitz' Kammermusik oder Orchesterlieder - nicht öfter hören? Als Klaus Linder 1995 dem damaligen Geschäftsführer des Wiener Musikverlags "Universal Edition" die Musik von Herschkowitz anbot, erwiderte dieser: "Vor jede gute Tat hat der liebe Gott die Kalkulation gestellt". Hoffen wir, dass dieses Konzert einen kleinen Anstoß dazu gegeben hat, die Musik von Philip Herschkowitz wiederzuentdecken, dessen Werkimmer noch von der Dunkelheit des totalitären Zeitalters verborgen wird.