Herr Hoffmann, vor wenigen Tagen erklärten Sie, zu DDR-Zeiten Dopingmittel erhalten zu haben. Bisher hatten Sie dies immer geleugnet. Warum plötzlich dieses Bekenntnis? Es streßt mich einfach, immer zu lügen. Das habe ich sieben Jahre lang gemacht. Es hat keinen Zweck. Im Osten stecken viele zusammen. Der Schaden wird immer größer. Jeder, der mit Kinderdoping zu tun hatte, zeigt nun mit dem Finger auf mich. Ich hoffe aber auf einen Herdentrieb. Vielleicht positionieren sich auch andere, weil nicht alle Dreck am Stecken haben. Wer bisher darüber geredet hat, der wurde sofort als Verräter gebrandmarkt. Das kotzt mich an. Ich will mir nicht ewig eine Handlungsweise aufdrängen lassen. Ich erhebe keine Anklage, ich sage nur, wie es bei mir war.Wie war es denn?Im Trainingslager in Mexico, direkt nach der DDR-Meisterschaft 1988, bekam ich zu den Calcium-, Magnesium- und Vitamintabletten plötzlich ein paar andere Tabletten dazu. Es wurde gesagt: Nimm das, das ist gut für die Regeneration.Wer hat die Tabletten verteilt?Mein Trainer.Lutz Wanja, der heute für den SC Magdeburg arbeitet?Ich will niemanden belasten. Der Trainer hat mir später den Rücken freigehalten, nachdem ich ihm gesagt habe: Ich nehme das Zeug nicht, das sind Dopingmittel.Woher wußten Sie das?Unter Athleten wurde darüber diskutiert, ob das ungesund ist. Es hatte aber niemand Ahnung. Das wußten ja nicht einmal die Trainer.Aber die Ärzte kannten die Nebenwirkungen genau. Sie lassen sich immer noch vom Mediziner Jochen Neubauer betreuen, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt.Ich stelle mich nicht mit Gewalt vor Jochen Neubauer. Vor einem Jahr habe ich mich im Potsdamer Stadtparlament für ihn eingesetzt. Wie ich jetzt höre, haben Mädchen aus der fünften Klasse schon dieses Zeug bekommen.Sie hätten es längst wissen können.Das war mein Fehler. Ich habe lange genug am Mist getragen, den andere verbockt haben. Kinderdoping ist eine Schweinerei. Aber solange Neubauer nicht verurteilt ist, bleibt er mein Sportmediziner.Haben Sie mit Neubauer jemals über Doping gesprochen?Nur einmal. Er hat mir aber versichert, daß ich nach 1988 nie wieder was bekommen habe.Sind Sie sicher?Vielleicht hatte ich Glück. Ich bin ein Typ, der auch ohne Doping zu viel Muskelmasse neigt. Vielleicht war es auch die Gnade der späten Geburt. Wäre ich schon 1985 da reingerutscht, hätte ganz Anderes passieren können. Aber es war 1988. In Seoul gab es den Skandal um Ben Johnson. Außerdem schwamm ich noch in der zweiten Reihe.Die Potsdamer Stars waren Kraul-Olympiasieger Uwe Daßler und Lagenschwimmer Patrick Kühl...... ich sage jetzt nichts. Ich will keinen in die Pfanne hauen.Kristin Otto, die erfolgreichste Schwimmerin aller Zeiten, behauptet, nie gedopt zu haben. Dabei gibt es mindestens ein Dokument, das das Gegenteil beweist. Wußte Kristin Otto nicht, was geschah?Ich zerreiße mir nicht das Maul über Kristin Otto. Ich habe es nach drei Wochen kapiert. Andere haben vielleicht unter einer Glasglocke gelebt. Meiner Meinung nach wußte das 1988 jeder, aber ich weiß natürlich nicht alles.Wie waren bisher die Reaktionen auf Ihre Offenbarung?Einige Leute springen im Dreieck und zeigen mir die kalte Schulter. Das ist mir egal. Ich wünsche mir, daß sich Trainer, die mit Kinderdoping zu tun hatten, endlich bekennen, damit irgendwann Ruhe einkehrt. Es ist doch eine unerträgliche Situation: Nur Vorurteile im Westen, zuviele Lügen im Osten. Da wird mir der Spaß am Sport genommen. Mir geht es darum, daß das gesammelte Trainingswissen des DDR-Sports nicht verschwindet und auch die Leute angeklagt werden, die den Trainern das Dopingsystem aufgezwungen haben.Es wird bereits gegen Sport- und Politfunktionäre ermittelt.Das geht dann wohl aus wie bei den Mauerschützenprozessen? Ich bin ziemlich ratlos. Das Mysterium wird immer größer, weil solange geschwiegen wurde. Viele glauben, sie haben keine Chance, wenn sie offen reden. Ein bißchen kann ich das sogar verstehen: Ich habe über drei Doping-Wochen geredet und muß nun lesen, ich hätte in neun Jahren Leistungssport gedopt. Das bricht mir fast das Genick. Die Australier sagen jetzt, ich wäre 1991 in Perth gedopt Weltmeister geworden.Sie sind die 1 500 m Freistil nie wieder so schnell geschwommen.Das mit Doping in Verbindung zu bringen, ist eine böse Unterstellung. Ich werde seit 1990 regelmäßig kontrolliert. Die Protokolle von mehr als 60 Kontrollen habe ich abgeheftet. Die kann jeder sehen.