FRIBOURG - Inzwischen hängt ihm der Titel „Schutzengel der Flüchtlinge“ an. Gewiss, er weiß es. Er lächelt etwas verlegen. Mussie Zerai ist ein bescheidener Mensch. Aber den Titel hat der katholische Priester aus Eritrea verdient. Viele der Flüchtlinge, die an der libyschen Küste einen überfüllten Seelenverkäufer besteigen, haben seine Telefonnummer für den Notfall bei sich.

Schon oft hat Zerai einen Anruf von Schiffbrüchigen erhalten. Wenn ein Boot in Seenot gerät, reicht mancher Schlepper sein Satellitentelefon einem Flüchtling, der Tigrinisch spricht, die am weitesten verbreitete Sprache Eritreas. Zerai kennt die Telefonnummern der italienischen Küstenwache und der Rettungszentrale in Rom auswendig.

Zerai, 39 Jahre alt, lebt in einer kirchlichen Einrichtung am Rand einer Kleinstadt in der Westschweiz. Auf das Klopfen hin erscheint er im Morgenmantel. Er gähnt, reibt sich die Augen. Er hat den Termin verschlafen. Vor paar Stunden erst ist er mit dem Frühzug angekommen. Er ist fast immer unterwegs – irgendwo in der Schweiz oder in Italien, wo er die von ihm gegründete Flüchtlingshilfsorganisation Habeshia leitet.

Nach den Syrern bilden die Eritreer das größte Kontingent der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. 10 953 waren es im vergangenen Jahr. Tendenz steigend. Die meisten fliehen über den Sudan nach Libyen. „700 bis 1000 Dollar bezahlen sie für den Trip durch die Wüste“, weiß Zerai „und weitere 1200 bis 1500 Dollar für die Überfahrt nach Italien.“

Das Nordkorea Afrikas

Viele bezahlen und kommen dennoch nicht an. Rund 20000 Menschen sind in den zwei vergangenen Jahrzehnten im Mittelmeer vermutlich ertrunken. Allein bei der bisher größten Katastrophe, am 3. Oktober des vergangenen Jahres, ertranken mindestens 366 Flüchtlinge nur eine halbe Meile von der Küste Lampedusas entfernt. Fast alle Opfer stammten aus Eritrea. „Die Überlebenden waren zur staatlichen Trauerfeier nicht eingeladen“, sagt der Priester, der nach der Riesenkatastrophe sofort auf die Insel eilte, „dafür aber der Botschafter Eritreas, des Landes also, aus dem sie geflohen waren.“

Es gibt gute Gründe, aus Eritrea zu fliehen. Amnesty International spricht von Tausenden politischen Gefangenen, die ohne Prozess, ohne Rechtsbeistand, ohne Wissen der Angehörigen um ihren Aufenthaltsort in unterirdischen Gefängnissen oder in Schiffscontainern unzureichend ernährt, extremer Hitze oder Kälte ausgesetzt sind. Folter und Hinrichtungen gehören zur Normalität.

„Eritrea wird ja auch das Nordkorea Afrikas genannt“, sagt Zerai, „jeden Monat fliehen etwa 3000 Menschen aus dieser Hölle.“ Trotz Schießbefehl an den Grenzen. Eine Erlaubnis zur Ausreise erhalten nur die Allerwenigsten, unter ihnen Spitzensportler für Wettkämpfe im Ausland. Aber seit sich im Dezember 2012 das Fußball-Nationalteam bei einem Turnier in Uganda abgesetzt hat, ist das Regime mit der Gewährung von Auslandsreisen noch restriktiver geworden. Im selben Jahr hatte schon der Informationsminister das Weite gesucht und in Kanada um Asyl nachgesucht.

Oppositionelle Parteien gibt es in Eritrea nicht. Von den 15 Mitgliedern der Dissidentengruppe G-15, die 2001 in einem Brief an die Partei Reformen einklagten, steht einer heute im Regierungslager, drei sind im Exil, die übrigen elf noch immer in Haft – wie auch die 187 Soldaten, die vor anderthalb Jahren das Informationsministerium besetzten, die Freilassung aller politischen Häftlinge und die Inkraftsetzung der Verfassung forderten.

Laut Verfassung beträgt der für Männer wie Frauen obligatorische Militärdienst ein Jahr und acht Monate. Faktisch aber ist er nun, wo keine Verfassung gilt, von unbeschränkter Dauer. Zehntausende sind fünf, zehn Jahre oder noch länger als Soldaten verpflichtet. „Mein älterer Bruder ist seit 1994 Soldat wider Willen“, sagt Zerai, „er kriegt einen Sold von umgerechnet zehn Euro pro Monat und hat vier Kinder und nur einmal Urlaub im Jahr. Weder zur Geburt seines ersten Sohnes noch zur Beerdigung seiner Mutter durfte er das Militärlager verlassen.“ Sehr viele der Eritreer, die nach einer oft monatelangen Reise durch die Wüste und einer riskanten Überfahrt übers Mittelmeer in Lampedusa schließlich an Land gehen, sind Soldaten, die während ihres Jahresurlaubs abgetaucht sind. Zerai hat viele von ihnen besucht, ihnen zugehört, ihre Geschichten zusammengetragen. Er hilft da und tröstet dort.

Der Horror ist gut dokumentiert

Notrufe erhält der 2010 nach einem Philosophie- und Theologiestudium in Rom zum Priester geweihte Zerai nicht nur von Schiffbrüchigen auf hoher See, sondern oft auch aus dem Sinai. Was sich dort abspielt, ist der pure Horror. Und er ist gut dokumentiert. Vor zwei Monaten erschien in den Niederlanden ein 200 Seiten dicker Bericht über den Skandal, verfasst von zwei holländischen Wissenschaftlerinnen sowie einer schwedischen Menschenrechtlerin und Journalistin eritreischer Herkunft.

Zwischen 2009 und 2013 wurden demnach 25 000 bis 30 000 Afrikaner – zu 95 Prozent Eritreer – in den Sinai verschleppt, wo sie von kriminellen Beduinen-Gangs gefoltert wurden, bis ihre Angehörigen den geforderten Betrag – zu Beginn waren es 1000 Dollar, inzwischen sind es in der Regel 40 000 Dollar – bezahlten.

Zum Teil wurden – und werden wohl – die Eritreer mit Unterstützung eritreischer Sicherheitskräfte aus ihrem Land entführt, zum Teil werden sie im Sudan auf der Flucht gekidnappt oder gar direkt aus den Flüchtlingslagern, in denen auch die UNHCR arbeitet, von kriminellen Banden verschleppt. All dies geschieht unter Mithilfe auch sudanesischer und ägyptischer Polizisten.

Die Opfer werden über den Küstenstrich des Roten Meeres durch den Suezkanal-Tunnel zu den Folterzentren im Sinai gebracht, die sich vor allem im Norden der Halbinsel etwa 50 Kilometer vor der israelischen Grenze befinden. Dort werden die Entführten gezwungen, die Telefonnummern ihrer nächsten Verwandten herauszugeben. Diese werden während der Folter angerufen, damit sie die Schreie der gepeinigten Söhne, Töchter, Brüder oder Schwestern hören. Zwischen 2009 und 2013 sind zwischen 5000 bis 10000 Eritreer, so schätzen die Verfasser des Berichts, unter der Tortur gestorben. Sie wurden getötet, weil sie das Lösegeld nicht aufbringen konnten, oder auf der Flucht erschossen.

Israel schottet sich ab

Sobald das Lösegeld aber über Western Union an Mittelsmänner in Dubai, Kairo, Tel Aviv oder Asmara, die Hauptstadt Eritreas, überwiesen ist, kommen die Opfer in der Regel frei. Die meisten schlagen sich nach Kairo durch und versuchen, von dort über Libyen nach Lampedusa zu gelangen. Etwa 5000 bis 7000 Eritreer haben es nach Israel geschafft, wo sie als Flüchtlinge aber nicht anerkannt werden. Seit Israel vor zwei Jahren einen Zaun quer durch die Wüste errichtet hat, gelangt kaum ein Flüchtling mehr ins Land.

Zerai hat mit zahlreichen Flüchtlingen gesprochen, die die Hölle im Sinai durchlebt haben und für immer traumatisiert sind. Er hat viele Informationen zusammengetragen, die in den Bericht über einen der größten Skandale von Menschenrechtsverletzung eingegangen sind. Schon oft hat der Priester in Schweizer Kirchengemeinden Geld gesammelt, um Opfer aus dem Sinai freizukaufen.

„Wir haben etwa 40 Personen gerettet, vor allem schwangere Mädchen“, sagt der Priester. Hat er da moralische Bedenken? Hält er damit nicht den Kreislauf des Horrors am Laufen? Mussie Zerai scheint die unausgesprochenen Fragen zu spüren. „Bei der Präsentation des Buches haben wir ein Mädchen vorgestellt“, sagte er, „es stand da mit abgeschlagener Hand.“