Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main beginnt heute der Prozeß gegen das RAF-Mitglied Birgit Hogefeld. Kern des Anklagevorwurfs: vierfacher Mord.Der 27. Juni 1993 reißt Bad Kleinen aus der mecklenburgischen Idylle. Beim Versuch, die RAF-Mitglieder Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld auf dem Bahnhof festzunehmen, sterben der Angehörige der Antiterroreinheit GSG 9 Michael Newrzella und Grams selbst.Die Ungereimtheiten und Widerspruchlichkeiten bei der Aufklärung der entscheidenden 90 Sekunden führen zum Rücktritt von Bundesinnenminister Rudolf Seiters, zur Entlassung von Generaibundesanwalt Alexander von Stahl und zu einer Flut von Berichten und Gutachten. Doch auch 17 Monate später steht noch nicht zweifelsfrei fest, was tatsächlich in Bad Kleinen geschah.US-Soldat starbDer Widerstreit wird auch den Prozeß gegen Birgit Hogefeld prägen. Sie hat zwar erklärt, daß sie Mitglied der Rote-Armee-Fraktion ist. Die konkreten Taivorwürfe streitet sie jedoch ab. Sie will nicht, wie es die Anklage ihr vorwirft, 1985 den 23 jährigen USSoldaten Edward Pimental aus einer Wiesbadener Diskothek abgeschleppt haben, um ihn durch einen Kopfschuß zu töten. Pimentals Ausweis, glaubt die Bundesanwaltschaft beweisen zu können, öffnete am darauffolgenden Tag die Tore zur Rhein-Main-Altbase der US-Luftwaffe für einen mit Sprengstoff beladenen Pkw. Als das Dynamit zur Explosion gebracht wird, sterben zwei Menschen. Auch die Mitwirkung an dem gescheiterten Anschlag auf den damaligen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Hans Tietmeyer und dessen Fahrer 1988 wird Hogefeld zur Last gelegt. Sie soll den Mietvertrag für das Fluchtauto der Attentäter unterschrieben haben. Aus einem Brief Hogenfelds soll zudem hervorgehen, daß sie am Sprengstoffanschlag auf den Gefängnisneubau Weiterstadt beteiligt war.Zehn Jahre Illegalität Schließlich Bad Kleinen. Knapp zehn Jahre zuvor waren Birgit Hogefeld und ihr Lebensgefährte Wolfgang Grams untergetaucht. Beide hatten zunächst studiert, sie Jura, er Pädagogik. Doch Ihre "Idee auf Veränderung und Utopie einer menschlichen Welt", wie sie es nennt, lassen beide aus der bürgerlichen Ordnung ausbrechen. Birgit Hogefeld gibt noch eine Weile Orgel-Unterricht an einer privaten Musikschule, Wolfgang Grams betreut im Gefängnis sitzende RAF-Mitglieder. 1984 geben sie ihre Wohnung in Wiesbaden auf.Daß die Illegalität so lange dauern würde, war beiden nicht klar. Trotzdem ist sich Hogefeld bewußt, "daß es jederzeit so abrupt enden kann" -- wie in Bad Kleinen. Das Paar mietet sich Ende Juni in Wismar für einige Tage eine Ferienwohnung. Sie sind mit Klaus Steinmetz verabredet, von Zeit des Treffens an den rheinlandpfälzischen VerfassungsschutZ weitergegeben hat.Bewaffnet mit Pistolen fahren sie nach Bad Kleinen und reden mit Steinmetz im Bahnhofscafe. Kurz nachdem die drei das Etablissement wieder verlassen haben, wird Birgit Hogefeld in der Bahnhofsunterführung zu Boden gerissen und festgenommen.Nicht nur sie -- auch keiner der beteiligten GSG-9-Angehörigen und Beamten des Bundeskriminalamtes hat dem Vernehmen nach gesehen was tätsächlich auf Bahnsteig vier geschah. Die offizielle Version der Bundesregierung, die dazu einen Untersuchungsbericht vorlegen mußte, und der Schweriner Staatsanwaltschaft besagt, daß Grams zunächst den ihn verfolgenden Kriminalhauptkommissar Michael Newrzella erschoß. Schwer verletzt auf den Gleisen liegend, habe Grams sich "in SelbsttÖtungsabsicht" den aufgesetzten Kopfschuß beigebracht, an dem er schließlich verstarb.Spuren verwischtDoch diese Version wird bis zum heutigen Tag angezweifelt. Als die Kioskverkäuferin Joanna Baron ihre Beobachtung zu Protokoll gab, ein Beamter habe Grams in den Kopf geschossen, kam der ungeheuerliche Verdacht einer "Exekution" auf, "so daß der Staat fast aus den Fugen geriet", wie von Stahl später schrieb.Zwischenzeitlich schloß sogar dieSchweriner Staatsanwaltschaft aufgrund der Beweislage eine Selbsttötung von Grams aus.Während für von Stahl jedoch die "Hysterie" der Medien und Pannen in der Medienarbeit eine hinreichende Erklärung bieten, stellen sich immer noch Fragen. Sie betreffen unter anderem das Verwischen von Spuren an der bei Grams gefundenen Waffe und an seinen Händen, aber auch den Umstand, daß die Jacke eines verdächtigen GSG-9-Beamten, die zur Untersuchung nach Zürich geschickt worden war, auf rätselhafte Weise verschwand. Ungeklärt bleiben bisher auch einander widersprechende Zeugenaussagen beteiligter Beamter sowie die Tatsache, daß Grams auf seiner Schußhand liegend aufgefunden wurde.Trotz dieser Bedenken schloß die zuständige Staatsanwaltschaft Schwerin die Ermittlungsakten und wies den Protest der Eltern von Grams gegen die Verfahrenseinstellung ab. Deren Anwalte hatten sich auf ein neues Gutachten des Rechtsmediziners Wolfgang Bonte gestützt, das davon ausgeht, daß Grams dieWaffe vor dem tödlichen Schuß entwunden wurde. Angesichts der "Fülle offener Fragen, Widersprüche und Zweifel" hat vor wenigen Tagen auch der Republikanische Anwaltsverein eine Wiederaufnahme des Verfahrens gefordert.Birgit Hogefeld, die selbst nicht dazu kam, einen Schuß abzugeben, glaubt ihren Platz im Fall Bad Kleinen erkannt zu haben: "Die Mordanklage wegen Bad Kleinen ist die Antwort auf das politische Desaster, in das der Staat sich mit dieser Aktion gebracht hat", schrieb sie in einem Ende Oktober veröffentlichten Brief. Die Anklage geht von ihrer Mittäterschaft aus, weil sich Grams und Hogefeld einig gewesen seien, sich im Fall einer Festnahme den Weg freizuschießen, heißt es in Karlsruhe. Grams habe Newrzella im Einverständnis mit seiner Partnerin erschossen.Hogefeld weiß, "wie das Urteil gegen mich ausgehen soll". Jeder einzelne Anklagepunkt außer Weiterstadt reiche für das Urteil lebenslänglich aus. Dennoch will sie den Prozeß für sich nutzen. Es sei "der einzige öffentliche Rahmen, wo der Staat gezwungen werden kann, den gesamten Ablauf ... juristisch aufzurollen".Ihre Anwältin Ursula Seifert hat allerdings "wenig Hoffnung", daß die Aufarbeitung Im Gerichtssaal gelingen wird. Zu gut kennen sich Anklage und Verteidigung aus früheren Verfahren. "Auch bei dürftigster Beweislage", habe der Frankfurter Staatsschutzsenat unter dem Vorsitz von Richter Erich Schieferstein das Urteil lebenslänglich verhängt, zuletzt im April gegen das RAF-Mitglied Eva 1-faule auf der Basis der Interpretation von zwei Kassibern.Kaum ChancenHogefelds Verteidigerin fühlt sich zudem durch das Vorspiel des Verfahrens bereits entsprechend eingestimmt. Um die Ereignisse weiterhin zu verschleiern, sagt sie, sei vollständige Akteneinsicht verweigert worden, ein faires Verfahren mithin nicht gegeben. Deshalb will sie gleich zu Beginn des auf 18 Verhandlungstage bis Ende Januar angesetzten Prozesses verlangen, daß die Verteidigung Fotos der Projektile und von der Obduktion Newrzellas sowie Video-Kopien von Gegenüberstellungen erhält. Daß sich die Chancen ihrer Mandantin dadurch bessern, kann sie selbst nicht glauben: "Wir rechnen damit, daß alle Anträge abgelehnt oder zurückgestellt werden." Birgit Hogefeld auf einem 1987 vom BKA herausgegebenen Foto. Foto: AF27. juni 1993: Auf Gleis 4 im Bahnhof von Bad Kleinen liegt der tödlich getroffene mutmaßliche Terrorist Wolfgang Grams.