Sollte Bosnien aus dem jugoslawischen Staatsverband austreten, wird es Blut bis zu den Knien geben, prophezeite Radovan Karadzic Anfang 1992, als er noch ein angesehener Abgeordneter im Parlament von Bosnien und Herzegowina, Psychiater und Dichter war. Jetzt wird ihm in Den Haag der Prozess gemacht. Als oberster Kommandant der serbischen Einheiten hatte er seine Drohung umgesetzt. Bei der sogenannten "ethnischen Säuberung" in Nord- und Ostbosnien ließ er Tausende Nicht-Serben umbringen.Fast 500 Jahre lebten die Serben unter osmanischer Herrschaft. Die Idee, alle Serben in einem Staat zu vereinen, hatte der serbische Innenminister Garasanin bereits 1848 entwickelt. Sie wurde 1918 bei der Gründung des Königreichs der Serben, Slowenen und Kroaten verwirklicht. Die politischen Vertreter der Slowenen und Kroaten beklagten sich jedoch, dass sie im neuen Staat nicht gleichberechtigt seien. Im Streit darüber wurden 1928 drei kroatische Abgeordnete im Parlament in Belgrad erschossen. Das erste Blut war geflossen. Darauf folgten 1929 die Königsdiktatur und 1934 der Königsmord. Im Zweiten Weltkrieg hat die kroatische nationalistische Führung sich der Serben durch Massenmorde und Vertreibungen aus den von ihr beanspruchten Gebieten zu entledigen versucht. Serbische Nationalisten mordeten ebenfalls. Titos Partisanenbewegung hingegen kämpfte für einen Staat, in dem Menschen unterschiedlicher Nation friedlich nebeneinander oder miteinander leben sollten. Sie siegte.Nach dem Zweiten Weltkrieg entmachtete die Kommunistische Partei alle anderen Gruppen und Parteien. Anstelle einer Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte kam die Verdrängung. Ein Tuch aus Ideologie und Parolen wurde über die blutigen Ereignisse gebreitet. Erst die Wirtschaftskrise offenbarte die Entwicklungsunterschiede der verschiedenen Landesteile. Es kam zu sozialen Unruhen. Die neuen kommunistischen Führer, zu denen auch Karadzic gehörte, übertünchten ihre Unfähigkeit, die sozialen Probleme zu lösen, mit gegenseitigen nationalistischen Schuldzuweisungen und forderten letztlich zum bewaffneten Kampf auf. Die Folgen sind bekannt: Vertreibung, Zerstörung, Massenmord und unermessliches Leid.Wie er damals die Bedrohung des serbischen Volkes inszenierte, so trachtet Karadzic heute danach, aus dem Prozess ein Medienspektakel zu machen, um seine Unschuld zu beweisen. Diese Situation ist für die Opfer des Krieges schwer auszuhalten. Jede neue Nachricht über den Verlauf des Verfahrens beunruhigt und verängstigt sie. Die Bilder des Grauens kehren zurück, die Narben schmerzen, die Nächte sind schlaflos, und die Angst verzehrt. Die Strafe für Karadzic wird kommen, aber wie hoch sie auch ausfallen mag, sie wird lächerlich sein in Anbetracht seiner Verbrechen an Kindern, Frauen und Männern.Dennoch sind die Aufdeckung der Taten und die Bestrafung der Schuldigen ein wesentlicher Schritt zur Stabilisierung der ganzen Region und Verfestigung des Friedensprozesses. Für die Menschen in Bosnien und Herzegowina, insbesondere die Überlebenden aus der ehemaligen UN-Schutzzone Srebrenica, die von den Blauhelmen im Stich gelassen wurden, ist dies die Voraussetzung für neues Vertrauen in die internationale Gemeinschaft.Gleichzeitig müssen sich die Menschen mit den Kriegsverbrechen der Angehörigen ihrer eigenen Volksgruppe auseinander-setzen. Es ist ein schmerzlicher und langwieriger Prozess, ohne den die Mythen und der nationalistische Wahn nicht überwunden werden können. Das Tribunal in Den Haag schafft die Grundlage dafür.So haben auch die Alliierten mit den Nürnberger Prozessen ermöglicht, dass 20 Jahre später die Kinder nach der Rolle ihrer Eltern im Zweiten Weltkrieg fragen und eine breite Aufarbeitung der Schuld und Verantwortung in Gang setzen konnten. Das Ankommen in der Gegenwart, im Frieden, und die Perspektiven für eine bessere, vertrauensvolle Zukunft können nur so ermöglicht werden.------------------------------Foto: Bosiljka Schedlich, geboren 1948 in Split, ist Geschäftsführerin des "Vereins Südost Europa Kultur" in Berlin.