Er erinnert sich an Tag und Stunde. Im Oktober 1942 wurde Gad Beck erwachsen. Er steckte in einer viel zu großen HJ-Uniform und machte sich auf den Weg durch Berlin. Wie eine Vogelscheuche muß er ausgesehen haben, sagt er heute. Und: "Wenn ich bei der SS gewesen wäre, hätte ich so einen auf der Stelle verhaften lassen, verdächtiger kann man gar nicht aussehen."Gad Beck war nicht bei der SS. Er war gerade 19 Jahre alt damals, Jude und homosexuell. In der HJ-Uniform wollte er seinen Freund Manfred aus dem Sammellager retten. Er gab sich für den Sohn eines Handwerkers aus: "Der Jude Manfred Israel Lewin ist seit gestern hier bei Ihnen. Der hat bei uns gearbeitet, und er sabotiert! Er hat die Schlüssel zu mehreren Wohnungen, die wir renovieren." Es klappt. Manfred kommt heraus, doch sagt er: "Gad, ich kann nicht mit dir gehen. Meine Familie braucht mich. Wenn ich sie jetzt verlasse, könnte ich niemals frei sein." Er ging zurück. Es war kein Abschied, einfach eine Umkehr. Gad Beck schaute ihm nach - und wurde in diesem Augenblick erwachsen. Von Auschwitz wußte damals noch niemand, aber die Ahnung, Manfred niemals wiederzusehen, hatte der Neunzehnjährige schon in diesem Moment des Abschieds.Nach dem Krieg wurde Gad Beck Psychologe, arbeitete in Tel Aviv und leitete in Berlin zehn Jahre lang die Jüdische Volkshochschule. Seine Erinnerungen hat er erst jetzt aufgeschrieben. "Und Gad ging zu David" heißt sein Buch. Manfred nimmt darin eine zentrale Rolle ein, denn Gad Beck hat ihn nie vergessen. Details haben sich im Gehirn festgesetzt, selbst die Erinnerung an den Gullideckel ist noch wach, an dem sich Manfred damals umdrehte und ins Lager ging. "Es ist noch immer derselbe Deckel", erzählt Gad Beck. Und er ergänzt: "Diese Geschichte ist noch so intensiv in mir, daß mein heutiger Lebenspartner eifersüchtig darauf ist. Es gab für mich auch nie wieder eine solche Trennung von einer Liebe. Wenn man von sich aus bekennt, es war die größte Liebe, dann muß man Erfahrungen haben. Diese Liebe zu Manfred hat sich nie wieder in dieser Form wiederholt." Die Szene vor dem Sammellager wurde zum Schlüsselerlebnis: Nie wieder wollte er einen geliebten Menschen auf diese Weise verlieren. Schützling Rosenthal Was danach kam, grenzt schon an Wunder, auch wenn Gad Beck nicht an Wunder glaubt. Er hat mitten in Berlin Menschen vor dem sicheren Tod gerettet, sie überzeugt, in die Illegalität zu gehen, ihnen Unterkünfte besorgt und Nahrungsmittel, auch falsche Ausweispapiere - es sollte keiner freiwillig zur eigenen Hinrichtung marschieren. Gad Beck hat ein Kontaktnetz geknüpft, Mittelsmänner und -frauen geworben; Gefahren erkannt und mit Instinkt und Glück umschifft. Hans Rosenthal, der spätere ZDF-Showmaster, gehörte zu denen, die Gad Beck mit Nahrungsmitteln versorgte. "Er hat von mir Speck bekommen, weil er nur Brot hatte. Und nach dem Krieg hat er sich bei mir darüber beschwert, im Scherz natürlich. Er mochte keinen Speck und ihm sei tagelang schlecht gewesen von dem Zeug." Die letzte Nacht Die illegale Organisation funktionierte. Bis zu einhundert verfolgte Menschen wurden zeitweise betreut. Die halfen, waren Juden oder Christen. Eine Prostituierte war darunter. Manche fälschten Ausweise oder stellten Unterkünfte zur Verfügung, andere besorgten Geld oder Nahrungsmittel. Für einige ein profitables Geschäft, für andere eine Selbstverständlichkeit, obwohl man wußte, wie hoch das Risiko war.Gad Beck beschreibt aber auch die Sinnlichkeit, die Erotik, die er damals erlebte: "Die Soldaten sterben an den Fronten, die Frauen sind einsam. Erotik und Sexualität sind in Kriegszeiten doch nicht weniger wichtig als in Friedenszeiten! Mich nahm ein deutscher Soldat auf, dessen Frau und Kind in Ostpreußen waren. Sein Bruder hatte sich getötet, weil er schwul war und in der Weimarer Republik nicht anerkannt wurde. Wir hatten eine absolut echte homosexuelle Beziehung "Die Liebe in Zeiten des Krieges, die Sinnesfreuden, die so gar nicht in diese Zeit zu passen scheinen. Gad Beck erzählt ganz selbstverständlich darüber, sie gehörten dazu und waren vielleicht damals besonders wichtig: "Jedes Mal konnte schließlich das letzte Mal sein. Ich hatte mit einigen die letzte Nacht verbracht. Am nächsten Morgen gingen sie dann auf Transport nach Auschwitz. Diese körperliche Liebe war dann das einzige, woran man noch festhalten konnte." Und Gad ging zu David. Die Erinnerungen des Gad Beck. Edition dia, Berlin 1995. 320 Seiten, 36 Mark.