Nach einem Monat heftiger Kämpfe zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah-Miliz ist gestern ein Waffenstillstand in Kraft getreten. Für einen dauerhaften Frieden muss Israel nach Ansicht des Publizisten Alfred Grosser seine Politik ändern.Herr Grosser, glauben Sie, dass die Waffenruhe halten wird?Ich bin mir nicht sicher, ob Israel nicht hofft, dass er von der Hisbollah gebrochen wird, dass einer ihrer Kämpfer eine Rakete abschießt.Warum sollte Israel so kalkulieren?Israel gab vor, dass es mit dem Angriff die entführten israelischen Soldaten befreien wollte. Aber es hatte ein anderes Ziel: Die Hisbollah im Libanon sollte vernichtet werden. Das ist noch nicht erreicht.Welchen Sinn hätte es für Israel, seine Militäraktion fortzusetzen?Die israelische Armee könnte in Libanon bleiben, ihr Aktionsfeld ausdehnen - im Glauben, doch noch das eigentliche Ziel zu erreichen und diese halbe Niederlage abzuwenden. Aber es ist klar, dass Israel die Hisbollah nicht mit militärischer Gewalt besiegen kann. Es ist die gleiche, falsche Methode, die Israel seit fünfzig Jahren zur Konfliktlösung einsetzt - immer mit den gleichen Ergebnissen.Was wäre die richtige Methode?Israel müsste Palästinensern und Arabern zeigen, dass es sie nicht verachtet, dass es ihre Menschenwürde respektiert. Das wäre ein Schritt zur Versöhnung. Jeder Krieg entfernt Israelis und Araber davon.Die meisten Europäer und insbesondere die Deutschen teilen die Sicht der Israelis: Der jüdische Staat ist angegriffen worden, er muss seine Existenz verteidigen.Der Schriftsteller Martin Walser hat in seiner Friedenspreisrede zu Recht gesagt, dass Israel ständig eine Keule schwingt, sobald seine Politik kritisiert wird - und insbesondere in Deutschland fürchtet man den Schlag dieser Keule.Deutschland beruft sich auf seine besonderen Beziehungen und die deutsche Geschichte, um seine Haltung zu erklären.Ich habe Sonderbeziehungen zu meinen Söhnen. Und wenn die etwas Dummes anstellen, dann sage ich ihnen das, ich kritisiere sie.Anders als Ihre Söhne kann Israel anführen, dass es um seine Existenz geht.Nein, darum geht es eben nicht. Opfer gewesen zu sein, hat noch nie jemanden daran gehindert, Henker zu werden.Wie sollte Deutschland zur Existenzsicherung Israels beitragen?Vor Deutschland steht jetzt die schwere Entscheidung, ob es sich an einer UN-Truppe im Südlibanon beteiligt. Es besteht die Sorge, dass deutsche Soldaten gezwungen sein könnten, auf Israelis zu schießen. Diese Sorge kann ich verstehen. Aber ich befürworte einen solchen Einsatz. Zudem geht es darum, europäische Solidarität zu zeigen.Israel selbst fordert eine deutsche Beteiligung. Warum?Ganz einfach: Israel glaubt, dass die Deutschen auf Hisbollah-Kämpfer schießen werden, aber niemals auf Israelis. Die Hauptfrage ist also, ob die Truppe neutral sein wird oder ob sie lediglich für Israel die Arbeit machen soll.Der Frieden ist noch fern. Er könne, so meinen viele, nur durch eine umfassende Nahostlösung erreicht werden. Wer müsste aktiv werden?Die USA haben ihre Bemühungen leider aufgegeben und sich von ihrer Rolle als Mittler im Nahostkonflikt verabschiedet. Ich setze zwar meine Hoffnungen auf die Europäer. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sie aktiv werden und damit womöglich erneut Kontroversen mit den USA riskieren.Das klingt sehr pessimistisch.Das Problem ist, dass niemand klar sagt, wer was tun muss - weil man sich fürchtet, damit Israel zu kritisieren. In Frankreich besteht zum Beispiel die soziologisch abstruse Angst, jüdische Wählerstimmen zu verlieren. In Deutschland fürchtet man den Antisemitismusvorwurf. Man muss allerdings auch anmerken, dass es Bemühungen von israelischer Seite und von einigen jüdischen Organisationen gibt, solche Kritik zu verhindern.Es ist doch aber in der Tat ein schmaler Grat zwischen Kritik und Antisemitismus.Kritik an Israel und Antisemitismus haben nichts miteinander zu tun. Es ist vielmehr Israels Politik, die den Antisemitismus in der Welt fördert. Natürlich gibt es einen latenten Antisemitismus sowohl auf der extrem rechten als auch auf der extrem linken Seite, der dadurch belebt wird. Es ist Israel, das seine Sprache und Haltung verändern muss. Es muss der anderen Seite sagen: Wir schlagen euch Zusammenarbeit vor, wir behandeln euch als ebenbürtig und gleichwertig. Lasst uns gemeinsam und brüderlich zusammen Lösungen suchen. Das klingt sehr moralisch. Aber genauso hat man nach dem 2. Weltkrieg mit den Deutschen angefangen. Anders geht es nicht. Nur so kann man Antisemitismus wirksam begegnen.Das Gespräch führte Martina Doering.------------------------------Ein Franzose aus Frankfurt am MainAlfred Grosser wird 1925 in Frankfurt am Main geboren. Seine jüdischen Eltern fliehen 1933 vor den Nazis nach Frankreich, wo Grosser aufwächst.Der Politologe erhält 1953 einen Ruf an die Pariser Sorbonne. Mit dem Historiker Joseph Rovan wird Grosser zum Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung. 1975 wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.Aus Protest gegen die unausgewogene Nahost-Berichterstattung verlässt der Publizist im Jahr 2003 den Aufsichtsrat des französischen Magazins L'Express.------------------------------Foto : Alfred Grosser ist pessimistisch, was die Rolle Europas in Nahost angeht.