JazzFest Berlin, 1983: Die Klarinette, trotz anerkannter Interpreten wie Jimmy Giuffre oder John Carter noch immer verpönt, bekam einen eigenen Programmschwerpunkt und rehabilitierte sich nach Kräften. Schluss mit dem Naserümpfen über ihren angeblich dünnen Klang und das hölzerne Frühschoppen-Image! In den besten Händen und geeignetsten Mündern erspielte sich das Instrument seine dringend benötigten Sympathien. Diese kulminierten beim Konzert von Hamiet Bluietts Clarinet Family, in der neben J.D. Parran und David Murray ein junges Energiebündel ganz besonders auffiel - schon seiner Dreadlocks wegen, vor allem aber mit ungebärdig virtuosen Soli. Es waren, im Kontext von Jazz, wohl die ersten Klezmer-Verlautbarungen hier zu Lande. Der Name des Musikers: Don Byron.In der Folgezeit stolperte man häufiger über diesen Klarinettisten, der so vielfältig wie kein anderer New-Yorker Young Lion agierte. Byron, der von Kindsbeinen auf mit Latin, Jazz und Klassik konfrontiert war, ist ein entschiedener Eklektizist. Sein Debütalbum "Tuskegee Experiments" (1990) war durch und durch afro-amerikanisch getränkt, gipfelte aber in einer lupenreinen Interpretation von Robert Schumanns "Auf einer Burg". Es folgten ein Tribut an den Klezmer-Komponisten Mickey Katz und 1995 die etwas streng arrangierte "Music for Six Musicians". Die beste Figur machte Don Byron zu der Zeit als Gast auf anderen Partys: bei Gerry Hemingway, Ralph Peterson und in Vernon Reids Masque-Band."Nu Blaxploitation" markierte 1998 seinen Labelwechsel von Nonesuch zu Blue Note, wo er sich nun nach Lust und Laune verausgaben kann. Zuletzt hat der Tausendsassa, der sich live auch zu rabiatem Funk hinreißen lässt, eine besinnliche Auszeit genommen: "Romance With The Unseen" mit Bill Frisell, Drew Gress und Jack DeJohnette ist eine erstaunlich übersichtliche und puristische Jazz-Angelegenheit.Byrons Klarinettenstil hat sich mit den Jahren nicht großartig verändert. Eine seltene Balance aus Könnerschaft und Verspieltheit macht die Souveränität dieses Musikers aus. Dann und wann erlaubt sie, an den vor einigen Jahren verstorbenen John Carter zu denken, der die alten, folkloristischen Klarinetten-Lockrufe schon in den sechziger Jahren in die Ära Ornette Colemans überführte. Die selbstverständliche Autorität dieses Instruments hat eben doch viel mit der schneidenden Strenge des Tons zu tun, der - als einsamer Klang einen freien Raum erfüllend - aber auch restlos betörend sein kann. Don Byron kehrt als Rädelsführer nicht nur der Klarinetten-Fraktion nach Berlin zurück. Seine "Blue nite" im Tränenpalast wird im Zeichen Duke Ellingtons stehen - vor allem seiner frühen Jungle-Sounds, mit denen er in den zwanziger und dreißiger Jahren die Tanzbär-Qualitäten der Solisten herauskitzelte. Don Byrons aktuelle Formation dürfte einen recht mutwilligen Rückgriff auf diese Tradition im Sinn haben und den gestelzten Projekttitel "Jungle Music for Post-Moderns" schön ad absurdum führen: Ralph Alessi (Trompete) und Josh Roseman (Posaune) vervollständigen das Gebläse, Mark Helias und Pheeroan AkLaff sind ein traumhaftes Bass-und-Schlagzeug-Gespann, und der berühmt-berüchtigte Pianist Uri Caine steht erst recht für die gemeinsame Beweggrundlage dieser Musiker. Sie sind, bei allem Respekt Ellington gegenüber, auf nichts und niemanden limitiert, sondern selbstbewusst in Richtung Zukunftsmusik unterwegs. Allen voran Don Byron, der sein Instrument am liebsten so zu Gehör bringt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.Don Byron: am Sonntag um 20 Uhr im Tränenpalast