Emanuel Striese ist wieder da. Der schlitzohrigste Theaterdirektor in ganz Deutschland. Der schlagfertige Erzschmierenkomödiant. Der gnadenlos geschmacklose Improvisationskünstler. Und mit ihm ist das Lustspiel "Der Raub der Sabinerinnen" wieder da und nun im Theater am Kurfürstendamm in Berlin zu sehen.Emanuel Striese ist in diesem seit der Uraufführung in Stettin 1884 unverwüstlichen, unverzichtbaren und unglaublichen Schwank der Gebrüder Franz und Paul von Schönthan die eine Hauptfigur. Die andere ist der zerstreute Professor Martin Gollwitz, der als Student eine Römertragödie geschrieben und sie so lange schamhaft verschwiegen hat, bis sie dem Wanderbühnen-Impresario Striese in die Hände fällt. Um die gute Gesellschaft der Kleinstadt ins Theater zu locken, will der jetzt partout dessen Jugendsünde aufführen.Der Rest ist ein anarchisch turbulenter Reigen aus Missverständnissen und Verwechslungen, Kalauern und komischen Komplikationen. Ehen drohen zu scheitern und Eltern ihre Kinder zu verstoßen, Dienstpersonal wird aufsässig und schließlich kündigt sich ein handfester Theaterskandal an."Der Raub der Sabinerinnen" ist als Musterbeispiel für die bürgerliche Trivialdramatik am Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet worden, weil sich darin die Mittelschicht der Gründerzeit spiegeln, feiern und selbst ein wenig ironisieren konnte. Bis heute erfreut sich die auf traditionelle Schwanktypen, wie den weltfremden Gelehrten, die zickige Ehefrau oder den brünstigen Nachwuchs stützende Boulevardkomödie größter Beliebtheit. Wird sie nur behände und beherzt gespielt, läuft sie wie von selbst.Die Inszenierung von Michael Günther allerdings ist nur manchmal auf der Höhe des Stücks, meist stolpert sie ihm kleinlaut und viel zu behäbig hinterher. Dabei hat der Bühnenbildner H. U. Thormann die Bühne zum ebenerdigen, großzügigen Salon mit Holzverkleidungen, Topfpflanzen und Buchreihen hergerichtet.Und für die Paraderolle des unverwüstlichen Theaterdirektors wurde der eigentlich sehr bewegliche Schauspieler Hans Teuscher gewonnen, der lange Jahre an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz arbeitete. Ihm kommt das schlüpfrige Striese sche Sächseln famos über die Lippen und die Pointen setzt er wie prächtige Sahnehäubchen dazwischen."Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen", so macht er dem düpierten Autor radikale Kürzungen plausibel, und kann ihm auch Kanonendonner einreden, obwohl die Römer den noch gar nicht kannten. Diesen arg gerupften Gymnasiallehrer spielt Alfred Müller mit korrekten Manieren und mühsam bewahrter Fassung, als wär er ein Verwandter der Loriot schen Unglücksraben. Auch dem Rest des Ensembles fehlt es nicht an komischer Genauigkeit, selbst wenn im dramatischen Überschwang der eine und andere Gag untergeht. Fein angerichet ist die altrömische Schwankplatte, nur schade, dass sie sich gar so zaghaft dreht.LUSTSPIEL Der Raub der Sabinerinnen // von Franz und Paul Schönthan; Regie: Michael Günther; Bühne: H. U. Thormann, Kostüme: Gerhard Kropp Darsteller: Alfred Müller, Hans Teuscher, Rotraud Schindler, Günter Schubert, Marianne Kindermann u. a.Weitere Vorstellungen: bis 16. April täglich, montags bis sonnabends 20 Uhr, sonntags 18 Uhr, Theater am Kurfürstendamm, Kassenruf: 47 99 74 40