BERLIN, 16. Mai. Bilanzen können traurig klingen. "Vielleicht habe ich ein Leben lang den falschen Beruf ausgeübt", klagte Dietmar Schönherr neulich, und es hörte sich fast verzweifelt an. Doch welchen seiner Berufe meinte er? Den des Schauspielers vielleicht? Den des Regisseurs, des Synchronsprechers, des Quizmoderators, des Talkmasters, des Schriftstellers? Er ist bis heute ein Rebell geblieben, er ist ein Alleskönner dazu, und er hat all seinen Charme und all sein Talent zur Provokation umfassend eingesetzt. Am liebsten aber wäre er sofort Entwicklungshelfer geworden und nicht erst mit 59. Daher die Traurigkeit.Es begann wenig spektakulär. 1943 war Dietmar Schönherr, der als Sohn eines Generals im österreichischen Innsbruck geboren wurde, 17-jährig in dem Propagandafilm "Junge Adler" zu sehen. Er zeigte sich nicht begeistert vom Start ins Filmgeschäft, "im Studio nebenan tanzte Marika Rökk, Männer trugen Lockenwickler im Haar". Doch weil das Leben manchmal widersprüchlich ist, hat er danach (allen Lockenwicklern zum Trotz) mehr als neunzig Filme gedreht. Mit "Rosenmontag" gelang ihm 1955 der Durchbruch. Er war mal Soldat, mal Herzensbrecher, spielte in der "Schachnovelle" oder in "Hau-, Stech- und Beißfilmen", wie er selber sagt. Nun ja, Geld muss verdient werden.Durch das Fernsehen wurde er ab 1966 generationenübergreifend bekannt, als Commander McLane in der Serie "Raumpatrouille Orion". Damals wurde zwecks Science-fiction-Simulation noch ein Tauchsieder als Steuerknüppel betätigt oder aber mit dem Bügeleisen vom Typ Rowenta 70 hantiert; das sollte futuristisch wirken. Derlei Details machten die Serie zum Kult, was Schönherr heute noch ein wenig irritiert. Immerhin aber erhielt er 1999 für die Commander-Rolle die "Goldene Kamera". Und mit seiner Gala-Rede konnte er das tun, was er gerne tut: aufrühren. Er verlas die Namen von zwölf Künstlern, die von den Nazis umgebracht worden waren. Die "Bunte" fragte nachher, warum er das schöne Fest gestört habe.Er stört gern. "Mir fehlt der spontane Witz. Meine Chance war die Provokation", sagt er rückblickend. Er hat sie genutzt, ein Stück Anarchie war immer dabei. Zunächst im Familienquiz "Wünsch dir was", das durch den Auftritt der 17-jährigen Leonie Stöhr in einer durchsichtigen Bluse Fernsehgeschichte machte. Einmal besorgten Schönherr und seine Frau und Co-Moderatorin Vivi Bach 3 000 Kleider bei Neckermann. Schlussverkauf sollte gespielt werde, Hunderte Frauen rissen sich vor den Kameras die Klamotten aus den Händen. Ambitioniert war auch sein nächstes Fernsehprojekt: Er etablierte ab 1972 nach amerikanischem Vorbild eine Talkshow, zu der Prominente mit gegensätzlichen Ansichten geladen wurden - "Je später der Abend" hieß die Sendung. Über Geld und Sex wurde nicht geredet. "Ich hatte noch Respekt vor meinen Gästen - im Gegensatz zu den meisten Moderatoren heute", urteilt Schönherr. Respektlos war er anderen gegenüber, Ronald Reagan betitelte er im Schweizer Fernsehen als Arschloch; er bekam Auftrittsverbot.Schönherr engagierte sich dann in der Friedensbewegung, und er ging von 1985 an immer wieder nach Nicaragua, in das bürgerkriegsgeplagte Land, in dem er diverse Projekte initiierte. Unter anderem schuf er mit Ernesto Cardenal das wichtige Kulturzentrum "Casa de los tres Mundos"; nachdem der Wirbelsturm Mitch 1998 das Land arg verwüstet hatte, baute er das Dorf Malacatoya neu auf. "Was ich mit meiner Stiftung in Nicaragua geleistet habe, ist mir wichtiger als alles, was ich auf der Bühne, in Film und Fernsehen gemacht habe", resümiert Schönherr heute. Wer viele Berufe hatte, kann eben den einen den anderen vorziehen."Es geht alles so schnell. Gestern war ich noch jung", sagt der Rebell. Am heutigen Donnerstag wird er 75. Alt? Nicht doch.