Luna Papa" ist ein Roadmovie der magischen Art. Hier fallen Kühe vom Himmel, ein Dach wird zum fliegenden Teppich, und überhaupt führt Mamlakats Suche nach dem unbekannten Vater ihres Kindes durchs wilde Absurdistan. Der gebürtige Tadschike Bakhtiar Khudojnazarov spricht allerdings beharrlich von "Zentralasien". Als hätte der 35-Jährige damit nicht genug Verwirrung gestiftet, erzählt er einfach aus dem Bauch - aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes. Sie nennen ihre Art des Filmemachens "Fantastischer Realismus". Warum dieser Weg, sich der Realität zu nähern?Ich tue das nur in diesem Film. In "Luna Papa" geht es um den kindlichen Blick, und für Kinder ist jede Realität fantastisch. Im Schlaf bewegen sich die Möbel, jede Nacht wartet jemand hinter dem Schrank. Wenn ich als Kind in einen Lift stieg, stellte ich mir vor, er würde aus dem Dach brechen und davonfliegen. Was sollte ich dann tun? Ich konnte überhaupt nicht anders denken, und ich bin sicher, wenn sich die Menschen nur an diese Zeit erinnern würden, wären sie sofort mittendrin im magischen Realismus. Er ist das Bewusstsein des Kindes. Mamlakats dramatische Empfängnis erinnert an die sterbende Braut in Emir Kusturicas "Time of the Gypsies". Was sind Ihre Einflüsse?Ohne einen Regisseur hervorheben zu wollen: in diesen Film sind sicher Fellini und Bu uel eingeflossen. Sie können auch Kusturica nennen. Aber für mich stammt diese Szene von Chagall: das hoch über der Stadt fliegende Brautpaar. Chagalls Bilder sind etwas Besonderes. Doch im Allgemeinen gehe ich vor wie in einer Bibliothek. Für jedes Thema greife ich mir ein anderes Buch.Ihre Bilder scheinen zunächst tief in der Kultur des Orients verwurzelt. Die Verstoßung der jungen Mutter zeigen sie in sehr drastischen Szenen. Und doch vermeiden Sie einen "ethnischen Blick". Ist Mamlakats Geschichte universal?In Zentralasien ist die Tradition wichtiger als der Mensch. Da fehlt die Balance. Besonders in der Provinz sähe es für eine Frau ohne Mann wirklich schlecht aus. Aber trotzdem glaube ich, dass sich Mamlakats Geschichte überall abspielen könnte. Ob in Frankreich, Sizilien oder auch Berlin: Jeder würde sie nach dem Vater fragen und sich seine Meinung bilden. Die emotionalen und sozialen Effekte wären dieselben. Auf einer visuellen Ebene würde es sich mit etwas mehr Ruhe ausdrücken, man würde das Problem mit sich ausmachen. In meinem Film versucht das niemand, alle rennen mit dem Kopf durch die Wand, um den Vater zu suchen. Aber wenn sie sehen, dass Mamlakat mit dem Dach eines Hauses davonfliegt, erkennen sie, dass Gott auf ihrer Seite ist. Man muss den Menschen etwas Magie geben, dann glauben sie auch daran.Sie lachen über ernste Dinge. Woher kommt dieses Lachen? Ist das Verzweiflung, Wut, Hoffnung, oder spielen Sie einfach mit allem?Das liegt sicher an meinem Charakter. Mal fühle ich mich traurig, mal nicht, und so ist das Leben. Die Tragikomödie reflektiert das Leben, seine Paradoxien und Absurditäten. Aber sie gibt auch immer Hoffnung. Gleichzeitig ist sie das perfekte Genre für mich, weil ich ein absoluter Fatalist bin. Ich habe keine Ahnung, was morgen passiert. Im Grunde aber geht es mir immer um die Liebe: die elterliche Liebe, die Liebe von Kindern zu ihren Eltern, die zwischen Mann und Frau.Prügeleien ungeklärter Herkunft, versprengte Polizeieinheiten, die Mafia und ein illegaler Blutspendebus vermitteln in "Luna Papa" ein Gefühl totaler politischer Anarchie. Ist in Zentralasien wirklich nichts sicher?Die einzige Sicherheit dort ist die politische Sicherheit, das heißt: die der Politiker. Nicht die der Menschen. Wer allerdings zu einem der großen Clans gehört, der darf sich ein bisschen sicher fühlen. Individualismus ist verboten. Sie sagen, es gäbe ein System, aber ich glaube, es gibt überhaupt keins! Wer will, rekrutiert eine kleine Armee. Oder die Mafia, was dasselbe ist. Es herrscht weniger absolute Freiheit als absoluter Zynismus. Ich hoffe da nur auf eine große Explosion in den Köpfen der Menschen.Das Gespräch führte Philipp Bühler.Man muss den Menschen etwas Magie geben, dann glauben sie daran - glaubt Bakhtiar Khudojnazarov.

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