Vor zwanzig Jahren brachte die Royal Shakespeare Company Charles Dickens Roman "Nicholas Nickleby" auf die Bühne. Das Stück dauerte neuneinhalb Stunden und war ein großer Erfolg. Eben diese Inszenierung, sagt heute der Regisseur Lars von Trier, habe großen Einfluss auf seinen Film "Dogville" gehabt. Eine unerwartetete, aber doch einleuchtende Verbindung: Die Geschichte von Nicholas Nickleby ist eine Geschichte plötzlichen Außenseitertums und anhaltender Demütigungen, des Elends und der unentwegt hämmernden Schläge eines perfiden Schicksals - eines Schicksals allerdings, hinter dem Menschen als Repräsentanten eines verworfenen Systems stehen.Licht und Dunkel, Gut und Böse, sind bei Dickens jedoch klar voneinander geschieden, und Douglas McGraths Verfilmung von "Nicholas Nickleby" beabsichtigt keineswegs, das zu ändern, um pflichtschuldigst eine psychologische Modernisierung vorzunehmen. Der Film besitzt allerdings nicht jene Qualitäten, die Dickens Romane - auch und gerade wenn sie einen moralisierenden Plot erzählen - kennzeichnen: Witz, irrlichternde Phantasie und einen ausdauernden epischen Atem. Für letzteres reicht schon die übliche Spielfilmlänge nicht.Nur die Kernerzählung hat McGrath in den Film überführt: die Geschichte einer Familie, die nach dem plötzlichen Tod des Vaters auf die Hilfe eines Londoner Onkels angewiesen ist, welcher sich als zynischer Übeltäter erweist. Zunächst schickt der Mann den jungen Nicholas als Lehrer an eine Schule, in der das Ehepaar Squeers mit brutaler Härte regiert. Zusammen mit dem verkrüppelten und gutherzigen Jungen Smike gelingt Nicholas die Flucht. Danach gilt es, die Verwandten von den Umtrieben des Onkels zu erlösen (Nicholas Schwester soll etwa an einen zwielichtigen Gläubiger verschachert werden) und das Überleben der Familie mit ehrlicher Arbeit zu sichern. Durch die Hilfe mitfühlender Menschen und dem ihm innewohnenden unkorrumpierbaren Moralgesetz wird Nicholas dies am Ende auch gelingen.Mit dem strahlenden Erscheinungsbild des amerikanischen Hauptdarstellers Charlie Hunman müsen im Filmpublikum irritierende Visionen von Sonne, Strand und Surfsport aufkommen, was, zusammen mit der mechanischen Gutartigkeit des Schauspielers, ein echtes Problem für die Verfilmung darstellt. Ein kalifornischer Prachtadoleszent als Licht in viktorianischer Düsternis! Und die Düsternis ist groß und sieht genauso aus, wie Düsternis dieser Art auszusehen hat: Dreckverschmierte, bedürftige Kinder, Strohlager und knarrende Absteigen, um die der Wind fegt. Ein majestätischer Sternenhimmel leuchtet jedoch über der Wirtshauskammer, in der Nicholas und Smike auf ihrer Flucht halt machen. Sicherheit und Geborgenheit bleiben stets in Aussicht gestellt.Graths "Nickelby" ist um vieles altmodischer als die meisten Literaturverfilmungen, die in den letzten Jahren den Markt überschwemmt haben, von "Emma" (ebenfalls von Mc Grath inszeniert), über "Jane Eyre" bis zu "Sinn und Sinnlichkeit". Denn der Regisseur hat weniger Dickens selbst als vielmehr das populäre Bild von Dickens verfilmt - er schlägt gewissermaßen historische Albumblätter auf. Wenngleich alle einschlägigen Plot-Wendungen im Film gewissenhaft berücksichtigt sind - die Intrigen des bösen Verwandten, die Konstituierung einer Ersatzfamilie, das von einer fahrenden Theatertruppe beigesteuerte Buffo-Element, das melodramatische Finale - fehlen Momente echten Schocks und echter Verstörung ebenso wie wirkliche, überbordende Heiterkeit.Nicht einmal ein Starensemble - Jim Broadbent und Christopher Plummer gehören dazu - vermag der Sache Leben einzuflößen. Allein dem jungen "Billy-Elliott"-Darsteller Jamie Bell gelingt es, in der Rolle des Smike aus den fernen Tableaus hinauszutreten und mit seiner stillen, wissenden Sehnsucht bis ins Hier und Heute zu dringen.Nicholas Nickleby GB 2003. Regie: Douglas McGrath, Darsteller: Charlie Hunman, Christopher Plummer, Juliet Stevenson, Jamie Bell u. a. ; 132 Minuten, Farbe.SOLO FILM Hätten Sie mal einen Penny?- Nicholas mit älterem Ärmelzupfer.