Mr. Nichols, Sie haben sich ausgebeten, dieses Interview auf Englisch statt auf Deutsch zu führen.Ja, denn wissen Sie was? (Er spricht deutsch.) Die Worte kommen mir nicht! Ich kann es aussprechen, aber ich habe keine Wörter! Na ja, ich war sieben.Es geht doch!Sie sind wirklich weg. (Auf Englisch.) Neulich wollte ich einen Witz zum Besten geben, den mein Bruder und ich immer erzählten, und ich konnte mich nicht mehr an das Wort für Kissen erinnern!Sie haben Berlin 1939 mit Ihrer russisch-jüdischen Familie verlassen. Hat sich Ihnen ein letzter Eindruck eingebrannt?Natürlich! Ich weiß noch, wie wir in Hamburg an Bord der "Bremen" gingen, als plötzlich Hitler eine Rede hielt. Sie wurde über riesige Lautsprecher auf der Straße übertragen, und alle mussten zuhören. Autos mussten anhalten, niemand durfte sich bewegen, bis die Rede vorüber war. Auch wir mussten warten, man spannte ein Seil vor die Gangway. Eine Mutter war ganz aufgelöst, weil die Milch für ihr Baby bereits an Bord war. Man sagte ihr, man könne nichts für sie tun. An den Inhalt der Rede kann ich mich nicht erinnern, nur an die berühmte Intonation.Haben Sie Erinnerungen an Berlin?Ja, sogar sehr gute. Ich bin vor vier, fünf Jahren mit meiner Frau und meiner Tochter zu dem Haus gefahren, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, am Olivaer Platz 4. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es noch dasselbe Haus war, weil es mir so klein erschien. Der riesige Park gegenüber wirkte plötzlich so klein wie dieser Tisch. Es war geschrumpft, weil ich gewachsen war - jeder von uns kennt das. Ich erinnere mich auch an die SS-Kinder. Natürlich gab es die nicht wirklich, aber sie wirkten, als trügen sie eine Uniform, und ich weiß noch genau, wie sie mir mein Fahrrad wegnahmen. Und dann war da noch Tante Klärchen. Mein Vater war schon in den USA und meine Mutter war im Krankenhaus, also wohnte ich bei der Mutter eines Freundes, Tante Klärchen eben. Als meine Mutter nach mir in die USA kam, erzählte sie mir als erstes, dass sie Tante Klärchen abgeholt hatten und sie im KZ gestorben war.Sie entkamen, indem Sie nach New York emigrierten.Ja, nacheinander. Erst mein Vater, dann mein Bruder und ich, dann meine Mutter.Können Sie sich vorstellen, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie in Berlin hätten bleiben können?Ich wäre vermutlich tot.Ich meinte, in einer besseren Welt.Ich glaube, ich hätte denselben Weg eingeschlagen. Ich bin vorbelastet. Meine Großmutter Hedwig Lachmann schrieb das Libretto zu "Salome". Sie übersetzte Oscar Wildes Französisch ins Deutsche und arbeitete mit Richard Strauss am Libretto. Mein Großvater mütterlicherseits war Gustav Landauer, ein bekannter Schriftsteller und Anarchist, was zu seiner Zeit soviel wie Sozialist bedeutete. Er war Teil der Münchner Räterepublik. Nach deren Niederschlagung nahmen sie ihn mit aufs Polizeirevier und prügelten ihn im Hof zu Tode. Meine Mutter erfuhr davon in der Straßenbahn, sie war zwölf. Sein bester Freund entkam, machte seinen Weg in die USA, nach Santa Fe, änderte seinen Namen in B. Traven und schrieb "Der Schatz der Sierra Madre" - was für eine Akklimatisierung an ein neues Land! Ich glaube, das steht stellvertretend für jene emigrierten deutschen Juden, die Künstler waren und die Vereinigten Staaten geradezu ausmalten, eine ganze Kultur schufen. Es ist eine Kultur wie in "Casablanca" - alles Flüchtlinge, Flüchtlingsideen, Flüchtlingshumor: "Liebchen, which watch? - Ten watch. - Such much!"Sie haben mal gesagt, Komik und Tragik sind eigentlich dasselbe.Tragik ist der Niedergang von jemandem, der besser ist als wir, durch Stolz - oder allgemeiner - durch eine Charakterschwäche. Komik ist dasselbe, nur dass sich keiner dabei wehtut.Wie schwierig war es, die Komik ihres Filmhelden Charlie Wilson, der als whiskeytrinkender Schürzenjäger und Kongressabgeordneter die haarsträubendsten Maßnahmen ergreift, um die Mudschaheddin zu bewaffnen, mit der Tragik des Krieges in Afghanistan in Einklang zu bringen?Die Vorstellung, die Tom Hanks und Aaron Sorkin und ich vom Leben haben, deckt sich weitgehend. Es hat etwas damit zu tun, den Humor bis zum Schluss zu wahren. Es gibt doch den alten Witz von den zwei Juden, die dem Erschießungskommando gegenüberstehen. Der eine ruft: "Ihr Bastarde! Ihr Bastarde!" Und der andere sagt: "Pst, mach uns hier keinen Ärger!" Es ist wunderbar, sich den Humor bis zum letzten Moment bewahren zu können. Denn Humor ist stets näher an der Wahrheit als Bedeutungsschwere. Das Schlimmste von allem ist Humorlosigkeit.Ein britischer Journalist gab kürzlich im Interview mit einer deutschen Zeitung zu bedenken, dem deutschen Humor fehle heute der schnelle jüdische Witz und die Schlagfertigkeit.Für mich sind die Deutschen nicht ein humorloses Volk. Als ich klein war, hörte ich eine Platte von einem sehr berühmten Kabarettisten. Sie hieß "Der Patient" und drehte sich um das Gespräch eines Arztes mit einem Patienten, der ihn in den Wahnsinn treibt. Am Ende der Platte fordert der Arzt total entnervt sein Honorar, und der Patient sagt: Nein, auf Krankenkasse. Der Arzt sagt: Krankenkasse? Da hätten Sie heute früh zwischen zehn und elf kommen müssen! Und der Patient sagt: Brauch ich nicht, ich war ja schon hier. Ich finde das wahnsinnig komisch. Gott vergebe mir, aber über wen ich nicht unbedingt lachen kann, sind die Franzosen. Sie sind vieles, aber nicht komisch. Es gibt Ausnahmen wie Jacques Tati. Doch die Franzosen, die ich kenne - und liebe - sind einfach nicht sehr komisch. Aber die Deutschen sind komisch! Sie haben wirklich Humor. Hey, ich kann noch einige Gedichte von Christian Morgenstern auswendig, auf Deutsch!Dürfen wir eine Kostprobe haben?(Auf Deutsch:) "Links sind Bäume, rechts sind Bäume, und dazwischen Zwischenräume. In der Mitte fließt ein Bach. Ach! In der Bahnhofshalle, nicht für es gebaut, läuft ein Huhn, sagen wir es laut. Dass ihm unsere Sympathie gehört, auch an diesem Platze, wo es stört..." Bitte sehr! Ich kann es noch!Kompliment. Spielt Komik allgemein eine wichtige Rolle in Ihrem Leben?Ich traue ganz allgemein Dingen nicht über den Weg, die nicht zumindest teilweise komisch sind. Als Komiker habe ich eines gelernt: Wenn du keine Geschichte hast, bewege dich einfach von einem komischen Moment zum nächsten. Dann erscheint das Ganze als Geschichte. Das habe ich zuletzt mit "Spamalot" gemacht, dem Monty-Python-Musical, dessen Geschichte so dünn ist, dass man sie in zwei Worten erzählen kann.Sie haben als Komiker angefangen - gemeinsam mit Elaine May nahmen Sie Ende der Fünfziger Jahre die Kompliziertheiten in der Beziehung zwischen Männern und Frauen aufs Korn. Heute sind Sie zum vierten Mal verheiratet. Haben Sie bleibende Erkenntnisse gewonnen?Ich besitze leider keinerlei Weisheit über die Ehe. Ich habe eigentlich nur eines zu der Beziehung zwischen Männern und Frauen zu sagen: Das Ganze beruht auf unglaublichem Glück, das mir zuteil wurde.Sie hatten gleich vier Mal Glück?Nein, ich war viermal glücklich, aber Glück hatte ich nur einmal. Man muss die Liebe seines Lebens finden. Ich kann nicht für meine bessere Hälfte sprechen, weil sie mir in diesen Dingen weit überlegen ist, aber ich habe die Person gefunden, die mich vervollständigt und die ich erstaunlicherweise vervollständige!Es geht also gar nicht darum, wie uns Beraterbücher weismachen wollen, eine Beziehung zu gestalten, sondern bloß um Glück?Nun, Teil der Gleichung ist in jedem Fall das Wesen des anderen. Ich bin mit meiner Frau jetzt zwanzig Jahre verheiratet, und sie hat noch nie etwas aus der Vergangenheit aufs Tapet gebracht. Sie hat noch nie gesagt: "Immerzu bist du...", oder: "Immerzu machst du..." Das Schlimmste, was passiert, wenn sie ärgerlich wird, ist, dass sie still wird. Sie sagt es nicht. Wenn ich anderen etwas antue, über das ich mich schäme, brauche ich sie nur anzuschauen - und dann denke ich: Oh verdammt, das hätte ich nicht tun sollen. Aber sie sagt nie etwas. Niemals. Ich fand das interessant, also habe ich das auch probiert; einfach die Klappe halten, wenn mir etwas nicht passt. Es ist erstaunlich, denn die Leute wissen nicht, was man denkt. Ich liebe meine Frau sehr, und Streit gibt es sehr selten, vielleicht zweimal im Jahr. Und dann halten wir einfach beide die Klappe.Ihre Frau, die Fernsehjournalistin Diane Sawyer, soll vor Jahrzehnten eine Affäre mit Charlie Wilson gehabt haben.Nein, das hat sie nicht. Sie ist mit ihm ausgegangen.Und wie war ihr Date?Sie sagte, er ist verrückt. Er war betrunken, er saß im Fonds seines Cabriolets und steuerte mit den Füßen. Er hatte die Hörner eines Stiers auf die Stoßstangen montiert. Und sie dachte: Ich bin nicht die Richtige hierfür. Diane war Miss Teenage America gewesen, oder Junior Miss, oder was auch immer es war. Sie reiste mit ihrer kleinen Krone und ihrem Zepter von Stadt zu Stadt, und sie wusste bereits, was Demütigung ist. Bei Charlie Wilson dachte sie: Das kann ich nicht.Gab diese Episode den Ausschlag zum Film?Nein, sie erzählte mir das erst, als ich mich mit dem Stoff zu beschäftigen begann. Man sagt sich ja viele Dinge erst, wenn man muss. Den Ausschlag gab Tom Hanks, der sich die Filmrechte an George Criles Charlie-Wilson-Biografie gesichert hatte. Wir sind enge Freunde, wir haben sogar unsere Flitterwochen miteinander verbracht. Tom und seine Frau waren auf Hochzeitsreise in St. Barth, und ich war auf meiner ersten Reise mit Diane und meinen Kindern, um zu sehen, wie das funktionieren würde. Wie es der Zufall wollte, logierten wir am selben Ort. Seither verbringen wir unsere Hochzeitstage meist gemeinsam. Ich las also das Buch von George Crile, ich las das Drehbuch von Aaron Sorkin, und dann traf ich Charlie. Da war es um mich geschehen. Er ist ein echtes Original, ein fantastischer Mann.Inwiefern?Das Ding an Charlie Wilson ist: Er ist kein Bullshitter. Er hat nie einen Hehl aus seinen Schwächen und Lastern gemacht, er ist total spontan. Sämtliche Politiker, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, schleppen diese Zementblöcke herum, die sie vor sich hinstellen, egal, was man sie fragt. Eine Ausnahme ist Kennedy, der zu Charlie, wenn auch nicht viele, so doch einige Parallelen aufweist - die Frauen zum Beispiel. Charlie Wilson und John F. Kennedy kommen nicht vom Band. Sie leben im Moment, sie sagen andauernd Neues, und sie beantworten Fragen. Kennedy, Castro und Wilson sind die einzigen Politiker, die ich kennengelernt habe, auf die das zutrifft. Heute ist es zu schwierig, Politiker zu sein. Alles dreht sich um Umfragen, um Geschäftsmodelle, um Grafiken. Sogar in der Filmindustrie ist das inzwischen so. Politiker sind nicht spontan. Aber Charlie ist es. Ich weiß nicht, wie er war, als er getrunken hat, was er inzwischen aufgegeben hat, aber er ist sehr höflich, umsichtig, sehr sanft, und ohne Ende interessant.Faszinierte Sie eher der politische oder der menschliche Aspekt seiner Geschichte?Es ist immer der menschliche Aspekt. Vermeintlich nicht so vorbildliche oder wünschenswerte Eigenschaften bringen ja bisweilen die besseren Qualitäten von Menschen zum Vorschein, und Charlie Wilson änderte die Dinge. Abgesehen vielleicht von den Leuten, mit denen sich Marie Antoinette umgab, haben wohl in der Geschichte noch nie so viele Leute tatenlos dem aktuellen Geschehen zugeschaut. Alles, was wir heute tun, ist, uns eine Meinung zu bilden und diese anderen kundzutun.Warum können Politiker heute ihre Unzulänglichkeiten nicht mehr eingestehen?Nun, Charlie hatte einen gewissen Vorteil: Er ist männlich und weiß. Als ich neulich zu meiner Frau sagte, ich könne nicht die Spur einer echten Überzeugung in Hillary erkennen, sagte sie: "Sie hat keine Wahl. Sie ist eine Frau, die Präsidentin werden will, sie kann sich nicht einen einzigen Fehler erlauben." Wir wissen von Thatcher und anderen weiblichen Politikern, dass die Hauptanforderung Stärke ist. Thatcher war ja im Grunde ein Mann. Aber dann drehen wir den Spieß um und klagen, dass sie nicht feminin genug sind.Wie zuletzt bei Angela Merkel?Es ist hoffnungslos. Gertrude Stein sagte: Wenn man etwas zum ersten Mal macht, ist es immer hässlich. Das macht es anderen sehr leicht, daherzukommen und es vermeintlich aufzuhübschen, und ich vermute, dass Angela Merkel zustimmen würde. Aber es ist heute überhaupt ungeheuer schwierig, Politiker zu sein. Erinnern Sie sich noch an Howard Dean?Den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, den vor vier Jahren sein euphorischer Aufschrei bei einer öffentlichen Rede die Kandidatur kostete?Ja. Der Mann hatte eine gute Chance auf den Job, aber er wurde erledigt, weil irgendjemand das Mikrofon für das Publikum nicht eingeschaltet hatte. Also konnten wir seine Zuhörer nicht jubeln hören, und wussten nicht, dass er sie überschreien musste. Dean war weder irre, noch kreischte er. Ein Freund von mir, ein Filmstar, der in der Politik herumfuhrwerkt, stellt diese Frage bei jeder Rede, die er hält, als erstes: Hat das Publikum ein Mikrofon? Denn wenn das Publikum nicht am Mikro ist, sind deine Witze nicht komisch. Niemand lacht!Ist der Lauf der Geschichte eher von Glück oder von Tüchtigkeit bestimmt?Ich glaube, alles ist Glück. Ich glaube, Glück ist Gott. Haben Sie den Film "Water" gesehen? Was für ein Film! Er spielt in Indien in den dreißiger Jahren und enthält die beste Rede, die ich je gehört habe. Am Ende des Films gehen alle, um Gandhi sprechen zu hören. Tausende von Menschen bevölkern den Bahnhof, und Gandhi erscheint, er sitzt im Schneidersitz auf einem offenen Güterwagen. Er sagt: "Lange Zeit dachte ich, Gott ist Liebe. Aber jetzt glaube ich, Liebe ist Gott. Ich hoffe, das hilft euch ein wenig." Dann verschwindet er wieder im Zug und fährt zur nächsten Stadt. Wie viel mehr kann man in einer Rede zum Ausdruck bringen? Der Mann war wirklich gut in seinem Job! Aber mit dem Glück ist das so eine Sache. Nicht nur ist alles Glück, sondern man weiß nicht einmal, welche Folgen ein beliebiges Ereignis hat. Wenn wir unser Leben anschauen, müssen wir doch oft zugeben, dass die schlimmsten Dinge, die uns je widerfahren sind, zu den besten führten. Und umgekehrt. Willst du jemanden mit 17 oder 18 Jahren zerstören, gib ihm eine Million Dollar - er wird ruiniert sein. Ich habe das wieder und wieder bei Bekannten beobachtet: die besten Eltern der Welt, aber sie machen einen Fehler - sie etablieren einen Treuhand-Fonds für Ihre Kinder, und sobald die 21 werden und das Geld ihnen gehört, ist alles vorbei.Geld regiert ja längst auch die Filmwelt. Wie gehen Sie damit um?Erinnern Sie sich noch an die guten alten Zeiten, als Filme nach Ihrer Qualität beurteilt wurden? Heute dreht sich alles um ihr Vermarktungspotenzial. Das ist wirklich schade, denn das sollte eigentlich an zweiter Stelle kommen. Geld ist Geld, und in der echten Welt schafft eine Investition normalerweise eine Rendite von 51 Prozent. Aber das reicht in der Filmindustrie, wie sie heute strukturiert ist, vorne und hinten nicht.Es gibt auch noch andere Widerstände. Die texanische Societydame Joanne Herring, die im Film von Julia Roberts gespielt wird und die Charlie Wilson mit dem damaligen pakistanischen Machthaber Zia Ul-Haq bekannt machte, soll Schwierigkeiten mit Ihrem Film gehabt haben.Sie wollte nicht, dass ihre Figur "fuck" sagt. Joanne Herring ist eine bibeltreue Christin. Also ließen wir sie nicht "fuck" sagen und konnten weiter machen.Und wie man hört, wollte Julia Roberts die Bikini-Szene nicht drehen.Da haben Sie was Falsches gehört. Denn Julia Roberts macht nichts, was sie nicht machen möchte. Sie machte sich Sorgen um die Szene, weil sie zu diesem Zeitpunkt im vierten Monat schwanger war. Ich sage Ihnen, wie das lief: Sie kam zu mir nach Hause und ging im Bikini in meinem Pool schwimmen. Das sollte soviel heißen wie: Was hältst du davon? Nur, sie fragte nicht, und ich kommentierte es nicht. Aber sie wusste, dass es okay war und wir drehten die Szene. Man überredet Julia Roberts nicht zu etwas, was sie nicht will. In "Hautnah" konnte ich sie nicht einmal dazu bewegen, ihren nackten Rücken filmen zu lassen! Ich sagte: Ach komm schon, gib mir eine Minute, bevor du deinen BH anziehst, es ist dein Rücken! Sie sagte okay, aber kaum lief die Kamera, war ihr BH geschlossen - so sehr ist sie darauf bedacht, ihren Körper nicht zu zeigen. Und ich glaube, sie hat Recht damit. Man wird nicht zu einem Filmstar vom Format einer Julia Roberts, indem man seine Titten in die Kamera hält.Dennoch ließen Sie sie im Bikini auftreten. Warum?Weil sie vielen Männern den Kopf verdreht. Was macht denn Julias Arsenal aus? Natürlich ihr Aussehen! War das je anders?Sie haben in Ihrer über vierzigjährigen Filmkarriere mehr als ein Dutzend Oscarpreisträger inszeniert. Wie macht man das?Ich glaube nicht, dass es da einen Trick gibt. Ich liebe Schauspieler, und ich bin sehr gut in der Auswahl von Schauspielern für meine Filme. Das ist die halbe Miete, wenn nicht mehr. Ich sage Ihnen was: Wenn Sie Philip Seymour Hoffman haben, ist die Schlacht geschlagen. Hoffman hat in Interviews gesagt, dass ich ihm helfe, aber ich kann mir nicht vorstellen, was er damit meint. Okay, ich probe. Und ich gebe dem, was da passiert, einen Namen: Diese Szene ist eine Verführung. Diese ist ein Kampf. Diese ist eine Verhandlung. Aaron Sorkin sagt immer, er kann keine Szene schreiben, solange er nicht ihren zentralen Konflikt sieht. Ich kann keine Szene inszenieren, solange ich nicht weiß, worum es da geht! Als ich noch mit Elaine May Improvisations-Comedy machte, sagte sie immer: "Im Zweifel: Verführen!" Damit erschafft man jedes Mal eine Szene.Ist es heute schwieriger als damals, die Leute zu schocken?Es kommt drauf an. Worte sind verbraucht. Es sei denn, ein großer Autor benutzt sie, dann können sie noch schockieren, mehr als Kraftausdrücke. In "Eines langen Tages Reise in die Nacht" gibt es dieses Gespräch über die Vergangenheit, und Katherine Hepburn sagt, bereits im Vollrausch: "Die Vergangenheit ist die Gegenwart, nicht wahr? Und auch die Zukunft, oder?" Das ist viel schockierender als "Leck mich!", das wir in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" nicht benutzen durften, weil es zu schockierend war. Stellen Sie sich das vor! Der wirkliche Schock ist doch, etwas auszusprechen, über das man bisher nicht nachgedacht hat, das aber wahr ist.Tom Hanks sagte kürzlich, er höre die Leute schon sagen, ohne Charlie Wilson hätte es den 11. September 2001 nicht gegeben.Niemand kann in die Zukunft schauen. Deshalb sagen wir ja im Film: "Wir werden sehen." Denken Sie an den Vertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg - wusste damals jemand, was dieser Vertrag für Folgen haben würde? Natürlich kann man heute sagen, wenn sie nur ein wenig großzügiger zu den Deutschen gewesen wären, wenn nur General Marshall in Versailles gewesen wäre, wäre die Geschichte anders verlaufen und die Welt eine andere. Aber wissen wir das? Ich glaube nicht. Unser Film dreht sich um einen Krieg aus der Vergangenheit, und aus der Distanz kann man diesen Krieg sehen, während man in dem Krieg, in dessen Mitte man sich gerade befindet, überhaupt nichts sehen kann. Man kann nur drüber streiten.Aber geht es in "Der Krieg des Charlie Wilson" nicht auch indirekt um den Krieg, in dessen Mitte sich die Amerikaner derzeit befinden?Nur insofern, als der Ball immer noch im Spiel ist. "Wir werden sehen" bezieht sich natürlich auch auf die Gegenwart. Ich weiß nicht, ob Filme irgendjemandem irgendetwas beibringen können, außer vielleicht innere Dinge, die unaussprechlich sind. Aber ich finde, es ist wichtig, eines nicht zu vergessen: In all diesen dunkelsten Tagen der Scham und Verzweiflung darüber, was wir in der Welt anrichten, ist das Schlimmste bisher nicht passiert. Wir machen Filme darüber, aber es ist, toi toi toi, noch nicht geschehen. Heißt das also, dass sich das Schlimmste nicht immer ereignen muss? Ich glaube schon. Das zumindest habe ich in meinem persönlichen Leben erfahren. Wieder und wieder denkt man, mein Leben ist hiermit im Grunde vorbei. Ohne dies und das bin ich erledigt. Nein, stimmt nicht. Ich glaube, das gilt auch im großen Rahmen.Auch in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie rechnet man derzeit mit dem Schlimmsten - der Absage der Oscars. Glauben Sie, dass es dazu kommen könnte?Ja! Ja! Das wäre toll! Die Struktur dieser Veranstaltung ist vollkommen nutzlos. Dieser große Wettbewerb im Himmel, der noch größer ist als "American Idol" und "Stars Dancing" oder wie immer sie auch alle heißen. Alles ist nur noch ein Scheiß-Wettbewerb. Stellen Sie sich vor, die Leute würden sagen: Himmel, dieser Händel muss ja eine Kohle gescheffelt haben, seinen "Messias" haben sie in jeder Kirche in allen deutschsprachigen und englischsprachigen Ländern gesungen! Schade, dass es BMI damals noch nicht gab, sonst wäre er wohl der reichste Komponist aller Zeiten! Nein, so funktioniert das nicht, wenn man etwas zu schaffen versucht, das gut ist. Insofern ist mir alles, was diesen lächerlichen und demütigenden Wettbewerbsidiotismus und diesen Vermarktungsrausch zerschlägt, willkommen.Sie haben immerhin selbst einen Oscar für "Die Reifeprüfung" daheim...Es ist ein hohler Sieg. Um Mitternacht ist man wieder im Hotel und fühlt sich leer. Nichts ist passiert. Angesichts unserer wilden Begeisterung für Wettbewerbe haben wir Schwierigkeiten, das zu begreifen. Als würde einem ein Oscar den Weg in den Himmel ebnen! Es ist bloß ein Preis, verliehen von einer Gewerkschaft!Hat man Sie eigentlich in den USA von Beginn an als Amerikaner akzeptiert?Ich habe einen Freund, einen Russen, der ein paar Wochen lang überlegte, ob er nach Frankreich oder in die USA emigrieren sollte. Dann sagte er sich: Wenn ich nach Frankreich gehe, werde ich für den Rest meines Lebens Russe sein. Wenn ich in die USA gehe, werde ich Amerikaner sein. Das ist noch immer das Beste, was wir zu bieten haben neben all den Dingen, auf die wir nicht besonders stolz sein können. Und trotzdem entwickelt man so etwas wie ein Flüchtlingsohr in den ersten paar Jahren: Wie macht man das hier? Bei Baseballspielen heißt es: Du bist raus? Ich bin raus? Okay, tschüss. Dann heißt es: Du bist wieder dran. Was? Ihr habt doch gesagt, ich sei draußen! Man lernt neue Regeln.Hat Ihnen der frühe Blick des Außenseiters in kreativer Hinsicht genutzt?Ich glaube, dass das Außenseiter-Dasein mehr mit dem Inneren als dem Äußeren eines Menschen zu tun hat. Manche Menschen sind geborene Außenseiter, und sie fühlen sich immer wie Außenseiter. Und es gibt viele Motoren für kreative Energie. Aber die Rache ist sicherlich eine verlässliche und starke und oft verwendete. Wut ist ein ungeheuer starker Antrieb. Ich habe immer noch sehr viel davon. Ich habe mich entschlossen, meinen Frieden mit meiner Wut zu machen, weil sie ein guter Antrieb ist und nie versiegen wird. Einmal habe ich mit einem Psychiater darüber gesprochen. Ich sagte: Hey, ich habe alles. Ich bin glücklich, ich liebe meine Frau, meine Kinder sind wunderbare Menschen, ich habe Geld, ich bin frei - warum bin ich so wütend? Er sagte nur: Sie werden diese Wut immer in sich tragen, die geht nicht weg. Ich hatte das nie geahnt! Aber wenn sie nicht weggeht, kann ich sie mir zumindest zunutze machen.------------------------------Mike NicholsEigentlich Michael Igor Peschkowsky, wurde 1931 in Berlin geboren und flüchtete als Siebenjähriger mit seiner Familie vor den Nazis nach New York.Seinen Start im Showbusiness machte er als Komiker, doch als Film-, Fernseh- und Theaterregisseur sollte er zur Legende werden. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Filme "Die Reifeprüfung", "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und "Silkwood". 2005 brachte er das Monty-Python-Musical "Spamalot" auf die Bühne.Jetzt hat Nichols, 76, mit dem Kinofilm "Der Krieg des Charlie Wilson" eine unglaubliche, aber wahre Geschichte inszeniert - die eines texanischen Hallodris und Kongressabgeordneten, der Anfang der achtziger Jahre heimlich die afghanischen Mudschaheddin mit Abwehrraketen ausrüstete und damit die Niederlage der Sowjets mit herbeiführte.Mike Nichols ist in vierter Ehe mit der Fernsehjournalistin Diane Sawyer verheiratet.------------------------------Foto (5) :Mike Nichols während des Interviews im Berliner Hotel "Adlon"Mike Nichols Filme :"Wer hat Angst vor Virginia Woolf" (1965) war Nichols' erster Film und gewann fünf Oscars."Die Reifeprüfung" (1966) mit Anne Bancroft und Dustin Hoffman wurde zum Kultfilm der 68er und spielte allein durch den Kartenverkauf 50 Millionen Dollar ein.In "Silkwood" (1983) spielt Meryl Streep eine Angestellte in einem Atomkraftwerk, die durch einen mysteriösen Autounfall ums Leben kommt."Der Krieg des Charlie Wilson", eine Politsatire, kommt am 7. Februar in die Kinos. Die Hauptrollen spielen Tom Hanks und Julia Roberts.