Zwei junge Regisseure diskutieren streberhaft und aufgeregt um die Wette, während die Brecht-Witwen nach Brechts Tod 1956 hilflos räsonieren, so erzählte, so witzelte Heiner Müller in seinem letzten Theaterstück, "Germania 3", das vierzig Jahre später an gleicher Stelle Premiere hatte: Im Berliner Ensemble. Die aufstrebenden Brecht-Schüler, die 1956 gerade zusammen "Coriolan" inszenierten, waren der bei Brechts Tod sechsundzwanzigjährige Manfred Wekwerth und der siebenunddreißigjährige Peter Palitzsch. Die Geister schieden sich, als Palitzsch im August 1961 nach dem Mauerbau von einer Reise nach Oslo nicht in die DDR zurückkehrte. Palitzsch kam wieder, kam schnell wieder, als die Wende war. Er wurde nach Wekwerths Amtsenthebung, Amtsverzicht einer der Direktoren, einer der Unglückseligen, Unglücklichen von der "Fünferbande" (M. Langhoff, Marquardt, Müller, Zadek), auch "Altherrenriege" genannt, die bis 1995 (vor Müllers Alleinintendanz) den Karren BE ziehen wollte und nicht konnte, weil sie die ganze Kraft in Fehden untereinander aufbrauchte. Palitzsch war der stillste, bescheidenste, zurückhaltendste, nobelste. Wahrscheinlich litt er am stärksten, denn er wusste am besten, wie das BE unter Brecht gearbeitet hatte. Ihm verdanken wir das große Buch über Brechts "Theaterarbeit am Berliner Ensemble" und die Gestaltung von Brechts "Kriegsfibel". Er, der zunächst Brechts Grafiker war, ist der Erfinder des Signets, des Kreises mit dem Theaternamen, der damals in in der Welt leuchtete und jetzt in Neon illuminiert wird. Peter Palitzsch ist durch Können und die verquere Zeitgeschichte einer der bedeutenden, wichtigen Regisseure und Intendanten des westdeutschen Theaters zwischen 1961 und 1989 geworden. Seine Richtschnur ist Brecht. Heute wird Palitzsch 85 Jahre alt. Mann kann den hageren, wachen, fast noch sportlich wirkenden Mann zufällig in der S-Bahn treffen, grundsätzlich mit dem Kopf hinter einer Zeitung steckend. Es gibt wenig Regisseure des deutschsprachigen Theaterbetriebs, die so in sich gekehrt sind, von seinem Rang keinen weiteren.Das war ein wenig wohl auch sein Handikap. Als nach Brecht die Nachfolgefrage stand, wurde die Konkurrenz im Hause deutlicher, sagte Peter Palitzsch 1996 in einem Gespräch dieser Zeitung: "Die anderen Regisseure sagten immer, ich sei ein ganz herrlicher Dramaturg - was bedeuten sollte, dass sie mich für keinen besonders guten Regisseur hielten."Vom Amt des Intendanten in Stuttgart trat er 1972 nach einer umstrittenen "Hamlet"-Inszenierung und lähmenden Querelen mit CDU-Politikern zurück. Von 1972 bis 1980 leitete er das Schauspiel in Frankfurt/Main mit seinem Selbstbestimmungsmodell. Das heutige Theater sieht Peter Palitzsch kritisch: "Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich nicht zum Theater gehen, sondern zu Greenpeace." Gelassen hielt er Müllers "Gespenster 3"-Witzelei aus: "Ich war erstaunt, dass Heiner etwas von dem Ton, der zwischen mir und Manfred Wekwerth herrschte, so getroffen hat."ZB/THOMAS LEHMANN Mut und Scharfsinn: der Regisseur Peter Palitzsch.