Dass Robert Altman gern als Altmeister bezeichnet wird, liegt wohl an seinen 77 Lebensjahren, knapp 40 Filmen und einer schier unendlichen Liste von Auszeichnungen. Mit "MASH" gelang Altman 1970 der große Durchbruch. Seitdem hat er seinen Ruf als herausragender Filmemacher immer wieder bestätigt, ob mit "The Player", "Short Cuts" oder "Pret-a-porter". "Gosford Park", der neue Film von Robert Altman, spielt im England der 30er-Jahre. Schauplatz ist ein Herrenhaus: oben versucht sich der Adel zu vergnügen, unten schuften die Bediensteten. Bis ein Mord geschieht.Mr. Altman, warum haben Sie sich für dieses "Sittengemälde mit Mord" entschieden?Weil ich vorher noch nie darauf gekommen bin, so einen Film zu machen. Als mich mein Partner Bob Balaban fragte, was wir denn als Nächstes machen, sagte ich, "ich habe noch nie einen Whodunit gedreht".Wobei "Gosford Park" aber kein echter "Whodunit" ist. Der Mord passiert erst nach der Hälfte des Films.Eigentlich ist es ja auch ein "who cares whodunit", ein "wer schert sich drum, wer s war".Sie waren also nicht daran interessiert, einen Film in Agatha-Christie-Manier zu drehen?Nein. Aber am Anfang haben wir dieses Projekt eine Mischung aus Agatha Christie, Renoir und "Zehn kleine Negerlein" genannt.Die Kritiker reagieren jedes Mal ganz unterschiedlich auf Altman-Filme. Was ist Ihr persönliches Kriterium, nach dem Sie einen Film für erfolgreich halten?Das kann ich nicht sagen. Ich hatte bislang keinen erfolglosen Film.Sie halten jeden Ihrer Filme für erfolgreich?Genau. Das hat nichts mit dem Geld zu tun, das sie einspielen. Einen Film zu machen, ist wie ein Bild zu malen. Mal trifft man den Geschmack des Publikums, dann finden die das Gemälde wunderbar. Und mal zucken sie zusammen und sagen "dégeulasse", widerlich.Warum improvisieren Sie während der Dreharbeiten so viel?Wenn ich mit einem Film beginne und nur das Drehbuch habe, sind die Vorbereitungen zweidimensional. Dann kommen die Schauspieler hinzu und damit wird das Unterfangen dreidimensional. Der Prozess ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz unter meiner Kontrolle. Die Schauspieler verleihen dem Skript ja ein eigenes Leben - so als würde ich lebendige Farbpigmente für mein Bild nehmen. Und vielleicht mache ich aus einem unerwarteten Farbfleck ein Pferd und male dann noch einen Zaun dazu.Doch Ihre Zufriedenheit mit dem Resultat ist immer dieselbe?Manchmal enttäuscht mich die Reaktion auf einen Film. Jeder Film ist mir so lieb wie ein Kind. Und man hat ja die Neigung, das am wenigsten erfolgreiche Kind am meisten zu lieben, denn es braucht besonderen Schutz. Man liebt es nicht weniger, nur weil es weniger beliebt ist.Einer Ihrer beliebtesten Filme war "The Player", eine Satire über die Filmindustrie. Betrachten Sie Hollywood noch immer vom Standpunkt eines Außenseiters?Ich BIN Außenseiter. Zum Hollywood-Establishment gehöre ich nicht, denn ich gehe meine Filme anders an. Erfolg ist etwas, über das Kritiker, die Banken und meine Geldgeber urteilen müssen.In "Gosford Park" arbeiten Sie zum ersten Mal fast ausschließlich mit britischen Schauspielern zusammen .Na ja, es ist ja ein englischer Film!. sehen Sie denn Unterschiede zwischen englischen und amerikanischen Schauspielern?Die Mehrzahl der britischen Schauspieler bringt Theatererfahrung mit. Ich glaube nicht, dass "Gosford Park" in Amerika hätte gedreht werden können - unter gar keinen Umständen! Schon weil die Agenten es ihren Schauspielern nie erlaubt hätten. Die Schauspieler arbeiten in "Gosford Park" alle für ganz wenig Geld. Alan Bates zum Beispiel hat in den ersten sechseinhalb Dreh-Wochen vielleicht fünf Worte zu sprechen gehabt. Er stand nur im Hintergrund und war der Butler. Einen amerikanischen Schauspieler seines Kalibers hätte man nie dazu gekriegt.Aber wenn Sie oder Woody Allen rufen, kommen doch alle!Nein, nein, so stimmt das nun auch nicht!Wer hat Ihnen denn schon abgesagt?Ich bekomme die Absagen nicht direkt von den Schauspielern, sondern von den Repräsentanten der Schauspieler, ob sie sich jetzt Agenten nennen oder Manager.Und die erzählen, dass ihr Star liebend gern mit Ihnen drehen würde, aber Terminschwierigkeiten hat?Genau. Sie sind alle sehr diskret.Vor 26 Jahren haben Sie einen Goldenen Bären bekommen für Ihren Film "Buffalo Bill und die Indianer". Verbinden Sie positive Erinnerungen mit dieser Auszeichnung?Oh ja! Dieser Bär ist mit Abstand die bestaussehendste Statue auf meinem Regal! Ich konnte ihn mir nicht einmal persönlich abholen, weil ich gedreht habe.Hat die Auszeichnung Ihnen damals Türen geöffnet?Ja, sicher! Immer, wenn man eine Auszeichnung dieser Art bekommt, hilft es für das nächste Projekt. Es steigert die Bekanntheit. Die Menschen hören meinen Namen, und sagen: "Stimmt, der und der Film, der war gut! Vielleicht kriegt er wieder einen so gut hin!"Haben Sie noch Verbindung zu den Schauspielern Ihrer frühen Erfolge, z. B. Donald Sutherland?Nein. Sutherland habe ich in Hollywood gesehen, als wir "MASH" drehten. Ich sehe ihn nicht oft. (Macht eine Pause) Donald Sutherland und Elliott Gould haben versucht, mich bei "MASH" zu feuern.Bitte?Die sind damals zu den Produzenten gegangen und haben gesagt: "Dieser Typ wendet seine ganze Aufmerksamkeit den Statisten zu statt uns. Wir sind doch die Stars. " Ich habe davon nichts gewusst. Hätte ich das auch nur geahnt, hätte ich den Film hingeschmissen.Könnten Sie sich vorstellen, noch mal einen Hollywood-Studio-Film zu drehen?Wo die mir die ganze Zeit sagen, was ich zu tun habe? Ich glaube, das könnte ich nicht, weil Filme dort von einem ganzen Komitee gemacht werden. In Hollywood hat man versucht, den einzelnen Künstler abzuschaffen. Es gibt nur eine Hand voll Künstler, die das überlebt haben und ihre Filme drehen. Ich glaube, dass Filme bald nur noch FÜR ein Studio gemacht werden. Studios werden nur noch als Verleiher fungieren.Eine Ihrer Figuren aus "Gosford Park" sagt: "Ich bin der perfekte Dienstbote. Ich habe kein Leben. " Trifft dieser Satz auch auf Sie als Regisseur zu?Nein, ich würde eher sagen: "Ich bin der perfekte Regisseur. Weil ich so viele Leben habe. " Ich habe schon 38 andere Leben gelebt, denn jeder meiner Filme erscheint mir wie eine eigene Lebenszeit voller Erfahrungen.Wäre in Ihrem Leben überhaupt Platz für eine andere Leidenschaft?Ich glaube nicht. Alle Künste, die mir etwas sagen, lassen sich im Film einbringen: Literatur, Musik, bildende Kunst . Ich bin nicht besonders kreativ - darum mache ich Filme, die sich von anderen Genres etwas klauen. Hätte es nicht schon Filme gegeben, hätte ich das Filmemachen nie erfinden können.Das Gespräch führte Mariam Schaghaghi.Lady Sylvia (Kristin Scott Thomas) langweilt sich fürchterlich - deswegen hat sie einen Lustknaben herbeigeordert.Mit Schirm, Charme und Melone? Im strömenden Regen treffen die adeligen Gäste samt Dienerschaft in Gosford Park ein.