Als vor einem dreiviertel Jahr die ersten Meldungen über Wim Wenders· neuen amerikanischen Film nach Deutschland drangen, übersetzten die Nachrichtenagenturen den Titel "The End of Violence" ganz geradeaus mit "Das Ende der Gewalt". Umgehend schaltete sich das Büro Wenders mit einer Korrektur ein: der deutsche Titel werde anders lauten. Die schlichte Übersetzung nämlich klänge zu moralisch.Jetzt heißt der Film "Am Ende der Gewalt". Man kann nicht sagen, daß diese Änderung dem Titel das Moralische nimmt. Man kann sagen: Wenders hat den Film in Cannes gezeigt vor einem wenig begeisterten Publikum und ihn dann noch ein wenig umgeschnitten und mit der Zeit vielleicht eingesehen, daß er dem Moralischen nun einmal nicht entkommt. Also ist er wenigstens ehrlich. Der Film hält, was der Titel verspricht.Behandschuhter UmgangDas gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn Wenders beginnt auch ästhetisch jenseits der Gewalt. Gewalt, wie man sie kennt aus dem Kino, kommt in diesem Film kaum vor. Wenders erzählt von Gewaltverhältnissen, ohne dabei physische Aktion als Reiz einzusetzen. Wohl wird eine Waffe gezückt, und es wird auch gestorben durch hinterhältige Schüsse. Aber keine solche Szene nutzt die natürliche kinematographische Attraktivität der Action. Hier läuft das Gegenprogramm zu Martin Scorsese, der Brutalität stets mit dem Argument verteidigt hat, man müsse die Gewalt zeigen, wenn man von ihr erzählt. Wenders rechnet ebenso einfach, aber anders: Wer einen Film gegen Gewalt macht, sollte nicht mit ihr spielen.Wenders legt seine Filme mit eleganter Geste sanft nieder vor den Augen des Publikums: Wenn Sie hier einmal schauen möchten Ein offenherziges, aber immer dezent vorgebrachtes Angebot, ohne jede Aufdringlichkeit. Solche Zurückhaltung kann edel sein. Hier ist sie penetrant. Wer von Gewalt erzählt, als würde er eine Kollektion teurer Tuche vorstellen, macht sich allein durch den Gestus des Vortrags verdächtig. Mit dem wesenhaft Gedämpften des Wendersschen Blicks läßt sich die Gewaltfrage zwar gewählt erörtern; eine echte, ergreifende Konfrontation gelingt nicht. So ist dieser Film: Ein Gespräch im Hause Wenders über den abwesenden Herrn Gewalt.Einem Gespräch zum Thema ähnelt der Film schon in der Anlage. Mal wird dieser, mal jener Aspekt betont, man gibt außerdem folgendes und dann noch etwas anderes zu bedenken. Erst allmählich entspinnt sich ein roter Faden, man verknüpft verschiedene Punkte, am Ende steht ein versöhnliches, besinnliches Schlußwort. Einem Gespräch ähnelt der Film auch darin, daß Wesentliches meist nicht in den Bildern gezeigt, sondern aus dem Off erzählt wird. Die Dialoge tun da kräftig mit: "Definiere Gewalt!" lauten die ersten gesprochenen Worte. Danach wird man sich kaum noch wundern, daß Figuren und Geschichte wenig, der Diskurs dagegen alles zählt.Wendung ums GanzeNehmen wir Mike Max (Bill Pullman), Produzent von Kassenschlagern wie "Creative Killing" ­ bis ein paar echte Killer vor ihm stehen. Max entkommt, die Killer werden brutal erschossen. Nun nimmt Max· Leben eine Wendung ums Ganze. Er möchte nicht mehr mittun bei der filmindustriellen Ausbeutung von Gewalt und schließt sich statt dessen der freundlichen mexikanischen Gärtnerfamilie an, die bisher in aller Stille sein Anwesen rein hielt. Jetzt zu einem anderen Aspekt: Mike Max· Frau Paige (Andie MacDowell), zunächst nur sanft sehnsuchtsvolle Gattin, entdeckt nach dem Verschwinden ihres Mannes die Freude am skrupellosen Geschäftemachen. Zur Besitzstandswahrung wäre sie am Ende sogar bereit, Max zu erschießen. Jetzt zu einem anderen Aspekt: der Gewalt auf den Straßen, und, damit verknüpft, der Gewalt der Kontrollgesellschaft. Der Computerspezialist Ray Bering (Gabriel Byrne) installiert ein gigantisches Videosystem, mit dem Los Angeles im Detail überwacht werden kann. Jetzt zu einem anderen Aspekt: Auch sexueller Mißbrauch ist Gewalt! Jetzt zu einem anderen Aspekt: "Definiere Gewalt!" ­ "Furcht. Fehlende Liebe. Emotionale Rache." Jetzt zu einem anderen Aspekt: Manche Vertreter der Kontrollgesellschaft, namentlich Polizist Don Block (Loren Dean), können sehr verständnisvoll sein. Block verliebt sich in die Stuntfrau Cat (Traci Lind). Jetzt zu einem anderen Aspekt? Nein danke, es reicht.Wim Wenders wollte sein komplexes Thema so komplex wie möglich abbilden und hat es eben dadurch furchtbar verflacht. Staatliche, mediale, eheliche, innere, verbrecherische, familiäre Gewalt ­ alles wird irgendwie noch mit ins Bild geschoben. Und je mehr Dinge Platz haben müssen in diesen zwei Filmstunden, desto weniger Platz hat jedes einzige. Die vermeintliche Vielstimmigkeit verendet in einem diffusen Rauschen ­ während Wenders und Co-Autor Nicholas Klein noch angestrengt versuchen, die einzelnen Erzählstränge irgendwie in Beziehung zu setzen. So wird Wenders· Werk wider Willen doch noch gewalttätig: gegen seine Figuren. Deren Wendungen und Wandlungen sind papierene Prätentionen, an denen jeder Schauspieler scheitern muß. Einzig Gabriel Byrne bekommt eine Chance zur Selbstbehauptung ­ weil sein Ray Bering wortkarg sein darf und sich nicht groß zu ändern hat. (Wirklich bewegend ist nur eine Nebenrolle: der vor einem Monat gestorbene Regisseur Samuel Fuller spielt Berings Vater ­ so direkt, verschmitzt und frisch, wie Wenders niemals wird filmen können.)Bleischwer bedientEs gibt einige schöne, wasserklare Bilder und Bewegungen in diesem Film, es gibt schöne Sets und auch ein paar erstaunlich komisch-kluge Dialoge. Aber über all das fällt wieder wie ein großer Schatten Wenders· missionarischer Moralismus. Seit dem "Himmel über Berlin" tönt es mit hohem und hohlem Ton aus Wenders· Werken heraus. Vor jedem neuen Film verspricht er mehr Leichtigkeit, und nach jedem neuen Film ist man wieder bleischwer bedient. Diesmal steht am dicken Ende ein öliger Appell ungefähr folgenden Sinnes: Wenn wir nur immer offen zueinander sind, dann wird sich auch nichts Verdrängtes mehr in Gewalt entladen müssen. ­ So bringt Wenders dieses gewaltige Problem der 90er Jahre heim in die westdeutsche Innerlichkeit der 70er Jahre: Wir können die Gesellschaft nur ändern, wenn wir uns selbst ändern.Was für die große Welt gilt, muß auch für die kleine Welt des Films gelten. Der Produzent Mike Max ist aus Einsicht zum Gärtner geworden. Wir warten nun auf die radikale Wandlung im Leben des Regisseurs Wim Wenders.