Der Rüpel

Der Kopf ist schuld. Mit dieser gewagten These überraschte dieser Tage Walter Smith, der Manager der Glasgow Rangers: Er kündigte an, den bolzenden Rüpel Paul Gascoigne vor dem nächsten Spiel auf seine "mentale Verfassung" hin zu überprüfen. Ein Sensibelchen, dieser Mr. Smith? Ausgewiesene Kenner englischen Hauruck-Fußballs wird die Diagnose befremden. Denn Paul Gascoigne galt bislang im Rasenreich als mannhafter Verfechter des Rechts auf rauhe Sitten. Seine Herrenwitze sind gefürchtet und für Liebhaber des derberen Humors ein steter Hochgenuß: Gelächter im weiten Rund des Stadions an der White Hart Lane, als Gascoigne dem Tottenham-Kapitän Gary Mabbutt einst die Hose runterzog - just als dieser einen Siegerpokal in die Höhe stemmte. Amüsant auch, wenn er dem verehrten Publikum zur Begrüßung selbst sein entblößtes Hinterteil entgegenreckte. Nicht selten verzückte er seine Fans mit obszönen Gesten. Im Sommer zerhackte er mit den Kumpanen aus der Nationalmannschaft die Klapptischchen eines Jumbojets. Und daß er sich bei der Europameisterschaft im eigenen Lande durch seine üppige Leibesfülle bisweilen selbst ausbremste, wurde still verziehen. Gelangen ihm doch, aus dem Stand und außer Puste, gekonnte Lupfer in des Gegners Tor.Vor ein paar Tagen hat Gascoigne in betrunkenem Zustand in einem Hotelzimmer seine jüngst angetraute Gemahlin Sheryl krankenhausreif geschlagen - die Witzigkeit überschritt erneut ihre Grenzen, diesmal jedoch wird nicht mehr verziehen. 65 Prozent der Fans der Glasgow Rangers sind "not amused" und votierten für den Rausschmiß Gascoignes. 65 Prozent - allesamt Sensibelchen?Britische Frauenverbände haben sich auch zu Wort gemeldet und Gascoignes Verbannung aus dem Nationalteam gefordert. Der Aufruf fand landesweites Echo. Ein historisches Ereignis - und dazu bedurfte es eines kickenden Rüpels: Im Mutterland des Fußballs finden erstmals die Mütter Gehör. +++