Es hat diese kurze Zeit gegeben, da konnte man die leidliche Kenntnis des Russischen als wahres Privileg genießen. War man obendrein Lektor für russische Literatur in einem großen DDR-Verlag und damit Bezieher der dicken literarischen Zeitschriften aus Moskau und Leningrad, hatte man zwischen 1987 und 1989 unversehens einen Zweitberuf erworben: den des Vortragsreisenden. Junge Gemeinden und Bibliothekare, Buchhändler und Studenten suchten den "Überblick über die Tendenzen der jüngeren Sowjetliteratur". Weniger glorifizierend Solche Vorträge mußten mit Anatoli Rybakows Roman "Die Kinder vom Arbat" beginnen. Die politischen Sehnsuchtsbegriffe "Glasnost" und "Perestroika" hatten in diesem Roman ihr literarisches Monument gefunden. Monumental daran war allein schon die Sonderauflage der Zeitschrift "Druschba narodow" (Völkerfreundschaft), die wegen des Romanabdrucks beinahe eine Million Exemplare erreichte. Monumental auch die Protagonisten, auf die die Handlung immer stärker zusteuerte: Stalin und Kirow. Den Diktator beim Namen zu nennen und dabei nicht seine Glorifizierung, sondern seine Entlarvung als kalter Machiavellist mit Blut an den Händen zu betreiben, hatte gewiß mancher vor Rybakow versucht. In der Sowjetunion offiziell veröffentlicht worden war keiner dieser Versuche. Es war diese Symbolik, die Rybakows Geschichte aus den Jahren 1933/34 so viel Aufmerksamkeit in aller Welt sicherte.Auf drei Ebenen entwickelt sich das Geschehen: eine Gruppe junger Leute um den Studenten Sascha Pankratow verkörpert eine Jugend, die von den Entbehrungen früherer Jahre verschont wurde und ganz vom optimistischen Aufbaugedanken beseelt ist. Die Eltern wurzeln noch in den Kämpfen der Revolution, sind inzwischen aber mittlere Funktionäre. Sie bilden das Bindeglied zur höchsten Ebene: zum Allgewaltigen selbst oder wenigstens zu den Korridoren der Macht. Was Rybakows Roman erzählt, ist die Freilegung des Mechanismus, nach dem die Sowjetgesellschaft Stalinscher Prägung funktionierte. Unten gerät Sascha Pankratow wegen einer Belanglosigkeit in immer stärkere Bedrängnis, wird schließlich verhaftet und des Trotzkismus bezichtigt. In der Mitte gibt man sich vermittelnd, Befehlsempfängerei und familiäre Solidarität halten sich die Waage im Stillstand. Und oben wird das zynische Spiel um die Macht inszeniert, wird Sergej Kirow, seinerzeit Parteichef in Lenigrad und so etwas wie ein Hoffnungsträger, herzlich umarmt und wenig später im Auftrag ermordet. Die große Terrormaschine wird probeweise angeworfen, sie sucht sich ihre Opfer mit sinnloser Zielgenauigkeit: was sich oben, in der Mitte oder unten bewegt, wird erfaßt und zerstört. Es dürfte diese Authentizität des Ausgeliefertseins gewesen sein, der dem Roman in der Sowjetunion seine Wirkung eintrug.Daß ein solches Werk ausgerechnet von Anatoli Rybakow kommen würde, der 1950 für den Produktionsroman "Menschen am Steuer" einen Stalin-Preis erhalten hatte, war nicht zu erahnen. "Schwerer Sand" von 1978 (dt. 1980) ist eine jüdische Familienchronik, die vor dem Ersten Weltkrieg idyllisch einsetzt und während des Zweiten Weltkrieges, mitten in der Katastrophe des Genozids, endet. Sie widerspricht der Legende von den Opfern, die sich wehrlos zur Schlachtbank führen ließen, und sie spart die Problematik des russisch-jüdischen Verhältnisses nicht aus, vermeidet freilich jede Schärfe.Ein fernes EchoZuvor veröffentlichte der studierte Verkehrsingenieur Rybakow vor allem abenteuerliche Kinder- und Jugendromane, die auch verfilmt wurden: "Der Marinedolch" (1953), "Der Bronzeadler" (1958) oder "Das zerrissene Foto" (1973).Nicht nur der Roman "Die Kinder vom Arbat", auch der Autor Rybakow wurde für einige Jahre zum Symbol für Glasnost und Perestroika. Als 1989 ein russisches PEN-Zentrum gegründet wurde, wählte man Rybakow zum Präsidenten im Einklang mit den historischen Abläufen verblaßte sein Ruhm mit dem Ende der Sowjetunion.Der letzte der Vorträge sollte in einer Bibliothek in Halle/Saale stattfinden. Kein einziger Zuhörer erschien, und die gastgebende Bibliothekarin verwies mit entschuldigender Geste auf das Fernsehprogramm, das die in Bewegung geratenen Dinge neuerdings zuverlässig und kritisch verfolgte. Es war der 8. November 1989.Anatoli Rybakow hat später noch eine Fortsetzung seiner "Kinder vom Arbat" geschrieben. "Entsetzen. 1935 und andere Jahre" wirkte dann schon wie ein fernes Echo aus einer längst vergangenen Zeit. Am vergangenen Mittwoch berichtete die Nachrichtenagentur Itar-Tass, daß Rybakow in New York an den Folgen einer Herzoperation starb.

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