Herr Pasko, fürchten Sie als regierungskritischer russischer Journalist, dass Ihnen etwas Ähnliches passieren könnte wie Ihrer Kollegin und Freundin Anna Politkowskaja, die im Oktober 2006 ermordet wurde?Jeder regierungskritische Journalist würde Ihnen - wenn er ehrlich wäre - sagen, dass er mit dieser ständigen Angst lebt. Ich habe es leichter, weil ich viele Ängste schon losgeworden bin.Nachdem Sie 1997 als Militärjournalist die Verklappung von Atommüll durch ein russisches Militärschiff ins japanische Meer gefilmt und damit einen Umweltskandal aufgedeckt hatten, wurden Sie wegen Landesverrats verurteilt und saßen knapp drei Jahre im Gefängnis, sechs Monate davon im Arbeitslager. Hat diese Erfahrung Ihre journalistische Arbeit verändert?Ich arbeite heute nicht anders als früher. Ich bin mir bewusst, dass ich jederzeit Gefahr laufe, wieder ins Gefängnis zu kommen. Aber dieses Risiko nehme ich in Kauf. Wenn sich niemand mit den Themen befasst, um die ein großes Geheimnis gemacht wird, erfährt die Öffentlichkeit nie, was dort abläuft.Sie beschäftigen sich zurzeit mit den russischen Pipeline-Projekten.Nehmen wir die Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee. Sie wird den Deutschen ganz sicher eine Menge Gas und ein glückliches Leben bringen. Der russischen Bevölkerung wird sie weder Gas noch Glück bringen, weil die Gewinne in den Taschen von einigen wenigen Menschen bleiben. Ein anderer Aspekt ist die Frage, was solche großen Projekte kosten. Wie kann es sein, dass der Bau einer Pipeline erst zwei Milliarden kosten soll und die Kosten anschließend auf sechs Milliarden anwachsen? Wenn es sich bei dem Geld für den Bau der Pipeline um privates Geld von Wladimir Putin, Gerhard Schröder oder Gazprom-Chef Alexei Miller handeln würde, dann würde es mich nicht interessieren. Aber das Geld gehört den russischen Bürgern, die Steuern gezahlt haben und denen das Geld aus der Tasche gezogen wurde.Warum berichten russische Medien nicht darüber?Ich habe mit vielen Journalisten aus den Städten, an denen die Pipeline entlangführt, gesprochen. Ich habe sie gefragt: Warum schreibt ihr nicht, was ich gesehen habe? Und sie haben geantwortet: "Wir wurden von Gazprom bezahlt."Wie beurteilen Sie den Zustand der Pressefreiheit in Russland heute?Während der sechsjährigen Amtszeit von Putin wurden 21 Journalisten ermordet und mehr als 300 Ermittlungsverfahren gegen Journalisten eingeleitet. Journalisten, die kritisch berichten, werden verprügelt oder bekommen keine Informationen mehr, ausländischen Journalisten wird die Wiedereinreise verwehrt. Wenn der Präsident oder ein anderer Vertreter des Kremls eine Pressekonferenz gibt, werden nur Journalisten zugelassen, die regierungsfreundlich berichten. Darüber hinaus dürfen nur Fragen gestellt werden, die vorher mit dem Pressestab des Präsidenten abgesprochen wurden. Die jetzige Duma plant, das Gesetz zur freien Meinungsäußerung zu verändern. Die Rechte der Journalisten werden damit sehr stark eingeschränkt. Schon heute können Journalisten sehr schnell vor Gericht gestellt werden. In 99 Prozent der Fälle bekommt die Anklägerseite Recht.Vor Kurzem wurde in Russland eine Umfrage veröffentlicht, nach der Wladimir Putin bei 80 Prozent der Bevölkerung sehr beliebt ist, 70 Prozent gaben an, dass sie bei einer Wahl für ihn stimmen würden.An diese offiziellen Zahlen glaube ich nicht. Zudem beziehen die meisten Russen ihre Informationen aus den staatlich kontrollierten Fernsehsendern wie dem Ersten Kanal oder NTW, die nicht kritisch über Putin berichten. Putin ist ein Produkt, das durch das Fernsehen kreiert wurde. Man zeigt wie er Ski läuft, wie er Kampfsport macht - das alles schafft das Image von Putin. Deswegen ist er in Russland so beliebt.Wenn man die große Zustimmung für Putin zur Kenntnis nimmt, könnte man auch denken: Viele Russen sind an einer Demokratie gar nicht interessiert.Wenn die Menschen nicht wissen, was eine Demokratie ist, können sie auch nicht entscheiden, ob sie sie wollen oder nicht. Sie müssen erst einmal die Chance bekommen, es auszuprobieren. Deswegen muss man den Menschen die Möglichkeit geben, bei freien Wahlen darüber zu entscheiden. Möglicherweise würden es sogar viel mehr Leute wollen als man denkt.Angesichts der staatlich kontrollierten Medien ist wenig Aufklärung zu erwarten.Es gibt so gut wie keine unabhängigen Medien mehr, und die wenigen, die es gibt, haben einen sehr geringen Einfluss auf die Bevölkerung.Echo Moskwy gilt als der einzig verbliebene Radiosender, der noch nicht vom Kreml kontrolliert wird. Warum existiert er noch?Es wird ihm erlaubt zu existieren. Damit die Regierung etwas vorweisen kann, wenn die Frage aufkommt, ob es in Russland unabhängige Medien gibt. Es gibt mit der "Nowaja Gazeta" auch eine freie Zeitung. Aber es gibt keinen Fernsehsender, der wirklich kritisch berichtet. Das wäre auch zu viel des Guten, denn der Großteil der Bevölkerung wird über das Medium Fernsehen erreicht und manipuliert.Inwiefern kann das Internet für Aufklärung bei der Bevölkerung sorgen?Nach offiziellen Statistiken gibt es 25 Millionen Internetnutzer in Russland. Wahrscheinlich sind es eher weniger. Doch die Regierung sucht schon nach Methoden, um auch das Internet unter staatliche Kontrolle zu bringen.In Russland gibt es zahlreiche Journalisten, die mit der Regierung zusammenarbeiten und als "Imagemacher" für sie tätig sind. Wieso lassen sich so viele missbrauchen?Jeder einzelne hat die Wahl, zu entscheiden, für wen er arbeitet. Viele haben aber Angst, ihren Lohn zu verlieren oder unbeliebt zu werden. Wenn sie nicht so funktionieren, wie es Putin will, leben sie in der Angst, verhaftet oder gar ermordet zu werden. Es gibt in Russland auch sehr viele gewissenhafte, kritische Journalisten, die aber leider sehr beschränkte Möglichkeiten haben, ihre Artikel zu publizieren. Ich sollte zum Beispiel für eine Zeitung einen Artikel schreiben und als der Artikel fertig war, wollte die Zeitung ihn auch drucken - aber nur unter einem Pseudonym. Damit war ich natürlich nicht einverstanden, weil ich finde, dass ich es verdient habe, meine Gedanken mit meinem Namen unterschreiben zu dürfen.Wer kann heute Druck auf die russische Regierung ausüben?Der Erste, der gezeigt hat, dass er mit dem Kurs von Putin nicht einverstanden ist, war Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski. Er war der erste, der öffentlich Kritik daran geübt hat, dass sich die Regierung regelmäßig in die Privatwirtschaft einmischt. Chodorkowski sitzt im Gefängnis. Der Fall hat sehr gut die Natur der heutigen Bedingungen gezeigt: Wo Stalin und Breschnew noch eine Ideologie hatten, geht es der heutigen Regierung ausschließlich darum, Geld zu verdienen.Welche Rolle spielen die Oligarchen im heutigen Russland noch?Nach der Verhaftung von Chodorkowski rufen sie bei mir nur noch Gefühle des Mitleids und des Ekels hervor. Wie Soldaten wurden sie in eine Reihe gestellt und jetzt machen sie das, was ihnen aus dem Umfeld von Putin gesagt wird.Was haben Sie eigentlich damals mit der Aufdeckung des Umweltskandals erreicht?Fakt ist, dass Russland aufgrund meines Films damit aufgehört hat, Atommüll in die Meere zu schmeißen, nachdem das 30 Jahre lang gemacht worden ist. Dass man Atommüll heute nicht mehr einfach so ins Meer kippen kann, reicht mir, um zu sagen, dass ich meine journalistische Aufgabe erfüllt habe.Das Gespräch führte Tobias Goltz.------------------------------Foto: Grigori Pasko, geboren 1962 in der Ukraine, war 1983-97 Redakteur einer russischen Flotten-Postille. Nach der Haftentlassung 2003 gründete er in Moskau das Umweltrecht- Magazin "Ekologija i Prawo".------------------------------Foto: Zeitunglesen in Moskau: Eine Frau trägt wegen des Smogs dabei Gasmaske.