BERLIN, 30. Oktober. Kaum eine halbe Seite füllt die Pressemitteilung 338/2003 der Sächsischen Staatsregierung vom Mittwochnachmittag. Doch ihr Inhalt lässt die deutsche Olympiabewerbung für 2012 einmal mehr mächtig erbeben. Olympiastaatssekretär Wolfram Köhler, der einst als netter Fantast verlachte Ideengeber dieser Bewerbung, wurde von Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Wolfram Köhler war zuletzt in verschiedenen Medien und vor allem auch vom politischen Gegner SPD Vetternwirtschaft vorgeworfen worden. Die Angelegenheit aber hat nichts mit der Leipziger Olympiabewerbung zu tun und reicht in Köhlers Zeit als Oberbürgermeister von Riesa zurück.Köhlers Frau Franziska erhält als freie Mitarbeiterin der Riesaer Förder- und Verwaltungsgesellschaft für Wirtschaft, Kultur und Sport (FVG) 15 Prozent Provision aus Sponsorenverträgen, die sie selbst akquiriert und betreut. Von dieser Summe muss sie ihre eigenen Mitarbeiter bezahlen und hat auch sämtliche anderen Kosten zu begleichen. Der FVG-Aufsichtsrat, der Riesaer Stadtrat und Wirtschaftsprüfer konnten - trotz teilweise hitziger Diskussionen - an diesem Sachverhalt nichts Unrechtes feststellen.Moralische KeuleDie Kaufmännische Geschäftsführerin der FVG, Renate Kühne, erklärte erst kürzlich: "Ich kann an diesem Vertrag nichts Negatives finden und werde darum kämpfen, dass er fortgesetzt wird." So wird es wahrscheinlich auch kommen, Köhlers Zeit als Olympiastaatssekretär aber ist vorbei. Köhler selbst hat Journalisten schon vor Monaten freiwillig sämtliche Unterlagen zur Verfügung gestellt, indes war ihm immer klar, dass er gegen die moralische Keule, die nun gegen ihn geschwungen wird, schwerlich etwas ausrichten kann.Ministerpräsident Milbradt hält große Stücke auf Köhler, denn was der 35-Jährige in den vergangenen Jahren in Riesa geschaffen hat, sucht seinesgleichen. Köhler ist ein Macher, nun aber geriet er mächtig in die Mühlen der Parteipolitik. Der Fall Köhler wurde von einer unsäglichen Allianz aus Kreisen der Leipziger Kommunalpolitik und von dubiosen Marketendern aus dem Umfeld der Olympia GmbH hochgespielt. Keiner dieser Vorwürfe ist neu. Es liegt nichts vor, wozu Köhler nicht schon vor Wochen ausführlich Stellung bezogen hätte. Ein erster Gipfel der Dreistigkeit war bereits Anfang Oktober erreicht, als aus dem Umfeld des Leipziger Oberbürgermeisters Wolfgang Tiefensee (SPD) das Gerücht gestreut wurde, Köhler stecke hinter der MfS-Enttarnung des ehemaligen Olympia-Geschäftsführers Dirk Thärichen."Wolfram Köhler kann sich bei den Auseinandersetzungen um seine Person nicht mehr mit seiner ganzen Kraft für Olympia engagieren", formulierte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt. Er bedaure, dass er sich von Köhler trennen müsse, der entscheidend dazu beigetragen hat, den nationalen Städte-Ausscheid gegen Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt am Main zu gewinnen. Köhler wird nun auch aus dem Aufsichtsrat der Olympia GmbH ausscheiden.Die Personalie Köhler lenkt, so wie es einflussreiche Kreise geplant hatten, von den wirklichen Geschäftsverstrickungen und ernsthaften Problemen im Umfeld der Olympia GmbH ab. In einem Interview mit der Zeitschrift Super Illu griff - wie bereits berichtet - der in die Kritik geratene Sportvermarkter Ivan Radosevic in bisher nicht dagewesener Schärfe den NOK-Präsidenten und Olympia-Aufsichtsratschef Klaus Steinbach an ("kleinkariert", "überfordert", "keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen"). Steinbach wollte Ivan Radosevics verbalen Amoklauf denn auch nicht kommentieren. Steinbachs Gefolgsmann Mike de Vries indes, der Geschäftsführer der Olympia GmbH, sagte dieser Zeitung: "Ich kann nur bedauern, dass so etwas Unsachliches und Unfachliches in die Welt gesetzt wird. Auf ein derartiges Diskussionsniveau begebe ich mich nicht."In dem Interview behauptete Radosevic auch, am 20. Oktober habe die Firma Pentacom, die er gemeinsam mit Henner Ziegfeld betreibt, gerade erst wieder einen Auftrag von der Olympia GmbH erhalten - also wenige Tage, nachdem sich der Olympia-Aufsichtsrat von Radosevics ehemaligem Mitarbeiter Thärichen getrennt hatte und gegen diesen der Vorwurf der Vetternwirtschaft und Untreue erhoben wurde. Mike de Vries erklärte zu Radosevics Behauptung: "Herr Radosevic hat weder am 20. Oktober einen Auftrag bekommen, noch hat er seit der Suspendierung von Herrn Thärichen, seit ich die Geschäfte dieses Bereiches führe, einen Auftrag bekommen." Prüfung durch StaatskanzleiDie umstrittene Rechnung der Pentacom über 75 936,50 Euro vom 1. Oktober 2003, über die die Berliner Zeitung exklusiv berichtet hatte, sei von der Olympia GmbH noch nicht beglichen, sagte de Vries: "Die Rechnung ist noch in der Prüfung." Geprüft werden diese und andere Geschäftsvorgänge auch von der sächsischen Staatskanzlei, mit der Thematik ist zugleich der Leipziger Oberstaatsanwalt Norbert Röger befasst.Olympia-Geschäftsführer Mike de Vries legte Wert auf die Feststellung, dass er mit den Herren Radosevic und Ziegfeld bisher nur wenige und zugleich auch wenig fruchtbare Gespräche geführt hat. "Es sieht danach aus", sagte Mike de Vries, "dass es auch in Zukunft keine Geschäfte mehr mit diesen Unternehmen und diesen Personen geben wird."Geburtshelfer // Wolfram Köhler (CDU) ersann einst bei einem Bier in Kalifornien im Beisein eines Agenturjournalisten die Idee, Olympia nach Sachsen zu bringen. Er war damals Bürgermeister von Riesa und baute die Stadt zu einer Sportmetropole aus.In diesem Jahr wurde Wolfram Köhler vom Ministerpräsidenten Georg Milbradt in die Dresdner Staatskanzlei zum Olympiastaatssekretär berufen. Zuletzt geriet Köhler in die Kritik, weil er seine Ehefrau bei Geschäften bevorteilt haben soll.DDP/NORBERT MILLAUER Blessuren von der Moralkeule: Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt beurlaubt Wolfram Köhler (r. ).