Auf einem Foto sieht man sie beieinander sitzen: Maria Callas, groß aufgemacht mit daumenbreitem Lidstrich unterm Seidenhut - daneben, vor einer Tasse Espresso und einer Damenportion Cognac, Elisabeth Schwarzkopf, in hausfraulicher Eleganz wie aus einer Bügeleisenreklame der Fünfzigerjahre. Die beste Freundin trifft die beste Freundin. Doch die Freundschaft dieser Sängerinnen war frei von jener Stutenbissigkeit, die solche Freundschaften auszuzeichnen pflegt. Jede gönnte der anderen Gutes. Schnurstracks soll Callas bei einem dieser Treffen auf Schwarzkopf zugegangen sein und sie gebeten haben: "Zeig mir, wie du die hohen As und Bs singst und dann leiser werden kannst". Darauf begann Callas zu singen, während Schwarzkopf ihr Kehle, Kiefer und Zwerchfell befühlte. Dann sang Schwarzkopf und ließ Callas an sich tasten.Herzrasen der ReflexionDie beiden gelten als die größten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts, zu verschieden, um sich gegenseitig den Rang streitig zu machen. Callas verkörperte Musik, sie stellte sie nicht dar. Auf jedem ihrer Töne zeigte sich die Nacktheit des Lebens, alles war schutzlose Selbstauslieferung. Schwarzkopf hingegen, die heute vor 90 Jahren in Jarotschin bei Posen zur Welt kam, verweigerte die direkte Körperlichkeit des Singens stets. Vielmehr ist das Technische für ihre Wirkung beherrschend: die makellose Intonation noch in höchster Höhe, die bis ins Letzte kultivierte Kopfstimme, ein unfassbar strenges Legato und das einheitliche Timbre über alle Register hinweg - sirenenhaft intensiv, doch stets mattglänzend wie Perlmutt.Vielen Hörern ist diese Art zu singen unerträglich: das ständige Hineinzwingen des Tons in die "Maske", jene schwingende Architektur aus Kiefern, Sieb- und Jochbeinen, das Verfärben einzelner Vokale zugunsten der einheitlichen Linie. Schwarzkopfs extrem technisches Verhältnis zum Singen aber hat Gründe. Die Biografie ihrer Stimme kennt Brüche. Bei ihrem Studienbeginn in Berlin wurde sie 1934 zunächst als Alt ausgebildet. Nach einem Lehrerwechsel wandelte sie sich zum Koloratursopran, Maria Ivogün als weitere Lehrerein förderte sie darin, baute ihre Stimme aber völlig neu auf. Nach dem Krieg und der Entnazifizierung der von Joseph Goebbels protegierten Sängerin bildete Schwarzkopfs späterer Mann, der britische Plattenproduzent Walter Legge, ihre Stimme wieder um und ließ sie ins lyrische Fach wechseln.Nun mag das Technische etwas Markenhaftes haben. Der Schwarzkopf-Klang war in der Nachkriegszeit ohne Zweifel eine Art Firmenschild der EMI. Doch Schwarzkopf hat nicht nur als eine der ersten Sängerinnen überhaupt die Schallplatte als Kunstwerk eigenen Rechts, sondern das Technische des Gesangs selbst als Mittel der Rollendistanz begriffen und so in Kunst verwandelt. Darin liegt ihre Größe, das macht sie zu einer Jahrhundertfigur. Das beste Argument, um die geistig beschränkte Polemik Bertolt Brechts gegen die Oper zu kontern, ist die Stimme der Schwarzkopf. Sie hat bewiesen, dass noch die luxuriöseste Kulinarik für das Denken kein Hindernis darstellen muss. Die Vorgänge hinter den Vorgängen zu zeigen, das schafft sie nicht erst mit der Szene, sondern allein schon mit der Stimme, indem sie den Sprechtonfall raffiniert in Gesang einzuschmelzen weiß und dennoch die Einfühlung verweigert.Bei ihrer wichtigsten Rolle, der Marschallin in Richard Strauss' "Rosenkavalier", hat die Kritik ihr das früh übel genommen. Lotte Lehmann, hieß es, habe die Leute zu Tränen gerührt; bei der Schwarzkopf staune man nur über das Raffinement ihrer Kunst. Hört man sich die berühmte Aufnahme von 1956 an, dann erlebt man beim großen Monolog über die Zeit in der Tat keine Weinerlichkeit. Wie Schwarzkopf auf Worten wie "Zeit" und "einmal", allen klassischen Regeln zum Trotz, ganz auf das i hinsingt, das gibt den Momenten etwas Eisiges und Abweisendes. Und schon zuvor, wo sie das Zerfallen des Ich im Lebensstrom beschreibt und ihre Stimme fort und fort die Nuancen wechselt - da hört man nichts vom Behagen des Selbstmitleids. Man hört das Herzrasen der Reflexion, jene die Existenz zermürbende Schwebe von Beobachtung und Erleben, die der Philosoph Wilhelm Dilthey für unser Nachdenken über Zeit als wesentlich beschrieb. Und diese Überlegungen waren es, die Hugo von Hofmannsthal beim Verfassen des Librettos beschäftigt haben, wie er denn 1911, im Jahr des "Rosenkavaliers" auch einen Nachruf auf Dilthey schrieb.Was bei Hofmannsthal Leistung der Sprache ist, wird bei Schwarzkopf Vermögen der Stimme: Identität in ihrer Ungesichertheit zu erfassen. Der erotische Konflikt der Oper, die Trennung von ihrem minderjährigen Liebhaber, gerät dabei zur Nebensache. Nicht, dass Schwarzkopf der Sinn fürs Erotische gefehlt hätte. Ganz im Gegenteil. Die großartigen Aufnahmen mit Operetten von Johann Strauß und Franz Lehar zeigen, dass sie ein Faible hatte für strategische Erotik, für jene Macht, die Frauen ausüben, indem sie die Rollenmuster einer von Männern beherrschten Welt nutzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.Halb ist es Lust, halb ist es KlageDas Spiel mit der Lust aber war bei ihr nie nur Berechnung. Wenn sie, die den Liederabend zum Großereignis aufgewertet hat, Hugo Wolfs "Im Frühling" sang, dann hielt hier das Verblümte und das Unverblümte der Sexualität von Mörikes Versen eine fragile Balance, dann wurde die Schwebe zwischen Lust und Klage, die Unfähigkeit zur "alleinzigen Liebe", die ein Leben lang währt, auch eine tragische. Schwarzkopfs Stimme hat diesen Konflikt immer in kontrollierter Spannung ausagiert: Die feinsten Klangschattierungen tragen der Erfahrung eines zersprengten Ich Rechnung; die Einheit des Timbres und das disziplinierte Legato arbeiten ihr entgegen. Eine ambivalente Modernität, die den Zerfall von Sprache und Subjektivität reflektiert, ohne ihn hinzunehmen.Wegen ihrer Strenge war Elisabeth Schwarzkopf bei öffentlichen Meisterkursen gefürchtet. Sie hat, noch bis vor drei Jahren, Studenten knallhart heruntergeputzt und sich damit den Hass auch von Lehrern zugezogen. Wer einmal bei ihr zu Haus am Zürichsee war, weiß, dass sie gleichwohl fürsorglich, ja gütig sein kann. Sie selbst redet darüber nicht. So soll das Ausmaß dieser Güte ein Geheimnis der Beschenkten bleiben. Elisabeth Schwarzkopf aber sei auch dafür an ihrem Geburtstag herzlich gedankt.------------------------------Foto: Elisabeth Schwarzkopf im Jahr 2000 bei einem Meisterkurs