Ab und an mischte sich zwischen die meist zahlreichen Besucher im Westlichen Stülerbau am Schloss Charlottenburg - seit 1996 Kunstmuseum für die Sammlung "Picasso und seine Zeit" - ein kleiner, eleganter alter Herr. Guckten sich die Leute an einem bestimmten Bild fest, begann er, wie beiläufig, zu reden. Mit kurzen Pausen zwischen den Sätzen, in denen er angestrengt Luft holte. Das Asthma machte ihm zu schaffen, besonders an nasskalten Spätherbsttagen. Aber er ließ sich vom Berliner Wetter nicht beeindrucken.Man hörte ihm gebannt zu, denn dieser Mann war nicht nur der Sammler all der Bilder in diesem Haus. Er war auch ein Zeitzeuge, schon vor dem Krieg hatte er Zutritt zu den Ateliers der Pariser Künstlerszene. In seinen Erzählungen, die auch in etliche Bücher Eingang fanden, spazierte auf einmal die ganze Geschichte des jeweiligen Bildes aus dem Rahmen heraus, entfaltete sich etwa vor dem Porträt der lesenden Picasso-Geliebten Dora Maar von 1938 als Liebesdrama zwischen dem Maler und der extravaganten Frau. Sie seien "zwei Gefangene im Labyrinth der Liebe" gewesen, wusste Heinz Berggruen zu erzählen. Schon von jenem Moment an, in dem beide sich 1936 im Pariser Café des Deux Magots begegnet waren. Der Sammler hat über das Paar auf Zeit sogar einen kleinen Essay geschrieben, der war ganz der Trauer der Dora Maar gewidmet, als es aus war mit Picasso.Bei solchen Führungen stand Berggruen garantiert auch vor einem "Liegenden Akt" Picassos von 1942. Formal knüpfe das Bild an die "Demoiselles d'Avignon" an, erklärte der Kenner dann die gleichsam zerbrochene Figur in einem kahlen, gefängniszellenartigen Raum. Der Frau wurde der Kopf wie gewaltsam verdreht, die Hände hat sie geballt; sie sind unförmig wie Artischocken. Dora Maar hatte Modell gestanden, und der Sammler nannte die Arbeit "Picassos bitterstes Werk jener Zeit", weil es Krieg, Bedrängnis, Zorn reflektiere. Wie er das so sagte, stand er vor dem Bild wie vor einem Altar.Solche Führungen wird es nicht mehr geben. Gestern kam die Nachricht vom Tod Heinz Berggruens, er starb am Freitagabend im Alter von 93 Jahren in Paris.Andere werden den Besuchern nun erzählen müssen, dass Matisses "Blaue Mappe", auf einem Stuhl in einem roten Zimmer genau jenes Utensil ist, in dem der junge Berggruen 1952 seine erste Zeichnung transportierte, die er vom greisen Matisse erstanden hatte. Humorvoll hatte der Sammler immer wieder von der beinahe krankhaften Sparsamkeit des alten Fauves erzählt. Damals musste Berggruen ebenjene blaue Mappe ins Atelier zurückbringen - für Matisses nächsten Kunden.Die Sammlung "Picasso und seine Zeit" im Charlottenburger Museum, einer Dependance der Neuen Nationalgalerie, bleibt uns als Vermächtnis eines Kunstliebhabers, der seine Passion und zugespitzte Kennerschaft mit großzügigem Mäzenatentum verband: 1996 hatte Berggruen sich entschlossen, aus Paris, wo er ein erfolgreicher Kunsthändler und Sammler war, in seine Heimatstadt Berlin zurückzukehren. Von hier hatten ihn die Nazis 1936 vertrieben.Er war der Sohn eines jüdischen Schreibwarenhändlers, und er hatte in Toulouse Literatur und Kunstgeschichte studiert. Damals emigrierte er in die USA, arbeitete für das Kunstmuseum San Francisco und studierte im kalifornischen Berkeley Kunstgeschichte. Kurz vor Kriegsende kehrte er als amerikanischer GI nach Europa zurück, 1945 auch ins zerbombte Berlin: "Das war deprimierend", erinnerte er sich. "Als ob jemand versucht hätte, meine Jugend kaputtzumachen". Dann holte die Unesco ihn 1947 nach Paris, und wenig später eröffnete er seine erste Galerie. Er wurde Picassos Händler und Freund. "Wahrscheinlich wurde ich nur Kunsthändler, um eine eigene Sammlung anlegen zu können", sagte Berggruen über Arbeit und Passion.Er war eine Instanz geworden für die Klassische Moderne, aber ohne je viel Aufhebens von seiner Leistung zu machen. Ruhm, pflegte er Rilke zu zitieren, sei nur die Summe von Missverständnissen, die sich um einen Namen rankten. Doch ihm war gelungen, wovon andere Sammler und Museen träumten: einen wichtigen Teil von Picassos Werk zu vereinen - von den Jugendarbeiten bis zu den Bildern der 70er-Jahre, die in ihrer Intensität schon den Tod erahnen lassen.Sein erstes Kunstwerk hatte Berggruen 1936 in Chicago erstanden: Für 100 Dollar überließ ihm der Händler ein kleines, kafkaeskes Blatt von Paul Klee aus den Zwanzigerjahren mit dem Titel "Perspektiv-Spuk". Paul Klees Werk habe seinen Weg mitbestimmt, schrieb der Sammler in seiner Autobiografie "Hauptweg und Nebenwege". "In meinem Unterbewusstsein muss Klee wohl jene Emotionen heraufbeschworen haben, die mich in glücklichen Jahren meiner Jugend in Berlin vor 1936 erfüllt hatten." Wohl deshalb sei Klee sein Talismann geworden. Berggruen trug das Blatt immer bei sich, egal, auf welcher Reise. 1984 vermachte er es, zusammen mit anderen, dem Metropolitan Museum New York. Dort hängt es bedauerlicherweise bis dato völlig unterschätzt in einem dunklen Gang.Berggruen berief nach seiner Entscheidung für Berlin die Kollektion mit Werken von Picasso über Klee zu Matisse und Cézanne aus der Londoner National Gallery ab und stellte sie den Staatlichen Museen als Dauerleihgabe zur Verfügung. Schon damals plante er, die Sammlung Berlin eines Tages zu einem weit geringeren Preis als ihrem tatsächlichen Wert zu überlassen. Ende 2000 leistete sich die Bundesrepublik den größten Kunstankauf ihrer Geschichte. Sie erwarb die Sammlung Berggruen.Doch tropfte in die Euphorie etwas Wermut: Die Verhandlungen waren zunächst von einer Kaufsumme von 400 Millionen Mark ausgegangen, und das ist - verglichen mit dem Schätzwert der Sammlung von rund 1,5 Milliarden Mark - ein eher symbolisches Angebot Berggruens gewesen, das man auch Teilschenkung nennen konnte. Bund und Land gingen zu Recht bedingungslos auf diese großzügige Geste ein, wussten aber auch, dass sie allein die Mittel hierfür nicht aufbringen konnten. Neben den 200 Millionen Mark vom Bund und 50 Millionen aus Berlin hoffte man, die restlichen 150 Millionen aus der Wirtschaft und von privaten Mäzenen zu erhalten. Eine Hoffnung, die kläglich scheiterte, kein einziger Sponsor meldete sich. Um den Pflichtanteil für seine vier Kinder zu erlangen, trennte sich Berggruen schweren Herzens von fünf Gemälden Cézannes, die er seiner Sammlung über Jahrzehnte und nach so geduldigen wie kostspieligen Aktionen einverleibt hatte. Auch zwei wundervolle van Gogh-Bilder gingen im Mai 2001 zur Auktion.Mit der Sammlung Berggruen, ihren Bildern von Picasso, Klee und Matisse, schlossen sich Lücken im Berliner Museumsbestand im Blick auf die Klassische Moderne. Beinahe hätte die Stadt auch ein Zentrum für Cézanne-Freunde werden können. Aber das konnte sich das reiche Deutschland nicht leisten.Berggruen, der von sich sagen konnte, Sammeln und Handeln weder als Fanatiker noch als harter Geschäftsmann betrieben zu haben, ertrug den peinlichen Politikerstreit und das Versteigerungs-Prozedere mit Würde. Künstlern, Geschäftspartnern und anderen Sammlern auf der ganzen Welt bleibt er in Erinnerung als ein "Gourmet der Kunst". Er hatte die Gabe, das Begehrte still und geduldig aufzuspüren. Und manchmal schwärmte er überschwänglich vom Bild eines Klassikers der Moderne, das er nicht besitzen würde - von Max Ernst etwa, von Braque oder Magritte. Was für ein seltener Zug an einem Sammler: zu lieben, auch ohne zu besitzen.------------------------------Foto: Heinz Berggruen in der Charlottenburger Schlossstraße, unweit des Stülerbaus, in dem seine Sammlung hängt, die er Berlin im Jahr 2000 vermacht hat.