In sieben Jahren kann man einiges verlernen, selbst das Urlaubmachen. Sieben Jahre hatte Charly Hübner ohne Unterbrechung vor der Kamera gestanden, bevor er sich nun endlich frei genommen hat. In der Theorie lautet der Plan: ein paar freie Tage zu Hause in Hamburg, dann ab in die Sonne nach Südfrankreich und schließlich noch ein bisschen Barcelona. An diesem kalten Montagmorgen sitzt Charly Hübner allerdings im wenig mediterranen Berlin und gibt ein Interview. Fällt das auch unter seine Definition von Urlaub, muss man sich da Sorgen machen? Nein, so schlimm sei es nicht, maximal zwei Pressetermine in der Woche, dazwischen Urlaub wie geplant. Und in Berlin sei er schließlich sehr gern. Wobei er tatsächlich meist zum Arbeiten da sei, fällt ihm dann auf.Immerhin hält sich Hübner seit Neuestem regelmäßig in der beliebten Urlaubsregion Mecklenburg-Vorpommern auf. Ein Schritt in die richtige Richtung? Das in jedem Fall, wenngleich die Gründe wiederum beruflicher Natur sind: Charly Hübner ist der neue "Polizeiruf"-Kommissar des NDR. Von Sonntagabend an ermittelt er als Alexander Bukow in Rostock.Geboren in Mecklenburg15 Jahre und 31 Folgen lang war zuvor Uwe Steimle in dieser Funktion in Schwerin unterwegs gewesen, bis sich der NDR im November 2008 für einen Orts- und Personalwechsel entschied. Unterhaltungschef Thomas Schreiber begründete den Schritt damit, dass der "Polizeiruf 110" aus Schwerin "auserzählt" sei. Steimle vermutete hingegen, dass "politische Gründe" hinter der Entscheidung steckten - hatte er doch damals die Kandidatur von Peter Sodann für das Amt des Bundespräsidenten offen unterstützt. "Alles Unsinn", dementierte der NDR, doch vor allem Stammzuschauer waren durchaus besorgt, dass die traditionsreiche Krimireihe, die von 1971 bis 1990 im Fernsehen der DDR lief, an Profil verlieren und die besondere Ost-Perspektive außer Acht lassen könnte.Dem gebürtigen Mecklenburger Charly Hübner wird das sicher nicht passieren. Geboren in Neustrelitz, unternahm er dort auch seine ersten Schritte auf der Theaterbühne. Nach dem Abitur lernte er auf der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" sein Handwerk und ging anschließend nach Frankfurt am Main ans Theater. Seit 2003 spielte er zahlreiche größere und kleinere Rollen in Serien, Kinofilmen oder Fernsehspielen. Für die Rolle als "Polizeiruf"-Kommissar kehrt er in seine alte Heimat zurück, nach Mecklenburg-Vorpommern. "Ich bin auch totaler Lokalpatriot, ich halte das in gewisser Weise für ein optimales Land. Die Natur mit all den Seen und Wäldern ist wahnsinnig präsent und die Leute haben so einen gewissen Charme, den ich gut finde: eine Bescheidenheit, eine große Wachsamkeit, ein wenig Zweifel auch, aber keine Ablehnung."Über das Angebot, den neuen "Polizeiruf"-Kommissar zu spielen, freute sich Hübner jedoch nicht nur wegen Rostock als Drehort. Denn seine Partnerin, die LKA-Fallanalytikerin Katrin König, spielt Anneke Kim Sarnau. Mit ihr hatte Hübner schon im Kinofilm "Nicht von diesem Stern" zusammengearbeitet. Sie hätten sich damals auf Anhieb gemocht und die gemeinsame Arbeit sei großartig gewesen, erinnert sich Sarnau. Hübner ist nicht minder schwärmerisch: "Anneke ist sehr schräg, sehr lustig und immer sehr gut vorbereitet. Und sie ist auf eine tolle Art unkonventionell. Szenen mit ihr werden immer so, wie man es vorher auf gar keinen Fall erwartet hätte."Der neue "Polizeiruf" lebt von den Gegensätzen der Ermittler und der Spannung zwischen ihnen. Neben ihrer unterschiedlichen Erscheinung - Bukow ist groß und bullig, König klein und drahtig - treffen die alte, zupackende und die moderne, abwägende Polizeiarbeit aufeinander. Bukow ist aufbrausend, handelt meist intuitiv und wird schon mal handgreiflich, während sich König den Fällen rational nähert und versucht, die Motive der Verdächtigen zu entschlüsseln.Doch gerade die Kombination ihrer grundverschiedenen Ansätze führt sie zum gemeinsamen Erfolg. In "Einer von uns" müssen König und Bukow den Tod eines dreizehnjährigen Mädchens aufklären. Die Zeit drängt, denn die beste Freundin der Toten wird ebenfalls vermisst. Bei seinen Ermittlungen gelingt es Bukow immer wieder, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. "Du bist doch einer von uns", begründet der junge Zeuge, warum er sich hilfesuchend an Bukow wendet. Doch dort, wo Bukow mit seiner impulsiven Art mitunter einschüchtert, gelangt König durch Raffinesse ans Ziel.Hinzu kommt ein ganz besonderer Grundkonflikt. Bukow, der in der ersten Folge von Berlin in seine Heimatstadt Rostock versetzt wird, hat eine dunkle Vergangenheit, war früher selbst kriminell. So mancher Kollege traut ihm immer noch nicht über den Weg, weswegen König von oberster Stelle auf ihn angesetzt wird und sich nun dem Dilemma ausgesetzt sieht, einerseits mit und andererseits gegen Bukow zu ermitteln.Neben den einzelnen, in sich abgeschlossenen Fällen, wird auch folgenübergreifend erzählt. Die Idee hinter dieser "Polizeiruf"-Reihe sieht Regisseur Eoin Moore, der für die erste Folge auch das Drehbuch schrieb, in einer Langzeitentwicklung, einer starken Grundgeschichte, die mit den Ermittlern verknüpft ist. Moore, der schon beim vorletzten Schweriner "Polizeiruf" Regie führte, schafft in der Auftaktfolge das Kunststück, gleich fünf wichtige Figuren samt ihrem Beziehungsgeflecht einzuführen, Rostock als Handlungsort vorzustellen und nebenbei eine packende Geschichte zu erzählen. Es ist ein Film geworden, dem man seine ganze Aufmerksamkeit schenken sollte, schon allein, weil einem sonst so manches liebevolle Detail entgehen könnte, wie etwa Katrin Königs DVD-Serien-Sammlung oder aber die Accessoires der Polizeiwache.Die Figuren entwickelte Moore gemeinsam mit den Schauspielern. So schrieben Sarnau und Hübner selbst die Biografien von König und Bukow. Bei allen offensichtlichen Unterschieden zwischen ihm und seiner Figur gebe es aber durchaus auch Ähnlichkeiten, räumt Hübner ein. Dazu gehören etwa der trockene Humor und das typisch Norddeutsche. Andererseits glaubt Hübner, dass seine Rolle auch einige überraschen wird. "Die meisten erwarten wahrscheinlich, dass ich wieder als humorvoller Teddybär schalkhaft durchs Bild laufe."Nun, dem ist natürlich nicht so und Hübners schauspielerische Bandbreite deutlich größer. Wenn sich das allerdings weiter herumspricht, dürfte das mit dem Urlaub künftig noch schwerer werden.------------------------------Polizeiruf 110: Einer von uns, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD------------------------------Von Schwerin nach RostockDie beiden neuen "Polizeiruf"-Ermittler treten die Nachfolge des Duos Uwe Steimle und Felix Eitner an, das bisher in Schwerin für den NDR im Einsatz war. Steimle spielte 15 Jahre lang den kauzigen Kommissar Hinrichs.Mit dem Teamwechsel steht auch ein Ortswechsel für den NDR-"Polizeiruf" an: Statt wie bisher in Schwerin spielen die Kriminalfälle künftig in Rostock. Den zweiten, "Aquarius", zeigt die ARD schon am 2. Mai.Anneke Kim Sarnau, die die Profilerin Katrin König spielt, ist seit vielen Jahren in anspruchsvollen TV-Rollen zu sehen und wurde schon mit dem Grimme-Preis, dem Deutschen und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet.------------------------------Foto: Die neuen "Polizeiruf"-Ermittler (Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner) schauen jetzt in Rostock nach dem Rechten.