Alle wollten zu Brecht, als der sich 1949, nach 16 Jahren Exil, in Deutschland niederließ und sein Theater gründete: die zukunftsfrohen Schauspieler, Bühnenbildner, Nachwuchsautoren, die hellen Köpfe und aufgeweckten Geister. Wie muss sich der junge Ekkehard Schall gefühlt haben, als der Meister ausgerechnet ihn, den so viel versprechenden wie rohen Diamanten, den so talentierten wie unerfahrenen Frischling, 1952 von der Neuen Bühne Berlin - dem späteren Maxim Gorki Theater - für sein Ensemble engagierte? Dem Entdecker, Förderer und Übervater blieb er ein Leben lang verpflichtet: Mehr als 40 Jahre am Berliner Ensemble, wo ihn die neidische Konkurrenz bald den "Hauptrollenspieler" nannte und er als der praktisch angewandte Verfremdungseffekt schlechthin galt - bewundert im Inland wie im Ausland, auf Tourneen, die das Berliner Ensemble zum ostdeutschen Exportschlager erster Güte machten. Zwischen Arbeit und Privatsphäre gab es keine Grenze, schließlich war Schall auch mit Barbara, der Tochter Bertolt Brechts und Helene Weigels, verheiratet."Wir wollten alle so viel von ihm nehmen, wie er gewillt war, uns abzugeben", sagte er einmal über sein Verhältnis zum vergötterten Schwiegerpapa. Als der ihm 1955 nach der Premiere von Johannes R. Bechers "Winterschlacht" einen Dankesbrief mit den Worten in die Garderobe legte, seine Gestaltung des Gefreiten Hörder sei "von großer Art", soll er sich den übers Bett genagelt haben. Er rückte ihn auch nicht wieder heraus, als der erzürnte BB ihn dazu aufforderte, weil Schall am zweiten Abend, konsterniert durch die Ablehnung der offiziellen Kritik, seine Interpretation geändert hatte.Schall, 1930 in Magdeburg geboren, spielte am BE mehr als 60 Rollen. Neben Helene Weigel wurde er rasch zu dessen überragendem Star. Seinen fulminantesten Erfolg feierte er 1959 als Arturo Ui, der in über 500 (!) Vorstellungen geradezu sein Alter Ego werden sollte. Die Inszenierung von Peter Palitzsch machte Schall international berühmt.Brecht war sein Schicksal, ob als Baal oder Fatzer, Azdak oder Puntila, Galilei oder in dessen Shakespeare-Bearbeitung als Coriolan. Die Schlachtszenen der legendären "Coriolan"-Aufführung von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert choreographierte 1964 die noch unbekannte Ruth Berghaus. Als Intendantin des Berliner Ensembles besetzte sie dann 1973 den durchaus linientreuen "Ekke" sogar in "Zement" - verfasst vom ideologisch unbotmäßigen Heiner Müller, den sie aus der literarischen Verbannung geholt hatte. Berghaus wurde 1977 an die Staatsoper abgeschoben, Wekwerth ihr Nachfolger, Schall dessen Stellvertreter. Zu dieser Zeit begann das Berliner Ensemble als Museum zu erstarren, in dem sich die ergraute Avantgarde ewig jung fühlen wollte, während die Kunst zum Kunstgewerbe geriet.Mittendrin und mit seinem Talent allein Schall - dieses theaternärrische Urvieh auf leichten Glücksfüßen, seine Balance zwischen expressiver Naturgewalt und komödiantischer Virtuosität mehr erzählerisch tänzelnd als forciert suchend und zusehends seltener findend. 1995 ging er in Rente und wurde ein rarer Gast am BE, etwa als Stalin in Müllers "Germania 3" (Regie: Martin Wuttke). Der riesige Schnurrbart für diese Rolle musste ihm nicht angeklebt werden, weil er ihn ohnedies trug, aber nicht wie der Politiker oder ein polnischer Gewerkschaftsführer, sondern wie ein kaiserlicher Patriarch.Nach der Wende hätte der große Schall zwar tatsächlich aus seinem kleinen Land samt dem abgegrasten Umfeld herausgekonnt, aber es war wohl zu spät und die Verbitterung über die politische Entwicklung zu stark, um neue künstlerische Konstellationen auszuprobieren. So schmückte er, der letzte Brecht-Mohikaner, dubiose Events, wie 1995 im Hebbel-Theater dessen Jugendwerk "David" (Regie: Brigitte Grothum) oder 2004 Müllers "Der Auftrag" (Regie: Ulrich Mühe). Im Theater 89 stand der nimmermüde Denk-, Dampf- und Drangschauspieler regelmäßig auf der Bühne, ohne indes an sein früheres Niveau anknüpfen zu können.Zum 75. Geburtstag im Mai ließ ihm Claus Peymann eine Torte mit der Einladung überbringen, im Herbst im BE aus eigenen, seit Jahren geschriebenen Gedichten vorzutragen. Weder dazu noch zum König Lear ist es gekommen, den Schall in Rostock, wo seine Tochter Johanna das Schauspiel leitet, zeigen wollte. Er starb am Sonnabend nach schwerer Krankheit in Berlin.------------------------------Foto: Brecht war sein Schicksal: Ekkehard Schall (29.5.1930-3.9.2005)Korrektur vom 16. September 2005 - Die im Nachruf zum Tod von Ekkehard Schall genannte Arturo-Ui-Inszenierung (Feuilleton vom 5. September) besorgte Peter Palitzsch nicht allein, sondern zusammen mit Manfred Wekwerth.

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