Es wird ganz von den Ärzten abhängen, ob Erwin Geschonneck heute Abend zum Verbeugen und zum Händeschütteln in die Akademie der Künste kommen kann. So ein hundertster Geburtstag mag schon ein Vergnügen sein, aber er ist auch harte Arbeit, wenn die Beine nicht mehr wollen und der Kopf viel mehr Ruhe braucht als früher.Man muss es sich einfach mal vor Augen führen: Wer 1906 zur Welt kam, gehört zum selben Jahrgang wie Billy Wilder, Herbert Wehner und Dietrich Bonhoeffer, wie Josephine Baker, Hannah Arendt und Adolf Eichmann. Kollegen, Gleichgesinnte und Feinde, längst in den Geschichtsbüchern verewigt. Irgendwie hatte Erwin Geschonneck mit ihnen allen zu tun, entweder direkt oder indirekt. Seine Biografie kann ohne Umschweife ein Jahrhundertleben genannt werden.Die Stationen sind bekannt: Geboren im ostpreußischen Bartenstein als Sohn eines Flickschusters. Mit zwei Jahren Umzug nach Berlin, in die Ackerstraße, Proletarierkiez, Hinterhof. Als der Stummfilmregisseur Reinhold Schünzel 1919 Statisten für sein "Mädchen aus der Ackerstraße" sucht, meldet sich auch der dreizehnjährige Erwin. Er soll einen Jungen spielen, auf dem ein anderer sitzt, das passt ihm nicht, er protestiert und verliert den Job.Der Vorgang ist mehr als eine lustige Anekdote: Er markiert jenen wachen Sinn und proletarischen Stolz, den der Schauspieler ein Leben lang behaupten wird. Als sein Defa-Film "Sonnensucher" (1958) verboten werden soll, weil Regisseur Konrad Wolf den Alltag im sowjetisch gelenkten Uranbergbau zu hart und ehrlich vorführt, äußert Geschonneck sein Unverständnis mit den Worten, das dürfe nicht sein, wo der Film doch zum ersten Mal Kommunisten als Menschen zeige.Das Unberührbare und Abstrakte, mit dem der Arbeiterführer Ernst Thälmann als Filmheld präsentiert worden war, kann er nicht leiden, das sind nicht seine Erfahrungen. Viel näher stehen ihm Figuren, die ihre Kraft aus dem Zweifel, aus der eigenen Fehlbarkeit, aus dem Streit mit sich und anderen beziehen. Die rigoros sein können und zärtlich wie sein Lagerältester Krämer in "Nackt unter Wölfen" (1963). Renitente Träumer und Realisten zugleich.Im Sommer 1930, nach einem Jahrzehnt als Bankbote, Hausdiener und Arbeitsloser, wirkt Erwin Geschonneck zum ersten Mal an einem Film mit: Neben viertausend anderen singt er im Chor der Arbeitersportler in Dudows und Brechts "Kuhle Wampe", für zwei Mark und einen Teller Erbsensuppe als Gage. Das Lied trägt das Wort Solidarität im Titel; der Refrain beginnt mit den Worten: Vorwärts und nicht vergessen. Am Schluss des Films geht auch der Komparse Erwin in die Dunkelheit eines U-Bahn-Schachts, eine symbolische Szene, die da so kurz vor der Machtergreifung der Nazis in den Kinos zu sehen ist.Als Brecht ihn 1949 an sein Berliner Ensemble holt, hat Geschonneck Jahre der Emigration, Auftritte in der Sowjetunion und der CSR, die Ausweisung durch Stalins Geheimpolizei, KZ-Terror in Dachau und Neuengamme hinter sich. Die Bombardierung des Häftlingsschiffes "Cap Arkona" durch die Briten, fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, überlebt er nur durch Zufall. Sein Neuanfang als Schauspieler in Hamburg, bei Ida Ehre an den Kammerspielen, wird durch eine andere Funktion flankiert: Er wirkt in einer Kommission zur Entnazifizierung von Künstlern mit.Dann, in Berlin, besetzt ihn Brecht als Proletarier Matti und ganz gegen die Tradition auch als Molières "Don Juan". Lassen wir ihn den Don Juan doch als sexuelle Macht spielen, soll der Dichter gesagt haben. Er hatte seinen Erwin sehr wohl erkannt.Auch in Frank Beyers Nachkriegskomödie "Karbid und Sauerampfer" (1963) umgarnt Erwin Geschonneck die Frauen gleich reihenweise. Er schlägt schelmische und spöttische Töne an, ein Draufgänger und proletarischer Hansdampf. Aus seinen Augen leuchten Schalk und Lebensgier, da schimmert immer die eigene Vita durch. Einmal, und gewiss nicht von ungefähr, lässt ihn Beyer in einer Kiste mit alten Filmprogrammen kramen und ein Titelblatt mit Hans Albers finden. Dessen berühmter Satz "Hoppla, jetzt komm ich!" passt auch auf Geschonneck.Zu dieser Zeit ist er in der DDR längst ein Volksschauspieler, fast jedes Jahr mit einer neuen Hauptrolle in Kino und Fernsehen präsent. Manchmal spielt er Figuren, deren Handlungen er missbilligt, aber er gibt sie nie dem Schema preis, sondern sucht nach psychologischen, sozialen, moralischen Wurzeln: wie im "Beil von Wandsbek" (1951), der Studie eines Nazimitläufers, der zum Mörder wird, oder in "Schlösser und Katen" (1957), als Gutsverwalter, der auf die Rückkehr seiner alten Herrschaft wartet und Sabotageakte ausheckt. In "Gewissen in Aufruhr" (1961) ist er der Wehrmachtsoberst, der seine Stadt nach langem Ringen kampflos an die Russen übergibt.Sein komisches Talent beweist Geschonneck als heiratsschwindelnder "Lord am Alexanderplatz" (1967), ein Charmeur, der aus dem Westen in den Osten übersiedelte. In "Bankett für Achilles" (1975) porträtiert er einen Meister im Chemiewerk Bitterfeld, der unfreiwillig in den Ruhestand muss: eine Rolle, in der er existenzielle Regungen ohne viel Worte durchschaubar macht. In anderen Filmen singt er mit Inbrunst Küchenlieder oder spielt alte Seemänner, die dem Provinzialismus des Heimathafens trotzen.Als Erwin Geschonneck 1993 den Deutschen Filmpreis für sein Gesamtschaffen erhält, dankt er im Beisein hoher Beamter für "die Anerkennung meines künstlerischen und politischen Lebens". Auch diejenigen, die es gar nicht gern hören, dass er sich nach wie vor als Kommunist bekennt, erheben sich applaudierend von ihren Plätzen. Jahre später wird ein Versuch gestartet, sein Lebenswerk zu demontieren, indem seine Akte als Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit ans Licht geholt wird. Der Versuch scheitert: Geschonneck hat niemanden denunziert, er brachte nur ein paar berechtigte Beschwerden über künstlerische Probleme bei der Defa ein.Heute, zum Geburtstag, bleibt das öffentlich-rechtliche Feiern vor allem den ostdeutschen Sendern vorbehalten. Erst übermorgen, zwei Tage zu spät und versteckt im Nachtprogramm, zeigt die ARD den letzten Geschonneck-Film "Matulla und Busch". Das Mainzer ZDF, das nahezu jeden in die Jahre gekommenen Star des Dritten Reiches mit einer Geburtstagsala und Retrospektiven bedenkt, will sich gleich gar nicht an Geschonneck erinnern. Da wächst eben doch nicht zusammen, was nicht zusammen gehört.------------------------------Ein Draufgänger und proletarischer Hansdampf. Aus seinen Augen leuchten Schalk und Lebensgier, da schimmert immer die eigene Vita durch.------------------------------Foto: Der Jahrhundertmann: Schauspieler Erwin Geschonneck vor fünf Tagen mit seiner Ehefrau Heike im Berlin-Carree.