Er ist spät gegangen. Seine Geschichte hätte ihn schon viel früher verschlingen können.Wie alt kann einer werden, der als Kind immer hungrig ist, von Krätze geplagt und so rachitisch, dass ihm die Ärzte die krummen Beine brechen wollen, um sie in eine gerade Stellung zu zwingen? Wie wahrscheinlich war es, als ein deutscher Genosse im Sowjetland Stalins Säuberungen zu überstehen? Wie viele haben wie er die Konzentrationslager von Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme überlebt? Nur 350 der 4 000 Häftlinge konnten sich am 3. Mai 1945, fünf Tage vor Kriegsende, an das Ufer retten, als die von Briten bombardierte "Cap Arcona" in der Lübecker Bucht brannte und versank. Er war einer von ihnen.Erwin Geschonneck wurde 101 Jahre alt und lebte bis eben noch in Berlin-Mitte.So lange es ging, war er ein Spaziergänger. Er liebte lange Fußmärsche durch seinen Kiez und winkte zurück, wenn ihn die Passanten erkannten und grüßten. Danach zählte er gerne die 112 Stufen bis zu seiner Wohnung im 9. Stock, weil er aus sportlichen Gründen den Fahrstuhl ablehnte. Später verfluchte er seine müde werdenden Beine, denen sein Kopf vorauseilte. Zu seinem 100. Geburtstag holte man ihn zum Fest in der Akademie der Künste ab, sonst verließ er in den letzten Jahren die Wohnung nicht mehr.Mit der Karl-Liebknecht-Straße 9 entfernte er sich nur einen Kilometer Luftlinie von seiner Kindheit in der Ackerstraße, einer Kindheit, die er in seinen Erinnerungen einen "dunklen Traum" nannte.Er hat diese Gegend nie verlassen. Nach 1989 beobachtete er ihre Veränderungen mit Misstrauen und Nachdenklichkeit. Denn die Weltenwende schickte seinem Leben ein paar Fragen hinterher, mit denen ein Mann seines Alters nicht mehr hatte rechnen müssen.Das waren ganz kleine Fragen - wie die Umgestaltung seiner Hausfassade nach Weststandard und somit auch mit einem anderen Balkon. Danach konnte er im Sitzen nicht mehr die Marienkirche sehen, was er sehr bedauerte. Und eine ganz große Frage stand plötzlich vor ihm: Ob es falsch gewesen war, wenn einer wie er immer an den Kommunismus glaubte. Falsch und vergebens.Diese Frage hatte er nach der Wende fast in jedem Interview gehört. Und deutlich verneint.Er war ein erwachsener Mann, als er berühmt und reich wurde. Das Kind Erwin startete aus der hintersten Reihe.Erwin Geschonneck wird am 27. Dezember 1906 im ostpreußischen Bartenstein geboren. Als er zwei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Berlin, in ein Proletenviertel, Ackerstraße 6/7, Seitenflügel. Die Mutter stirbt an Schwindsucht, als Erwin drei Jahre alt ist. Von fünf Geschwistern überleben zwei. Auf einem Klassenfoto trägt Erwin kein Hemd unter der Jacke, er hat keins. Der Vater bringt die Kinder als Nachtwächter durch und überlässt dem Sohn abends sein noch körperwarmes Bett. In der Küche wird Schnaps gebrannt, es riecht nach Fusel. Im Stockwerk darunter gibt es einen kleinen Puff, Familienbetrieb, eigentlich friedlich. Aber als ein Freier die Zeit überzieht, schlägt der Ehemann mit dem Hammer zu, erst Jahre später verblasst der Blutfleck im Treppenhaus.Erwins einsamer Vater versucht es mit neuen Frauen, die vor den Kindern Wirtschafterinnen genannt werden. Erwin lernt im Hof tanzen, zur Musik der Leierkastenmänner. Wenn seine große Schwester ausgeht, klebt sie sich einen weißen Papierfetzen auf den ausgebrochenen Vorderzahn, wegen der besseren Fernwirkung. Sie bringt Erwin sentimentale Küchenlieder bei, die lebenslang zu seinem Repertoire gehören werden. Ein Kollege des Vaters hat Syphilis, Erwin sieht bei einem Besuch ein halbblindes Gespenst, das sich den Leib zerkratzt. Heinrich Zille hat solche Leben gezeichnet.Es ist nicht absehbar, dass aus dieser Welt ausgemergelter Verlierer, aus den Hinterhöfen ohne Sonne und dem Dunst der Destillen ein Entkommen möglich ist. Außer man wird politisch, wie Erwin.1919 tritt er in die KPD ein. Vorher war er schon bei den Fichte-Sportlern. Aus einem Aushilfsleben als Bürobote, Hilfstischler, Hilfsfahrstuhlführer, Zeitungsverkäufer, Hausdiener, Schuhputzer und leibhaftiges Werbeplakat findet er einen Absprung: Er singt in Massenchören, wird Statist im Arbeiterfilm "Kuhle Wampe" und gehört zu proletarischen Agitpropgruppen. Mit ihnen spielt er in Deutschland, ab 1933 in der Emigration. 1938 wird er aus dem Sowjetparadies ausgewiesen. 1939 fängt ihn die SS in Prag.Die schiefe Kinnlade kommt von einem Unfall in der Kindheit. Das nuschelnde Berlinern kommt aus der Ackerstraße. Das Gesicht entsteht ein Leben lang: zwei rigorose Achsen, eine spartanische Inspiration der Natur. Die Schläfenhaut hängt über den Oberlidern. Ein Schildkrötenblick. Die Augen stürzen zum Außenwinkel ab, wie im Schmerz.Er ist der Leidensmann in einer Bildmontage der "Arbeiter-Illustrierten Zeitung" im Mai 1934: John Heartfield hat den nackten Geschonneck auf ein Hakenkreuz gelegt wie auf das Rad.Danach gibt es lange keine Fotos von ihm. Nach der Rettung aus dem Konzentrationslager nimmt ihn die Intendantin Ida Ehre in den Hamburger Kammerspielen unter Vertrag. Geschonneck arbeitet jetzt auch in einer Kommission mit, die prüft, welche deutschen Künstler entnazifiziert werden können. Nebenbei hilft er noch beim Rundfunk aus, hat aber als Sprecher von Wasserstandsmeldungen wenig Erfolg. Für den Einsatz in Hörsendungen wird er so vorgeschlagen: "39 Jahre, Naturbursche, ranke, derbe Männer." Da ist er schon vierzig und immer noch ein Anfänger.Mit 43 Jahren ist er berühmt.Eigentlich will er zu Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater, aber dann holt ihn doch Bertolt Brecht ans Berliner Ensemble. Geschonneck spielt in "Herr Puntila und sein Knecht Matti" den Chauffeur. Die Premiere am 8. November 1949 wird Geschonnecks Triumph. Der Mann startet jetzt hungrig, auf Rollen, Geld und Liebe. Er wird fünf Mal heiraten und drei Kinder haben: Matti, Fina, Alexander.Nie wieder nach dem Leben im KZ will sich Geschonneck von jemandem anschreien lassen. Ein eiserner Vorsatz. Brecht brüllt ihn und andere Schauspieler auf Proben an. Geschonneck geht weg vom Theater, trotz aller Bittbriefe von Brecht - er geht nun endgültig zum Film und zum Fernsehen.Eine Auswahl: "Das kalte Herz" (1950), "Das Beil von Wandsbeck" (1951), "Sonnensucher" (1958), "Fünf Patronenhülsen" (1960), "Nackt unter Wölfen" (1963), "Karbid und Sauerampfer" (1963), "Berlin um die Ecke" (1965), "Jeder stirbt für sich allein" (1970), "Jakob der Lügner"(1974, die einzige Oscar-Nominierung eines Defa-Films), "Bankett für Achilles" (1975), "Levins Mühle" (1980), "Matulla und Busch" (1995).Im Spiel verbindet Geschonneck Zartheit mit Ingrimm, Charme mit einer verinnerlichten, naturhaften Renitenz. Eine proletarische Männlichkeit, autoritär, unübersehbar. Ein großer Selbstdarsteller, wie Gabin oder Piccoli oder Mastroianni. Am liebsten spielt er in Filmen, bei denen es was zu lachen gibt."Erwin" sagen die Leute, wenn sie von ihm reden. Was allerdings nicht verhindern wird, dass bei der großen Feier zu seinem 90. Geburtstag - am 27. Dezember 1996 im Fernsehturm am Alexanderplatz - ein überforderter Moderator mit ganz falscher Assoziation dem eintreffenden Jubilar ein "Willkommen, Erich!" entgegenschmettert.Man zeichnete Erwin Geschonneck mit Nationalpreisen aus und wählte ihn in Präsidien. Nicht in Parteileitungen, dafür war er zu uneinsichtig und polternd. Er gehörte zu den Wenigen in der DDR, die sich den Widerspruch leisteten, den sie sich leisten konnten.Hinter Geschonnecks offizieller Bilderbuchkarriere standen nie verwundene Niederlagen: Der Film "Wind von vorn" kam wegen "Formalismus und Proletkult" nie heraus. "Sonnensucher" und "Berlin um die Ecke" wurden erst Jahre später zugelassen. Auf einer Veranstaltung des Film- und Fernsehverbandes verlangte er die Zulassung des verbotenen Films "Spur der Steine" von Frank Beyer. Er erntete eine Streichung dieser Passage im verbandsinternen Protokollband. Seine Autobiografie "Meine unruhigen Jahre" konnte erst nach der Wende in der ursprünglichen, kritischeren Fassung publiziert werden.Als Erwin Geschonneck 1993 den Deutschen Filmpreis erhält, spricht er nur kurz: "Ich danke Ihnen für die Anerkennung meines künstlerischen und politischen Lebens." Mehr nicht. Die Gäste aus dem Osten und aus dem Westen stehen auf und applaudieren.Seine Frau Heike führt ihn auf den Platz zurück. Seine fünfte Ehefrau, vierzig Jahre jünger. Er traf die schöne Lehrerin, als er schon 62 war. Anfangs hielten beide ihre Silberne Hochzeit für unmöglich. Sie haben sie 1995 gefeiert, ihr Sohn ist ein Spezialist für Computer-Forensik. Erwin nennt seine Heike "Madame", und sie hält ihn lange jung durch Heiterkeit, Abfordern von Kavalierspflichten und Weghören, wenn er zu lamentieren beginnt.Geschonneck liest noch, mit einer starken Lupe, aber er wird körperlich schwächer und kann schlecht hören. Er freut sich auf seinen 100. Geburtstag im Dezember 2006. Mit Kugelschreiber malt er auf einen Zettel, was seine Frau zum Fest anziehen soll, und unter einem Spitzenstoff deutet er die Halbkreise weiblicher Brüste an.Zum 100. Geburtstag wird er in der überfüllten Akademie der Künste am Pariser Platz gefeiert. Heike schiebt ihn im Rollstuhl durch die Gratulanten. Der Bundespräsident ist nicht gekommen, auch kein Berliner Senator, Klaus Wowereit lässt seinen Glückwunsch verlesen.Als Geschenk zum 101. Geburtstag wünscht sich Erwin Geschonneck ein Urnengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, nahe bei Brecht. Seine Frau reserviert den Platz. Geschonnecks Altmännerkopf ist immer schöner geworden, aber sein Geist versinkt in einer eigenen Welt. Heike Geschonneck findet ihren Mann am frühen Mittwochmorgen, er ist im Frieden mit sich in seinem Bett eingeschlafen.1995 hat er, im Alter von 88 Jahren und mit seinem Sohn Matti als Regisseur, "Matulla und Busch" gedreht. In dem Fernsehfilm, erbt Geschonneck ein Haus in Berlin. Er lässt sich aus dem Altersheim im Rollstuhl hinschieben und trifft auf rebellische Hausbesetzer in einer Abrissbude. Dass der alte Querkopf mit dieser Jugend eine Kraftprobe besteht, verlangte das Drehbuch. Aber es lag in der Aura des Schauspielers, dass man noch auf eine andere Idee kam: Dieser Alte mit seiner Geschichte und diese Jungen mit ihrer - das könnte ein kräftiges Widerspruchspotenzial in jeder unbehaglichen Gesellschaft sein.Erwin Geschonneck sagte nach den Dreharbeiten, "Matulla und Busch" wäre unwiderruflich sein letzter Film. Und dabei bleibt es.------------------------------"Mein Leben war voller Kämpfe, voller Niederlagen, voller Freude, voller Glück. Was will ich mehr. Nun gut." Erwin Geschonneck------------------------------Foto: Erwin Geschonneck, 1906 - 2008