Wenn man in Hollywood das große Rätsel der Leinwandpräsenz lösen will, sagt man einfach: die Kamera liebt einen Schauspieler. Leinwandpartner und Regisseure waren oft erstaunt, dass Gary Cooper beim Drehen keinerlei Regung zu zeigen schien. Sie entdeckten erst beim Anschauen der Muster, dass in Coopers Fall die unterschiedlichsten Gefühlsausdrücke nur durch eine Nuance voneinander geschieden waren. Gary Cooper hatte sein Handwerk noch zu Zeiten des Stummfilms erlernt. Seine stärksten Momente sind arm an Worten; was es zu erfahren gibt, lässt sich in seinem Gesicht lesen. Cooper besaß eine Aura, die sich bereitwillig der Kamera offenbarte und doch mehr war als nur eine Projektionsfläche für Zuschauer und Regisseure.Einer wie Gary Cooper gewinnt eigentlich keine Oscars: allzu unauffällig ist die dramatische Rhetorik seines Spiels. Dass Cooper dennoch fünfmal nominiert wurde und zweimal gewann ("Sergeant York", 1941; "Zwölf Uhr mittags", 1952), verdankt sich vor allem dem Umstand, dass er jene Art von Helden glaubhaft verkörperte, die dem US-Publikum lange die liebsten waren: die unverhofften. Cooper konnte selbst Bescheidenheit und Anstand einen wahrhaft glamourösen Zug verleihen; durchschnittlichen Helden verhalf er zu übermenschlicher Größe. Alle großen Regisseure Hollywoods wollten mit ihm arbeiten: von Sternberg, Hawks, de Mille, Lubitsch bis hin zu Wyler; nur John Ford fehlt auf der Liste. Obwohl Gary Cooper mit einer Körpergröße von 1,90 m die meisten seiner Kollegen überragte, besaß er doch keine statuarische physische Präsenz. Seine schmalen Schultern, der gesenkte Blick, die sorgenvoll zusammengepressten Lippen und der gemessene Schritt prädestinierten ihn vielmehr für ursprünglich friedfertige Charaktere, die erst eine moralische Verpflichtung zum Handeln bewegt und die es Überwindung kostet, sich der Gewalt zu stellen. Coopers Helden wirken verlegen, als würden sie aus ganz privaten Gedanken aufgeschreckt. Das Sprechen ist für sie nie eine Selbstverständlichkeit - immer geht ihm eine Zeit der Überlegung voraus. Dieses Zögern schlägt unmittelbar in die Dramaturgie der Filme um: die Komödien, in denen er für Frank Capra den arglosen Jedermann spielt, der sich nicht vom Zynismus der Großstadt und der Raffinesse der Frauen übertölpeln lassen will, kulminieren in jenen Momenten, wenn er endlich das Wort ergreift und für seine Sache einsteht.Gary Coopers Schönheit war nie trügerisch, sondern beglaubigte die Aufrichtigkeit. Selbst Lubitschs Blaubart spielt er als eher schalkhaften, gutmütigen Verführer. Gleichwohl konnte er nie ganz verbergen, wie viel puritanische Beherrschung in seiner Leinwandpersona steckte. Es passt zu Coopers Legende, dass er eine der wenigen Hollywoodehen von Bestand führte - mit Veronica Balfe, die er respektvoll "Rocky" nannte. Billy Wilder handelte sich beträchtlichen Ärger ein, als er in "Ariane - Liebe am Nachmittag" (1957) mit diesem Image brach und Cooper als den versierten Casanova zeigte, der er womöglich früher war. Zu Anfang der 30er-Jahre waren seine zahlreichen Affären mit Leinwandpartnerinnen publicityträchtig vom Studio lanciert worden. Die langjährige Liaison mit Patricia Neal, seiner Partnerin in "Ein Mann wie Sprengstoff" (1948), korrespondierte bezeichnenderweise mit einem Karrieretief und erschien der Öffentlichkeit als moralische Krise. Coopers Comeback mit "Zwölf Uhr mittags"(1952) wurde entsprechend enthusiastisch als Erneuerung gefeiert.Doch er war gealtert. Eine Patina melancholischer Könnerschaft hatte sich auf seinen Zügen abgelagert; das Lächeln wollte nicht mehr ganz so leicht fallen wie noch vor dem Krieg. Sein letztes Jahrzehnt wurde das reichste seiner Leinwandkarriere: ein Anlass zu wehmütiger Spekulation darüber, um wie viele schöne Altersrollen ihn (und die Zuschauer) der Krebstod wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag gebracht hat. In seinen letzten Jahren spielte Gary Cooper gebrochene Figuren, die ihre verloren gegangenen Ideale zurückgewinnen wollen - Wilders "Ariane" formuliert dies als eine romantische Wiedergeburt. Sein Talent, komödiantische Verve gegen Ende eines Films in Melancholie und Tragik zu überführen, fand hier seine endgültige Ausprägung. Wer ihn je in der Abschiedsszene mit Audrey Hepburn auf dem Gare de Lyon gesehen hat (neben "Vera Cruz" eine der herzzerreißendsten der gesamten Kinogeschichte), spürte, dass dieser Mann wusste, was Verlust bedeutet.