BERLIN, 30. Januar. Mürrisches Gesicht, grauer Popeline-Mantel. Hansjörg Felmy kann man sich kaum anders vorstellen als in der Rolle des TV-Kommissars Heinz Haferkamp. 20 Folgen lang, von 1974 bis 1980, hat Felmy den "Tatort"-Ermittler aus Essen gespielt. Haferkamp gehörte damals zu einem neuen Typ von Kommissar, und ist vielleicht deshalb bis heute so gut in Erinnerung geblieben. Keine Vaterfigur, keine Führungsperson. Ein sachlicher Mann ohne Illusionen, der sich der Vergeblichkeit seiner Anstrengungen bewusst ist. Seine Ehe ist gescheitert, das Büro ist zu seinem Wohnzimmer geworden, er scheint sich hauptsächlich von Buletten und Bier zu ernähren. Ein zuweilen recht sarkastischer Kommissar, der schon lange weiß, dass Schuld nicht vor Gericht gerächt wird. Ein Realist, der sich an das Gegebene hält: "Früher hab ich Romane verschlungen, heute langweilt mich alles Erfundene zu Tode", sagt Haferkamp schon in der ersten Folge. Und seinen jungen Kollegen belehrt er brüsk: "Freundschaften schließt man, wenn man jung ist." Der Autor Michael Rutschky sagt, Haferkamp habe etwas vom Charisma Humphrey Bogarts zugeteilt bekommen; ein deutscher Beamter "mit Zügen von Raymond Chandlers Detektiv Philip Marlowe". Und Kritiker-Kollege Eike Wenzel zieht Vergleiche mit Simenons Kommissar Maigret und dem Schauspieler Lino Ventura. Trotz aller Kühle und Abgeklärtheit ist Kommissar Haferkamp eine liebenswürdige Person; etwa wenn er sich einsam zu Hause seine Jazzplatten auflegt, oder wenn er nicht ganz eindeutige Blicke und Bemerkungen mit seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum) tauscht, die er regelmäßig trifft und auf deren Rat er hört. Angenehm auch, dass diesem Vertreter der Staatsmacht das Wohl der Menschen durchaus mal wichtiger ist, als die Sorge um die öffentliche Ordnung.Haferkamp/Felmy musste man mögen. Und das konnte wohl nicht anders sein. Denn der Schauspieler, der heute 70 Jahre alt wird, ist wirklich einer, der vom Publikum geliebt werden will. Der nicht nur ein knuddeliges Gesicht hat, sondern ausgerechnet als junger Wehrmachtsheld ("Stern von Afrika", 1956) und Verkörperung des guten Deutschen ("Wir Wunderkinder", 1958) seine ersten Erfolge hatte. Das Image des aufrechten, sauberen, treuen Jungen ist Hansjörg Felmy nie ganz losgeworden. Auch nicht als Kommissar im Ruhrgebiet. Weder ein echter Rebell sei er, noch Mamas Liebling, sondern jemand, der sich an der Vätergeneration rieb, aber sich auch mit ihr aussöhnte, so hat mal ein Kritiker Felmys frühes Profil beschrieben. Die Sympathie des Publikums scheint immer auf seiner Seite zu sein. "Dagegen kann man nicht anspielen", hat der Schauspieler später selbst einmal dazu gesagt. Hajo Gies, einer der Regisseure der Haferkamp-"Tatorte" und später auch bei den Schimanskis dabei, hatte so seine Schwierigkeiten mit Felmy: "Er wollte nirgendwo richtig anecken. Er wollte vom Publikum geliebt werden und immer mehr der Verständnisvolle sein, er wollte verstehen und quasi wie ein Sozialhelfer agieren." Felmy zu einer Brüll-Szene zu überreden, habe lange Diskussionen erfordert. Mit Haferkamps Nachfolger Schimanski (Götz George), sollte das ganz anders werden.Felmy, Sohn eines Generals und Schulabbrecher, verdingte sich zunächst als Schlosser und Buchdrucker. Er reiste kurz bei einer Wanderbühne mit, bevor er 1947 Schauspielunterricht nahm und ans Theater ging. Bereits Ende der 50er- Jahre war er einer der bestbezahlten Stars des deutschen Kinos, in der "Buddenbrooks"-Verfilmung stellte er als der Patrizier-Chef einen Reife- und Alterungsprozess über mehrere Jahrzehnte nach. Nach dieser besonderen Leistung wurde es still um Felmy. Der deutsche Film kam in eine Krise; wohl aus finanziellen Gründen machte Felmy bei Edgar-Wallace-Produktionen mit. Ansonsten blieb er bei TV-Rollen wählerisch ("Ich bin kein Querulant, aber es kann lange dauern, bis ich zu etwas Ja sage"). Im Zweifelsfall zog er Theater und Hörfunk vor. 1971 kam mit dem Thriller "Alexander Zwo" sein TV-Comeback; 1974 begannen die Haferkamp-"Tatorte". Die Rolle gab Felmy 1980 auf, weil ihm die Drehbücher nicht mehr gefielen. Mit späteren TV-Projekte ("Airport", "Hagedorns Tochter") hatte Felmy nicht immer Glück, gelobt wurde aber sein Auftritt in Wolfgang Menges Sechsteiler "Unternehmen Köpenick". Derzeit erholt sich Felmy, der seit 1986 in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Claudia Wedekind verheiratet ist, von einem langwierigen Rückenleiden. Die Osteoporose, die immer wieder zu Wirbelbrüchen führt, quält ihn seit 1996. Zwischen den physiotherapeutischen Einheiten gibt er ab und zu Interviews, in denen Felmy die Legende vom schwierigen Schauspieler pflegt und über schlechte Drehbücher und die miserable Qualität des Fernsehens räsonniert. Er hält sich viel darauf zugute, finanziell vorgesorgt zu haben und macht mäßige Witze über Sex ("hormonische Ehe") und Alkohol: "Früher habe ich einen ganzen Karton Wein abends allein getrunken, heute trinke ich drei Flaschen am Tag." Ob er auf den Bildschirm zurückkehren wird, lässt Felmy offen. "Ich bin begnadeter Freizeitverwerter", sagt er. Das klingt fast schon wieder so sympathisch wie Haferkamp. Der Kommissar bewies melancholischen Humor - auch im Moment des Scheiterns. Einmal ist Haferkamp verzweifelt, weil er den Freitod eines Jugendlichen nicht verhindern konnte, und spricht mit seiner Ex-Frau. Die sagt: "Du hast getan, was du konntest." Er antwortet: "Tja, dann kann ich eben nichts." So etwas haben nur wenige deutsche TV-Kommissare gesagt.Haferkamp & Kollegen // Die TV-Krimiserie "Tatort" der ARD gibt es seit 30 Jahren. Die erste Folge lief am 29. November 1970. In diesem Jahr wird die 500. Folge ausgestrahlt.Für den WDR wurden bisher tätig: Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp), Oberkommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy), Kommissar Enders (Jörg Hube), Kommissar Kreutzer (Willy Semmelrogge), die Hauptkommissare Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik), Hauptkommissar Flemming (Martin Lüttge) sowie die Hauptkommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär).Zum Jubiläum des "Tatorts" sind zwei Bücher erschienen. "Das große Tatort-Buch" von Holger Wacker (Henschel Verlag, 29,90 Mark) ist eher als Lexikon angelegt und erzählt alle "Tatorte" bis zur Folge 425 jeweils in Kurzform nach. "Ermittlungen in Sachen Tatort" des Herausgebers Eike Wenzel (Bertz Verlag, 29,80 Mark) mit schön zu lesenden Essays und spannenden Interviews ist dagegen eher kulturhistorisch angelegt."Gegen die Sympathie des Publikums kann man nicht anspielen." Hansjörg Felmy CINETEXT Er ermittelte nur im Popeline-Mantel. Der Schauspieler Hansjörg Felmy als Oberkommissar Haferkamp.