Fünfzehn Jahre lang hat Mickey Rourke kaum Filmangebote bekommen. Zuletzt musste er sich als Türsteher für Transvestitenclubs durchschlagen. Jetzt hat er das wohl sensationellste Comeback der letzten Jahre geschafft. In Darren Aronofskys "The Wrestler" spielt der 57-Jährige einen alternden Showkämpfer, der nach dem Leben im Ring süchtig ist.Mickey, mit "The Wrestler" haben Sie gezeigt, was für Talent in Ihnen steckt - noch immer. Glückwunsch!Vielen Dank. Ich bin wirklich stolz auf diesen Film und merke, dass mir wieder Respekt entgegengebracht wird. Es ist aber auch einfacher, über einen Film zu reden, der echt gut ist, als nur so zu tun, als wäre er es.Er könnte Ihnen am Sonntag sogar einen Oscar einbringen. Wie fühlen Sie sich dabei?Ich bin sehr dankbar, dass mir eine zweite Chance gegeben wurde. Das schulde ich Darren Aronofsky, dem Regisseur. Der wollte "The Wrestler" unbedingt mit mir machen. Ich hatte gehört, dass er ein schlauer Kerl ist, dass er großartige Filme macht, dass er keine Kompromisse eingeht und nichts mit Hollywood am Hut hat. Als wir uns das erste Mal trafen, sagte er, er habe aber kein Geld, um mich zu bezahlen. Ich dachte: Der ist auch noch irre!Ihr alter Freund Bruce Springsteen hat extra für Sie einen Film-Song geschrieben, heißt es.Ich habe in meiner "zornigen Phase", wie ich es nenne, 13 Jahre lang nicht mit Bruce gesprochen. Dann sind wir uns vor zwei Jahren zufällig begegnet und haben uns wieder öfter getroffen, auf Konzerten oder zum Essen. Ich dachte, ein Song von Bruce für "The Wrestler" wäre cool - aber das konnten wir uns nicht leisten. Daher schrieb ich ihm einen sehr langen und persönlichen Brief.Wie hat er darauf reagiert?Bruce hatte gerade zwei Freunde aus seiner Band verloren, was ich aber nicht wusste. Als er mich anrief und sagte, er hätte da einen Song für mich fertig, fand ich, dass das so ziemlich das Netteste war, was mir je passiert ist: dass ein Mensch in einer Zeit, die für ihn selbst sehr schwierig ist, mir so ein Geschenk macht.Wie haben Sie es geschafft, für den Film zu solch einem Muskelpaket zu werden?Ich habe wie irre Gewichte gedrückt. War zwei Stunden täglich beim Wrestling und ging dann noch ins Sportstudio. Gegen die echten Wrestler sah mein Körper aber immer noch winzig aus.Haben Sie sich im Ring mal ernsthaft verletzt?Oh ja, jeden Tag. Ein Wrestler trainiert knapp zehn Jahre, bis er sich so umher schmeißt wie ich. Ich hatte aber nur drei Monate Zeit. Wenn ich auf den Boden fiel, fiel ich wie ein Ziegelstein. Ich bin jeden Abend fluchend nach Hause gegangen und habe in diesen drei Monaten mehr Zeit bei Ärzten verbracht als in den zehn Jahren beim Boxen.Für das Boxen haben Sie 1991 als Leinwand-Star die Schauspielerei aufgegeben. Warum?Das Boxen war meine große Liebe und mein erster erlernter Beruf. Mit elf habe ich schon in Miami trainiert, in derselben Boxhalle wie Muhammad Ali. Mit 16, nach einer Gehirnerschütterung, habe ich aufgehört. Ich habe mich deshalb aber immer geschämt und hatte das Gefühl, gekniffen zu haben. Darum musste ich zurück in den Ring - um mich wieder wie ein Mann zu fühlen.Was hat Sie sechs Jahre später zur Einsicht gebracht?Dass ich nichts mehr hatte. Meine Frau, mein Haus, meine Glaubwürdigkeit und meine Seele, alles war weg. Ich bin verdammt tief gefallen. Darum habe ich mich aus allem ausgeklinkt. Das Einzige, was ich mir noch erlaubte, waren die Gänge zum Seelenklempner, zum Fitness-Studio und manchmal auch zur Kirche.Hatten Sie Angst, es nie mehr auf die Leinwand zu schaffen?Ich hatte Riesenschiss und war mir sicher: Die Party ist vorbei. Du bist Vergangenheit.Was bereuen Sie am meisten?Ziemlich alles. Ehrlich, es gibt kaum etwas, das ich nicht bereue. Das wird eine verdammt lange Aufzählung.Wovon träumen Sie, wenn nicht vom Oscar?Ich arbeite seit 16 Jahren an einem eigenen Drehbuch, es heißt "Wild Horses". Und mein Ziel ist es, das Skript bis zum Herbst fertig zu haben.Leben Sie denn jetzt wie ein Heiliger? Oder darf auch nochmal gefeiert werden?Hey, klar! Wir leben doch nur einmal.Das Gespräch führte Mariam Schaghaghi.------------------------------Foto : Mickey Rourke, 57, versuchte sich nach ersten Filmerfolgen als Profi-Boxer, scheiterte aber und bekam seither kaum noch Rollenangebote. Jetzt ist er mit "The Wrestler" sogar Oscar-Kandidat.